Wirtschaftspolitik 27.06.2003, 18:25 Uhr

Leipzig lockt mit Schiene und Airport

Mit jeder Menge Infrastruktur wollen sie Unternehmen nach Sachsen locken und sich auf Olympia 2012 vorbereiten. Am nächsten Montag eröffnet der neue Fernbahnhof am Flughafen, der damit sogar Berlin-Schönefeld Paroli bieten könnte.

Die beiden Monteure der CenoTec GmbH vollbringen fast artistische Leistungen, um das Membrandach zu spannen und zu befestigen. In 4 m Höhe stützen sie mit ihrer Arbeitsbühne das 150 m2 große Kunststoffgewebe, das mit Glasfasern verstärkt und mit Teflon beschichtet ist. Mal ducken sie sich unter die künftige Dachhaut und schrauben an den Spannern der Gurtbänder, die das Material in Dehnung halten und langsam, Zentimeter für Zentimeter, nach oben ziehen. Dann zwängen sie sich wieder durch den noch verbliebenen schmalen Spalt zwischen Membran und Stahlträger hindurch, an dem sie noch befestigt wird.
Es ist eines der letzten von 40 Dachfeldern, die künftig Reisende auf dem neuen Fernbahnhof des Flughafens Leipzig-Halle vor Regen schützen sollen. Für Anja Meier, die als Realisierungs-Managerin der Deutschen Bahn AG die Fäden beim Bahnhofsbau zieht, war die komplizierte Dachmontage eine der größten Herausforderungen. „Die Oberleitung über den Gleisen war ja schon drin. Da ist es schwierig, die nötige Baufreiheit zu schaffen.”
Am 30. Juni soll der Fernbahnhof – pünktlich zum Fahrplanwechsel – in Betrieb gehen. Leipzig-Halle ist nach Frankfurt/Main, Düsseldorf und Berlin-Schönefeld bundesweit der vierte Airport, der an die Fernstrecken der Bahn angebunden ist. Der Flughafen-Express steuert ihn schon seit einem halben Jahr aus Leipzig an, ab Montag fährt er teils bis in das benachbarte Halle. Dann halten hier auch die beiden InterCity-Züge, die noch auf alten Gleisen südlich des Flughafens ins Ruhrgebiet und nach Norddeutschland rauschen.
Am Flughafen selbst sind es nur ein paar Schritte von Bahnhof, Parkhaus oder Bus zum Check-in im Zentralterminal, das auch gerade erst im März eröffnet wurde. Hier überrascht ein außergewöhnlicher Blick auf die Interkontinental-Start- und Landebahn und die Rollbrücken, auf denen die Flugzeuge über die Autobahn rollen. Einen Steinwurf weiter liegt das Schkeuditzer Kreuz, wo sich A?14 und A?9 queren – die modernen Nachfolger der legendären europäischen Handelsrouten Via Regia und Via Imperii, die Leipzig einst als Handelsplatz wachsen ließen.
Über das Autobahnkreuz und die Bahnstrecke schwebt ein Turboprop-Flugzeug Dornier 328 der Cirrus-Airline aus Köln-Bonn zur Landebahn. Cirrus und andere kleinere Gesellschaften fliegen aus Leipzig/Halle inzwischen fünf deutsche Städte und sieben europäische Hauptstädte an. Die Lufthansa nutzt den Flughafen als Zubringer für ihre Drehkreuze Frankfurt/Main und München. Das Hauptgeschäft sind derzeit allerdings noch die Ferienflieger. Flughafen-Geschäftsführer Wolfgang Hesse kämpft um jede Linienverbindung und weiß: „Die Fluglinien kommen nur, wenn die Region attraktiv ist.“
Durch den Bahnhof und die neuen Zugverbindungen sind Magdeburg und Dresden etwas näher gerückt. Zukunftsmusik ist noch die ICE-Strecke Berlin-Leipzig-München, die auch über den Flughafen führen soll und für die inzwischen die Finanzierung steht.
Bis sich die noch katastrophalen Schienen- und Straßenverbindungen nach Südwest-Sachsen bessern, dauert es noch einige Jahre. In dieser Richtung soll ein weiteres Leipziger Infrastruktur-Großprojekt die Fahrt beschleunigen: Ab Juli wird ein 4 km langer City-Tunnel gegraben, durch den ab 2009 Züge vom nördlichen Hauptbahnhof nach Süden fahren können.
Der weiteste Weg für die Reisenden auf dem Flughafen Leipzig ist 300 m lang: vom Check-in-Bereich durch eine überdachte Einkaufsbrücke zum Abflug-Terminal. Dabei werden die Fluggäste von ihrem Gepäck überholt. Mit 20 km/h saust es unterhalb der Mall auf einem Rollband zu einer mehrstufigen Sicherheitskontrolle. Bei Problemen fordert ein Display den Reisenden schon am Ende der Mall auf, sich bei der Gepäckkontrolle einzufinden.
Noch wirkt der Flughafen für die 2 Mio. Fluggäste pro Jahr überdimensioniert. Aber die Weichen für mehr Passagiere sind schon gestellt: Wenn das Leipziger BMW-Werk im Frühjahr 2005 seine Arbeit aufnimmt und die erhofften neuen Investoren folgen, dürfte die Wirtschaftskraft der Region steigen. Die Arbeitslosenquote zählt hier derzeit knapp 20 %. Und dann winken ja noch die Olympischen Spiele 2012. „Wir sind dafür gerüstet“, so Hesse. „Derzeit könnten wir 4,5 Mio. Fluggäste pro Jahr abfertigen, durch Ausbauten bewältigen wir aber auch 15 Mio.“
Ein Investor, der die Infrastruktur-Vorteile der Leipziger Region früh erkannte, ist die Porsche AG. Die Flitzerschmiede montiert im Güterverkehrszentrum (GVZ), wenige Kilometer vom Flughafen entfernt, ihren Gelände-Sportwagen Cayenne. Vor dem weiträumig abgesperrten Porsche-Gelände rangieren Güterzüge, die vorgefertigte Karosserien aus dem slowakischen Bratislawa heranschaffen. Per Bahn und Schiff wird auch ein Großteil der fertigen Autos zu den Kunden nach Übersee transportiert. Und wenn es schnell gehen soll, lässt Porsche auch mal 35 Cayenne am Flughafen in ein Transportflugzeug verladen.
Die Porsche-Investition hat auch die Vermarktung der GVZ-Flächen angekurbelt. Inzwischen ist das weitläufige Areal, groß wie 150 Fußballfelder, schon zu vier Fünfteln an Logistik-, Handels- und Produktionsunternehmen vermarktet. Thomas Nünninghoff, Geschäftsführer der GVZ-Entwicklungsgesellschaft, kann künftigen Investoren im Süden des Standorts schon die Flächen zeigen, die demnächst erschlossen werden: Wo früher einmal Zuckerrüben wuchsen, werden künftig Wirtschaftsgüter veredelt und umgeschlagen. Die Baumgruppe vor dem neuen Gelände will Nünninghoff als Grünstreifen erhalten: „Das ist gut fürs Auge und für die Umwelt.“ Die neuen Flächen lassen sich leicht an das Güterverkehr-Gleissystem anbinden.
Ein Prestigeobjekt für umweltfreundlichen Güterverkehr arbeitet in unmittelbarer Nachbarschaft: Auf dem Terminal für den kombinierten Ladungsverkehr schwenken zwei Ladekrane Container von den heranfahrenden Lkw herüber auf den bereitstehenden Güterzug. Im Nachtturn werden sie Chemikalien, Textilien und Maschinen zu den Seehäfen Hamburg und Bremerhaven transportieren.
Die Container, die exportorientierte Firmen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen hier auf weite Bahnreisen schicken, werden immer mehr: „Die Frühschicht hat heute nicht gefrühstückt“, erzählt Terminal-Leiterin Christine Och. „Wir sind zu 90 % ausgelastet.“ Zum Jahresende sollen die Gleise unter den Kränen von 350 m auf 700 m verlängert werden. So müssen die Güterzüge zum Beladen nicht mehr entkuppelt werden, was Zeit spart.
Wie an einer Perlenschnur reihen sich inzwischen die Wirtschaftsstandorte entlang der A?14 im Norden von Leipzig: Nach Flughafen und GVZ folgt das Messegelände – und in dessen Sichtweite stehen inzwischen schon die Rohbauten für das BMW-Werk. Damit ab 2005 alles rund läuft, muss allerdings noch die Leipziger Südautobahn A?38 alternativ zur oft verstopften A?14 fertig werden.
Zögerlich fließende Mittel aus verschiedenen Haushaltstöpfen des Bundes sowie Planungsprobleme brachten allerdings Zeitverzug. „Möglicherweise schaffen wir es noch bis zum Frühjahr 2005“, hofft Regierungspräsident Walter-Christian Steinbach. „Dann müssten aber alle Gelder rechtzeitig fließen.“ Steinbach sieht die Region auch für die Ansiedlung weiterer Investoren gut gerüstet. Das nächste Projekt, für das sich der Regierungspräsident einsetzt, ist eine Autobahn in Richtung Cottbus.   STEFAN SCHROETER

