Wirtschaftspolitik 25.01.2008, 19:32 Uhr

„Krumm gelegt“ für Nokia  

Der weltgrößte Mobilfunkkonzern will trotz erneut gestiegener Profite den Standort schließen. Über 4000 Menschen verlieren ihre Arbeit – in der Produktion, in Forschung und Entwicklung. Grund genug für Arbeiter und Ingenieure am Dienstag dieser Woche gemeinsam auf die Straße zu gehen.

Kurz bevor sich der Demo-Zug in Bewegung setzt, verlässt die Frühschicht das Werk. Noch schnell einen Sticker angesteckt, ein Plakat entrollen und los geht“s auf die kurze Strecke zum Riemker Markt. Auch Gabriele Telgenbrock hat bis eben gearbeitet. „Wir in der Fertigung haben jetzt viel mehr zu tun, seitdem die Leiharbeiter weg sind“, erklärt die 54-Jährige. Die nämlich waren von einem Tag auf den nächsten verschwunden. Jetzt bestücken die Nokianerinnen in der Produktion nicht mehr nur die hochkomplexen Maschinen, sie müssen auch die Montagearbeiten der Zeitarbeiter mitübernehmen.

Telgenbrocks Handy klingelt. Immer noch ein Nokia-Gerät. Schließlich ist man hier mitten im Ruhrgebiet stolz auf die Produkte, die man in den großen Hallen wenige Meter entfernt zusammengebaut hat. Nein, der Geburtstag morgen fände nicht statt, erklärt Telgenbrock trocken. „Abgesagt – wegen Nokia.“ Nicht kämpferisch, nicht echauffiert sagt sie das, eher still und leise. Alle hier sind noch immer im Schockzustand.

Erst zehn Tage ist es her, da verkündete das Nokia-Management auf einer regulären Aufsichtsratssitzung seine Absicht, den gesamten Standort Bochum stillzulegen. „Es war um 9.15 Uhr in einem ganz normalen Vorgespräch“, erinnert sich die Betriebsratsvorsitzende Gisela Achenbach. „Da hat man uns in fünf Minuten um die Ohren gehauen, dass 2300 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.“

Achenbach war vor 19 Jahren eine der ersten Mitarbeiterinnen hier – damals in der Geburtsstunde von Nokia Bochum, als man mit 70 Leuten noch Fernsehgeräte produzierte. Die eigenen Werte, die das Unternehmen immer hochgehalten hätte, würden jetzt mit Füßen getreten, erklärt sie. Der ruhigen Betriebsrätin fallen die Worte hörbar schwer: „Wir fühlen uns verarscht, verraten und verkauft.“

Schließlich hätten auch die Bochumer den Erfolg des Unternehmens miterwirtschaftet, sich immer kooperativ gezeigt. Sieben Tage in der Woche, wenn es notwendig war. Extraschichten konnten kurzfristig angekündigt werden. Noch Ende letzten Jahres wurden Sonderschichten gefahren, natürlich auch an Weihnachten. Achenbach betont: „Wir waren immer flexibel.“ Jetzt prognostiziert sie zynisch, dass den Mitarbeitern im März parallel zu ihrem Bonus für gute Arbeit die Kündigungen ins Haus flattern.

Vorne im Demonstrationszug schlagen Stahlarbeiter von Thyssen Krupp Steel auf einem Lastwagen eine dicke Glocke, die bei ihnen immer dann zum Einsatz kommt, wenn es irgendwo im Revier kriselt. Dahinter tragen Nokianer einen schwarzen Sarg. Der Pott brodelt – mal wieder. Belegschaften von Opel, Thyssen Krupp Steel, Ford und Demag sind dabei, genauso wie Polizisten, Erzieherinnen, Rentner. Menschen aus der Rhein-Ruhr-Region – Duisburg, Gelsenkirchen, Köln und Solingen bekunden Solidarität. Der Nokia-Slogan „Connecting People“ erhält an diesem Dienstag eine ganz neue Bedeutung.

Auch über Ländergrenzen hinweg. „Leider haben wir es in der Vorstandsebene mit Menschen zu tun, die jede Affinität zu Menschen verloren haben“, so lautet der Text einer E-Mail, die ein finnischer Forscher seinen deutschen Kollegen schrieb. In Bochum wird nämlich nicht nur die Produktion stillgelegt. Hier schließt auch die komplette Forschung und Entwicklung. Hightech für Handys – erfunden in Bochum. In diesen Tagen tüftelt man gerade an Chipsätzen für das mobile Fernsehen DVB-H und am Mobilfunkstandard der vierten Generation.

