Konjunktur 01.08.2003, 18:26 Uhr

Konjunkturfrühling im Herbst

Echte Impulse der Konjunkturbelebung kommen aus den Märkten der New Economy, wie Dr. Kurt Demmmer, Chefvolkswirt der Unternehmerbank IKB in seinem folgenden Beitrag darlegt.

Der aktuelle Ifo-Konjunktur- Index deutet eine Trendwende an, Märkte aus der New Economy wie etwa die Halbleiter-Industrie haben wieder Wachstumshoffnungen, die Reformen der sozialen Sicherungssysteme kommen – wenn auch holprig – voran, und die vorgezogene Steuerreform schafft zusätzliche Kaufkraft: Können wir uns also bald wieder auf ein höheres Wirtschaftswachstum freuen?
Betrachtet man den Ifo-Index genauer, so ist es bislang nur die Hoffnung, nämlich die zukünftigen Erwartungen, die den Index ansteigen lassen. Die aktuelle Lage schätzen die Unternehmen dagegen verhaltener ein als zuletzt. Dies korrespondiert auch mit der Tatsache, dass die Auftragseingänge in der Industrie, die zu Jahresbeginn entgegen der allgemeinen Stimmung aufwärts gerichtet waren, sich wieder abschwächen. Die wenig dynamische Weltkonjunktur und die Aufwertungstendenz des Euro belasten unsere Ausfuhren. Erleben wir also eine ähnliche Situation wie im Frühjahr des vergangenen Jahres, als eine konjunkturelle Erholung erwartet wurde, die sich dann aber doch nicht realisierte?
Positive Impulse kommen tatsächlich aus den Märkten der New Economy. Nach einigen Jahren der Investitionszurückhaltung ist zum Beispiel im PC-Sektor, aber auch in der gesamten Telekommunikationsindustrie im kommenden Jahr wieder mit einem Nachfragewachstum zu rechnen, das, gemessen an der Expansion der Old Economy-Märkte, als kräftig zu bezeichnen ist, wenngleich zweistellige Wachstumsraten, wie wir sie gegen Ende der 90er Jahre erlebt haben, nicht zu erreichen sind.
Hoffnungsvoll stimmen auch die Botschaften der Großunternehmen. Die Restrukturierungsmaßnahmen der letzten zwei Jahre beginnen zu wirken, in der Mehrzahl können die Unternehmen Verbesserungen der Ertragssituation vermelden, für 24 der 30 Dax-Unternehmen wird eine Verbesserung des Ergebnisses erwartet, und dies wirkt sich über die abendlichen Börsennachrichten auch positiv auf die Stimmung von Investoren und Verbrauchern aus. Überdies werden bei der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung wichtige strukturelle Veränderungen in Angriff genommen. Und schließlich stärkt die Steuerreform die Kaufkraft der Verbraucher.
Wohin entwickelt sich also die deutsche Wirtschaft?
Die Gefahr einer Deflation besteht definitiv nicht – und sie hat auch nie bestanden. Wir erleben derzeit einen Rückgang der Preissteigerungsraten, der im Wesentlichen bedingt ist durch den Rückgang der Ölpreise und den starken Euro. Überdies handelt es sich nicht um einen breitflächigen Rückgang der Preise in allen Bereichen, und erst recht nicht ist zu befürchten, dass sich Verbraucher und Investoren mit ihren Kauf- bzw. Investitionsentscheidungen zurückhalten, „weil morgen alles billiger wird“.
In vielen Märkten ist es seit Jahren eine Realität, dass sich Preise rückläufig entwickeln, und dennoch ist es nie zu einer Abwärtsspirale aus sinkender Nachfrage und rückläufiger Produktion gekommen. Dies beweist zum Beispiel der PC-Markt, in dem fortlaufende Preisreduzierungen den Verbraucher nicht davon abgehalten haben, das mit vielen technischen Neuerungen versehene aktuellste Modell zu kaufen.
Wie wenig berechtigt die Befürchtungen für eine Abwärtsspirale sind, zeigt das Beispiel aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre, als Deutschland eine längere Phase mit sinkendem Preisniveau erlebte bei gleichzeitig aber starkem wirtschaftlichem Wachstum.
Andererseits sollten derzeit die Hoffnungen aber auch nicht zu groß sein, dass wir schon bald wieder eine Größenordnung von wirtschaftlichem Wachstum erreichen können, das ausreicht, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die jetzt im Rahmen der Agenda 2010 in Gang gebrachten Reformen weisen zwar alle in die richtige Richtung. Aber strukturelle Reformen, zum Beispiel des Arbeitsmarktes, müssen erst in der Praxis der Arbeitsgerichte über die Jahre ihren Niederschlag finden, ehe Unternehmer wieder stärker Vertrauen fassen und bei sich abzeichnender konjunktureller Erholung auch wieder bereit sind, Arbeitskräfte einzustellen. Neues Vertrauen ist nicht so schnell zurückzugewinnen.
Nachhaltige Effekte der jetzt eingeleiteten Strukturreformen sind deswegen nicht bereits in Jahresfrist zu erwarten. Deswegen wird die gewisse Aufwärtstendenz, die momentan erkennbar ist, zwar dazu führen, dass wir im kommenden Jahr nach drei Jahren der Stagnation wieder eine Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts erreichen werden, die man mit dem Prädikat „Wachstum“ versehen kann. Aber ein über das Jahr 2004 hinaus greifender positiver Wachstumstrend mit Raten von über 2 % wird damit noch nicht eingeleitet. Der strukturelle Reformbedarf in Deutschland bleibt weiterhin bestehen, und der politische Einigungsprozess zeigt, wie mühsam die Realisierung von Reformzielen ist. In der Gesundheitsreform kommt das Element des Wettbewerbs und der Effizienz noch zu kurz, und bei der Steuerreform verdeckt die Diskussion um die Defizitfinanzierung den Blick auf die viel zu hohe Staatsquote. In der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts werden wir daher nur begrenzt eine Lösung unseres größten wirtschaftspolitischen Problems, nämlich der Beseitigung der Arbeitslosigkeit, erreichen können.
KURT DEMMER

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