Konjunktur 25.12.1998, 17:20 Uhr

Konjunktur 1999: Weniger Schwung durch schwierigere Rahmenbedingungen

Im kommenden Jahr ist mit belastenden innenpolitischen Regelungen und mit Export-Einbußen zu rechnen. So Alexander von Tippelskirch, Chef der Industriebank, in seiner folgenden Prognose.

Das Jahr 1998 zeigte für die deutsche Wirtschaft in vielerlei Hinsicht eine positive Entwicklung:
– die Exporte nahmen um 7 % zu, – die Ausrüstungsinvestitionen expandierten um annähernd 9 %, – die Erträge der deutschen Unternehmen verbesserten sich weiter sowie – und dies ist in politischer Hinsicht vielleicht am wichtigsten – – die Zahl der Beschäftigten zeigte nach vielen Jahren des Rückgangs erstmals wieder nach oben.

Erfolgsfaktor Euro

Der Grund für diese positive Entwicklung ist hauptsächlich in einem Umstand zu sehen, dem unverändert die Hälfte unserer Bevölkerung ablehnend bzw. skeptisch gegenübersteht: der Einführung der Europäischen Währungsunion (EWU) zum 1. Januar 1999.
In jenem Augenblick nämlich, als für die Akteure an den Finanzmärkten feststand, daß die D-Mark in den Euro integriert wird, verlor unsere Währung ihre Überbewertung, die unsere Ausfuhren bis dahin so stark erschwert hatte. Aus heutiger Sicht kann man sagen, daß der Prozeß der Neubewertung der D-Mark 1997 begann.
Für die deutsche Exportwirtschaft bedeutete dies gleichsam, daß sich die über Jahre hinweg fest angezogene „Ausfuhr-Bremse“ zu lösen begann, unsere Unternehmen auf den Weltmärkten immer mehr in Schwung kamen, an Fahrt zulegten und ständig neue Auftragsrekorde erzielten. Im Jahr 1997 konnten wir vor diesem Hintergrund unsere Exporte um beachtliche 12 % steigern, 1998 waren es nur noch 7 %.
Damit, so darf man ohne Übertreibung sagen, hat sich bereits heute der Euro für die deutsche Wirtschaft als Gewinn herausgestellt. Mehr noch, ohne den Euro als stabilisierendem Faktor hätten wir während der jüngsten Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten eine Abwertung der italienischen Lira, des französischen Franc oder der spanischen Pesete erlebt. Andererseits wäre die D-Mark in dieser Phase ein klarer Aufwertungskandidat gewesen. Wir gehen davon aus, daß unsere Währung beispielsweise gegenüber dem Dollar zwischenzeitlich unter die Marke von 1,50 DM/$ gefallen wäre, wenn der Euro hier nicht als stabilisierender Faktor gewirkt hätte. Ohne die gemeinsame Währung hätte die deutsche Wirtschaft somit deutliche Exporteinbußen hinnehmen müssen.

Rahmenbedingungen 1999

Dies alles ist jedoch Vergangenheit. Ab 1999 gibt es gewissermaßen eine neue Zeitrechnung – und die besagt: – der Euro behält zwar seine positiven Auswirkungen auf unsere Wirtschaft bei, die aufgezeigte Dynamik läßt jedoch nach, da der Prozeß der D-Mark-Abwertung beendet ist, – die Krisen in Rußland und Asien belasten die Weltwirtschaft – und damit nicht zuletzt auch die deutschen Exporte, – die Politik der neuen Bundesregierung (Stichwort u.a.: Steuerreform) belastet die Wirtschaft, was sich über kurz oder lang in einer moderateren Entwicklung der Investitionen niederschlagen wird.

Belastungsfaktor Rußland

Im einzelnen – und für unsere Exporte wichtig – heißt dies, daß das Sozialprodukt in Rußland im Jahr 1999 nochmals um 6 % bis 7 % zurückgehen wird. Betroffen hiervon werden insbesondere Unternehmen in den neuen Bundesländern sein. So sind praktisch seit Herbst 1998 wesentliche Teile des Außenhandels mit Rußland zum Erliegen gekommen. Dies bezieht sich insbesondere auf die Bereiche Nahrungsmittel, Maschinenbau und Elektrotechnik.
Schätzungen gehen davon aus, daß bis zu 60 000 Arbeitsplätze in Ostdeutschland der Rußlandkrise zum Opfer fallen werden.

