Außenwirtschaft 28.03.2003, 19:24 Uhr

Mit Power ins neue Europa

Der Handel mit den osteuropäischen Reformstaaten boomt. Immer mehr deutsche Firmen verkaufen und fertigen im Osten. Die anstehende EU-Erweiterung dürfte den Trend noch verstärken.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat der Handel zwischen Deutschland und den mittel- und osteuropäischen Reformländern einen enormen Aufschwung genommen. Fast 12 % der deutschen Ausfuhren gehen heute in die Länder Mittel- und Osteuropas – deutlich mehr als in die USA. Klaus Mangold, Vorsitzender des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, ist überzeugt: „Der Ostanteil am deutschen Außenhandel wird weiter steigen“. Schließlich leben in Osteuropa etwa 375 Mio. Menschen – ebenso viele wie im Westen Europas.
Nach Hatto Brenner, geschäftsführender Gesellschafter der AWI International Business Consultants, sind im Durchschnitt 15 % der Osteuropäer – 50 Mio. – wohlhabend und in der Lage, alles was gut, exklusiv und Image fördernd ist, zu kaufen. Sie leben vor allem im Einzugsgebiet der Hauptstädte. Produkte „Made in Germany“ seien sehr beliebt, die Zusammenarbeit mit deut-schen Firmen begehrt: Geschätzt werden deren Zuverlässigkeit und das technische Know-how.
Weit verbreitet ist laut Brenner Deutsch als Fremdsprache, insbesondere bei jungen Menschen; zumindest aber Englisch. Das erleichtert es auch mittelständischen Unternehmen, Zugang zu den Märkten zu finden und die Marktchancen zu nutzen. Als relativ hoch gilt der Ausbildungsstand in den osteuropäischen Ländern – vor allem in den technischen Bereichen.
Die Produktionschancen in Mittelund Osteuropa werden zunehmend erkannt. Nach Erhebungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), beabsichtigte bereits 2001 jeder dritte deutsche Industriebetrieb in den Reformstaaten zu investieren – ein Drittel der Firmen sogar deutlich mehr als in den Jahren zuvor.
Mittlerweile in allen Reformländern präsent ist Siemens. Der deutsche Elektroriese lässt Telefone, Elektromotoren oder Generatoren bauen und hat Softwarehäuser in der Region gegründet. Nach Ansicht von Albert Hochleitner, Chef von Siemens in Österreich, hat sich die deutsche Wirtschaft den Chancen in Osteuropa anfänglich nicht voll gestellt. Aber spätestens seit Mitte der 90er Jahre, so der Siemens-Manager, „steckt viel Power dahinter“.
Deutschlands führender Reifenhersteller Continental produziert in Rumänien und in der Tschechischen Republik. Continental-Sprecher Andreas Meurer verweist auf gut ausgebildete und hochmotivierte Mitarbeiter. Es herrsche eine Aufbruchstimmung wie in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Hohes Lob zollt der Conti-Mann der „extrem guten Ausbildung“ der Mitarbeiter im technischen Bereich.
Auch mittelständische Unternehmen zeigen Flagge in Osteuropa. Die Moorgut Kartzfehn von Karneke OHG – einer der großen deutschen Putenzüchter – blickt auf zwölf Jahre Erfahrung im Geschäft mit Osteuropa zurück. Polen ist für die Putenspezialisten das wichtigste Exportland. Will man dort erfolgreich agieren, braucht es laut Geschäftsführer Ewald Drebing einen langen Atem. Besonders wichtig sei es, sich auf die Mentalität vor Ort ein zustellen. So herrsche in Polen eine „schleppende“ Zahlungsmoral. Es sei eher unüblich, Zahlungstermine einzuhalten. Aber, so Drebings Erfahrung: „Polen arbeiten gern mit Deutschen zusammen.“
Die Steinhoff Möbel Unternehmensgruppe aus Westerstede im nördlichen Niedersachsen baute nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ihr Engagement in Osteuropa aus und verfügt heute über 14 Standorte in Polen und jeweils eine Produktionsstätte in Ungarn und in der Ukraine. Frank Eberle, Geschäftsführer von Steinhoff Germany, ist vor allem von dem hohen Fachwissen und von der Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter beeindruckt. Wichtig ist für Eberle die Zusammenarbeit mit qualifiziertem Fachpersonal auf ausländischer als auch auf deutscher Seite. Er rät Unternehmen, die in Osteuropa tätig werden wollen dringend dazu, ein westlich denkendes aber lokal verwurzeltes Management einzusetzen.Von Bedeutung sind für die Steinhoff Gruppe ferner das wesentlich günstigere Lohnniveau und die niedrigen Sozialkosten. Schwierigkeiten bereitet dem Möbelhersteller besonders die unstete Lage in Gesetzes- und Steuerfragen.
Auch Paul Bernhard, als Finanzierungsspezialist der IKB Deutsche Industriebank für Osteuropa-Investoren tätig, empfiehlt eine einheimischen Geschäftsführung, der – im Sinne von balance of power – stets aber auch ein Deutscher angehören sollte.
Ingrid Mattäus-Maier, Vorstandsmitglied der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), mahnt Unternehmen mit schmalem Budget – angesichts bestehender Risiken – zur Vorsicht. Noch immer stellten Bürokratie, Schattenwirtschaft, in Teilen auch Korruption und vor allem die teilweise fehlende Rechtssicherheit eine hohe Hürde für die Aktivitäten ausländischer Unternehmen dar. Es sei schon schwierig, wenn man bei Vertragsproblemen sein Recht nicht einklagen könne.
Insgesamt aber ist der Übergang zur Marktwirtschaft in den meisten Reformstaaten weit vorangekommen. Ostausschuss-Vorsitzender Mangold: „Es gibt gewaltige Fortschritte, weil der Reformwille enorm ist.“ D. HEUMANN

Messe Reallocation
Via Leipzig in die Reformstaaten
Acht Monate nach ihrer Premiere erlebt die Standortmesse für Mittel- und Osteuropa Reallocation vom 8. bis 9. Mai 2003 in Leipzig ihre zweite Auflage. Neben Polen, Tschechien, Ungarn sind erstmals Estland, Lettland, Litauen, Slowenien, Bulgarien, Rumänien, Kroatien und die Stadt Moskau vertreten. Zu den Ausstellern zählen u.a. Wirtschaftsförderer, Kommunen, Banken und Immobilienmakler. Erneut werden am 10. Mai interessierte Investoren in Chartermaschinen zu Standorten und Gewerbeparks in Mittel- und Osteuropa geflogen.  ps

 

Von D. Heumann

Stellenangebote im Bereich Einkauf und Beschaffung

HARTING Electric GmbH & Co. KG-Firmenlogo
HARTING Electric GmbH & Co. KG Global Industrial Engineer – New Products (m/w/d) Rahden

Alle Einkauf und Beschaffung Jobs

Top 5 Konjunktur

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.