Wirtschaftspolitik 17.05.2002, 18:20 Uhr

Kräftemangel bremst Wachstum

Die Kosten sind stark gestiegen, und in einigen Regionen sind kaum Arbeitskräfte zu bekommen.

Audi-Fahrer wissen ungarische Qualität zu schätzen. Die Vier-, Sechs- oder Achtzylinder unter den Hauben mit den vier Ringen stammen fast durchweg aus dem Motorenwerk im Nordwesten des Magyarenlandes. „1992 haben wir Györ aus 180 möglichen Standorten in Europa ausgewählt“, erinnert sich Pressesprecher Jürgen De Graeve. Das Rennen machte die Donaustadt wegen der guten Infrastruktur und der Flexibilität: „Bei Bedarf können wir 365 Tage im Jahr rund um die Uhr produzieren“, erläutert De Graeve. Sonntagsarbeit? Kein Problem. Sonderschichten? Auf freiwilliger Basis schnell zu organisieren.
„Wir haben hier gute Fachkräfte gefunden“, so der Pressesprecher. Zudem zeigten sich die ungarischen Behörden bei der Ansiedlung sehr kooperativ. So wurde das Werksgelände zur zollfreien Zone erklärt, was eine flexible An- und Ablieferung der Produktionskomponenten und Motoren ermöglicht. Mittlerweile kommt fast die gesamte Audi Motorenpalette aus dem Werk Györ mit seinen 4740 Mitarbeitern. Im April 1998 begann die Serienproduktion von Audi TT-Modellen in Ungarn. Seit April 2001 wird auch die Endmontage des Audi A3 dort durchgeführt.
Vom EU-Beitritt Ungarns erwartet De Graeve für seinen Konzern kaum Auswirkungen. „Wir hoffen, dass dann vielleicht mehr Zulieferer aus dem Motorenbereich ins Land kommen.“ Ausländische Investoren schrecke derzeit wohl der hohe Beschäftigungsgrad im Nordwesten Ungarns gepaart mit der relativ geringen Mobilität der Arbeitnehmer. Weil Wohnraum knapp ist, sei die Bereitschaft umzuziehen gering.
Die annähernde Vollbeschäftigung bremst auch den Edelstahl-Sytemanbieter Schmidt + Clemens im ungarischen Bicske, einer von acht Produktionsstätten weltweit. 1993 übernahm die Gruppe dort einen führenden Feinguss-Hersteller. Nach umfangreichen Investitionen verlagerte S+C die deutsche Feinguss-Fertigung komplett an den kostengünstigen Standort Ungarn. „Eigentlich würden wir gern unsere Wertschöpfungskette in Bicske noch um die mechanische Bearbeitung verlängern“, sagt Geschäftsführer Gerhard Völkner. „Doch wir sitzen dort zwischen Budapest und dem Audi-Werk in Györ – und bekommen kaum noch qualifizierte Kräfte.“ Dennoch bleibt der Geschäftsführer positiv für den Standort gestimmt. „Unsere 120 Mitarbeiter – durchweg lokale Kräfte – machen ihren Job sehr akkurat. Bicske ist eines unserer Vorzeigeunternehmen.“
Wie Völkner urteilten die meisten deutschen Investoren in einer Umfrage der Deutsch-Ungarischen IHK Anfang 2002. Ihre Kritikpunkte: zu wenige Arbeitskräfte, überforderte Behörden, Defizite im Ausbildungssystem. Andererseits äußerten sich 82 % der Befragten mit ihrem Ungarn-Engagement zufrieden. Indes zeigen die strukturellen Defizite und die weltweite Rezession Wirkung: Nur noch 25 % der Unternehmen mit deutschem Kapitalanteil wollen weiter investieren. In den Vorjahren lag die Quote noch bei 50 %.
Dabei gebe es noch attraktive Geschäftsmöglichkeiten, meint Renata Varga von der staatlichen Agentur Business2Hungary, die für potenzielle Investoren zum Beispiel kostenlos Recherchereisen organisiert. „Gute Bedingungen finden vor allem Software-Hersteller sowie Unternehmen der Elektro- und der Autoindustrie“, wirbt Varga. Und schließlich habe Ungarn mehr als gute Küche und Thermalbäder zu bieten – Steuererermäßigungen zum Beispiel.  MARTIN VOLMER

Beitrittskandidat: Ungarn
Musterschüler und schwieriger Nachbar
Die EU freut sich über erfreuliche Wirtschaftsdaten und eine gefestigte Demokratie in Ungarn. Doch mit den benachbarten Beitrittskandidaten hat es sich Budapest vorerst verdorben: So hatte die alte Regierung etwa ungarischen Minderheiten aus den Nachbarstaaten Privilegien – u.a. das Recht auf dreimonatige Arbeit in Ungarn – zuerkannt. Rumänen und Slowaken befürchten deswegen Spannungen in den Grenzgebieten. Auch war Budapest nicht darum verlegen, die Innenpolitik der Nachbarn zu kommentieren – etwa als es den Tschechen die Aufhebung der Benes-Dekrete empfahl.
Vom Wahlsieg der Sozialisten Ende April erhoffen sich nun viele eine Wende in der Außenpolitik – und damit auch eine Verbesserung des Investitionsklimas. Unternehmen mit ausländischer Kapitalbeteiligung sind immerhin für knapp die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes verantwortlich. Das Wohlstandsgefälle zur EU indes ist immer noch beträchtlich: Das Pro-Kopf-Einkommen der Ungarn beträgt nur 50 % des EU-Durchschnitts.
Um fit für den Beitritt zu sein, will die neue Regierung künftig eine strenge Haushaltsdisziplin einhalten. Mit Blick auf die Stabilitäts-Kriterien soll das Defizit von heute 5,5 % auf knapp 2 % reduziert werden. KATJA WILKE

Von Katja Wilke

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