Ost-Modelle
Die Drohung waren deutlich. Anlässlich des Metallerstreiks warnte BMW davor, seine Investitionen im Osten zu überprüfen. Eine davon: das neue Werk in Leipzig, das ab 2005 rund 5000 Arbeitsplätze bringen soll. „Diese Absicht werden wir unter den gegebenen Voraussetzungen noch einmal prüfen“, so Ernst Baumann, BMW-Personalvorstand. Das Werk wird zu rund einem Drittel mit 363 Mio. « staatlicher Beihilfe gebaut. Anders reagiert man wenige 100 m entfernt bei Porsche. Da ohnehin der Haustarifvertrag ausläuft, werde gegenwärtig neu verhandelt. Von den 40 Stunden werde man sicher ein bisschen heruntergehen, so Unternehmenssprecher Christian Dau. 35 Stunden seien aber auch bei Porsche kein Thema. Übrigens: Das Werk in Leipzig soll ohne Subventionen aufgebaut worden sein. (Seite 4)   rb

Von Regine Bönsch

Stellenangebote im Bereich Einkauf und Beschaffung

HARTING Electric GmbH & Co. KG-Firmenlogo
HARTING Electric GmbH & Co. KG Global Industrial Engineer – New Products (m/w/d) Rahden

Alle Einkauf und Beschaffung Jobs

Top 5 Konjunktur

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.