„Hier haben 400 Menschen die Zukunft von Nokia mitentwickelt, doch die fällt jetzt aus – zumindest in Bochum“, erklärt Ludwig Schwoerer sarkastisch. Der Ingenieur hat noch bis vor wenigen Monaten bei Nokia leitend geforscht. Jetzt ist er Professor an der FH Bochum. Ja, man habe im F&E-Bereich den Abbau erahnt. Spätestens seitdem der F&E-Chef, ein Amerikaner, behauptet habe, dass Forschung im teuren Silicon Valley gemacht werden müsse und Palo Alto weiter ausgebaut werden solle, spitzten die Bochumer Ingenieure ihre Ohren. Aber auch, als bereits unterschriftsreife Projekte mit dem Bundesforschungsministerium abgelehnt wurden.

Abfindungen für einzelne hoch qualifizierte Arbeitskräfte seien teuer, heißt es unter den Ingenieuren hinter vorgehaltener Hand. Jetzt werde es billiger.

„Deutschland verliert einen wichtigen Forschungsstandort für Mobilfunk“, so Schwoerer und er weiß, dass auch Diplomarbeiten und andere Kooperationen an Fachhochschulen und Unis in der Region bedroht sind. Ein ehemaliger Kollege ergänzt: „Mit uns gehen die Multiplikatoren.“

Einigen Ingenieuren hat Sasken Technologies, eine indische Firma, Angebote gemacht. „Die sitzen schon im zweiten Stock“, erklärt der FH-Professor und deutet auf das große graue Nokia-Gebäude. Aber für ihn und die anderen steht fest, dass auch das nur ein Übergang ist. Das Know-how wandert dann nach Indien.

In Ulm, wo über 430 Ingenieure für Nokia arbeiten, seien noch zahlreiche Stellen zu besetzen, erklärt Werner Hammer, Gesamtbetriebsrats-Vorsitzender Nokia Deutschland. Der Ulmer Ingenieur war am Montag mit anderen Arbeitnehmervertretern bei der Konzernspitze in Finnland. Dort habe man ihm versichert, dass Ulm ein wichtiger Standort bleibe, der ausgebaut werde.

Die Bochumer wissen: Für die älteren Ingenieure wird es schwierig, die jüngeren suchen jetzt bundesweit. Bleibt die Hoffnung, dass das Unternehmen seinen Mitarbeitern genug Zeit zur Arbeitssuche lässt. Und, dass Nokia keine Nachahmer findet.

„Wir reden hier nicht über ein kränkelndes Unternehmen, das seine Produktion schließt. Nokia schreibt schwarze Zahlen“, wettert die Bürgermeisterin von Bochum, Ottilie Scholz (SPD), von der Bühne, vor der sich rund 15 000 Menschen versammelt haben.

Und was für schwarze Zahlen. Am Donnerstag nach Redaktionsschluss legte der Konzern seine jüngsten Ergebnisse vor. Gewinne von rund 6,8 Mrd. € in 2007 und damit ein Plus von 65 %, Umsatzsteigerungen von 23 % auf 50 Mrd. €, so schätzten bis Mittwoch Analysten die Zahlen ein.

Nur wenige hoffen immer noch, dass Konzernchef Olli-Pekka Kallasvuo seine Entscheidung zurücknimmt oder gar, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bei den finnischen Managern etwas erreicht. „Politik kann helfen“, krächzt derweil IG-Metall-Chef Berthold Huber ins Mikrofon. „Es kann nicht sein, dass Gewinne privatisiert sind und derweil die Kosten der Arbeitslosigkeit auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.“

Kein euphorisches Klatschen, nur ein kurzes lautes Trillerpfeifenkonzert und allseitiges Nicken. „Das ist ein verlorener Krieg“, bemerkt Heike Kafali (43) ruhig. Sie und ihre Kolleginnen arbeiten in der Verpackung. 50 Mio. Handys haben hier im letzten Jahr das Werk verlassen. Jetzt haben Kafali und die anderen schon deutlich weniger zu tun, räumen Reste weg, arbeiten als Springerinnen in anderen Abteilungen. Die Aufträge seien längst nach Rumänien gewandert, mutmaßen einige.

„Wir waren eine Volumenfabrik für den Weltmarktführer Nokia und haben uns krummgelegt für Stückzahlen“, so Kafali. Und es klingt bitter, wenn sie von Kolleginnen an den Fertigungslinien berichtet, die unter dem aktuellen psychischen Druck zusammenbrechen.

Das kann auch in der nächsten Nachtschicht passieren. Kafali hat die Hoffnung schon nach zehn Tagen aufgegeben: „Meinen Geburtstag Anfang März werde ich hier nicht mehr feiern.“

REGINE BÖNSCH

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