Asienkrise dauert an

Belastungen erfährt unsere Wirtschaft aber auch in zunehmendem Maße durch die Krise in Asien. Hatte es bis Mitte 1998 noch so ausgesehen, als ob diese Krise unsere Unternehmen nur begrenzt treffen werde, so erfahren die Firmen nun die gesamte Wucht der Strukturkrise in Asien – und dies in zweifacher Hinsicht: War es in den letzten Monaten überwiegend so, daß „lediglich“ unsere Lieferungen in diese Region rückläufig waren, so registrieren wir mittlerweile eine Exportoffensive dieser Länder.
Abwertungen von bis zu 80 % erlauben es den Unternehmen jener Region, ihre Güter zu konkurrenzlos niedrigen Preisen auf den Weltmärkten anzubieten.
So bitter dies für bestimmte Branchen und Unternehmen bei uns auch sein mag, letztlich erscheint dies als der einzig realistische Weg für die Länder Ost- und Südostasiens, ihre Wirtschaft wieder zu stabilisieren. Andererseits heißt dies für uns: die Exporte in diese Region gehen weiter zurück, die Importe steigen. Auf der Strecke bleiben damit in Deutschland – und da sollte man sich nichts vormachen – Unternehmenserträge und Arbeitsplätze.

Schlechte Weichenstellung

Vor diesem konjunkturell schwieriger gewordenen Hintergrund wäre es dringend geboten gewesen, wenn die neue Bundesregierung die Weichen weiter in Richtung Investitionen und Arbeitsplätze gestellt hätte. Nach allem, was bisher beschlossen und in die Wege geleitet worden ist, ist jedoch das Gegenteil zu befürchten:
– wieder eingeführt werden soll die volle Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, – die Lockerung beim Kündigungsschutz wird aufgehoben und – das Rentenalter soll auf 60 Jahre gesenkt werden.
Als gravierendstes Investitionshemmnis dürfte sich aber die Steuerreform erweisen, die – je nach Berechnungsart – zu Mehrbelastungen von 30 bis 60 Mrd. DM bei den Unternehmen während der nächsten vier Jahre führen wird. Und als ob all dies nicht schon genug wäre, animiert unser Finanzminister die Gewerkschaften, bei den nun bevorstehenden Tarifabschlüssen nicht zu bescheiden zu sein.
Abgesehen davon, daß dies natürlich kontraproduktiv wirken wird selbst wenn man die Logik der Bundesregierung akzeptierte, offenbaren sich hier eklatante Widersprüche: Auf der einen Seite gibt die Regierung vor, alles zu unternehmen, um die Lohnzusatzkosten zu senken (und scheut dabei auch nicht vor der Einführung einer Ökosteuer zurück), auf der anderen Seite spricht sie sich im Rahmen der Tarifabschlüsse für eine Anhebung der Lohnkosten aus. Da beides zusammen die Arbeitskosten bestimmt und deren Höhe bekanntlich die nationale und internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beeinflussen, votiert unsere Regierung praktisch im selben Atemzug für eine Verbesserung wie auch für eine Verschlechterung der Wettbewerbsposition unserer Unternehmen.
Derartige Beispiele ließen sich an den Stichworten Aufhebung der Teilwertabschreibung, Einführung des Wertaufholungsgebotes u. a. m. fortsetzen. Daraus ergibt sich die zentrale Frage, was dies alles für die konjunkturelle Entwicklung des Jahres 1999 bedeutet.

Weniger Schwung in 1999

Bei den Exporten erwarten wir allenfalls noch einen Zuwachs von 4 %. Voraussetzung hierfür ist aber, daß der Euro nicht zu stark bzw. der Dollar nicht zu schwach wird.
Ebenfalls an Schwung verlieren werden die Unternehmensinvestitionen. Die Tatsache jedoch, daß unsere Firmen unverändert gezwungen sind, zu rationalisieren und Produktivitätssteigerungen zu erzielen, bedeutet, daß auch hier noch mit einer Zuwachsrate von etwa 5 % zu rechnen ist.
Beim wichtigsten Indikator allerdings, der Zahl neuer Arbeitsplätze, wird es unserer Einschätzung nach allenfalls zu einer leichten Verbesserung kommen: Wir erwarten ein Plus von gut 50.000.
Zur Lösung der Beschäftigungskrise in Deutschland ist dies natürlich viel zu wenig. Vielleicht wird diese Entwicklung die Bundesregierung aber dazu veranlassen, nach einem Jahr des Beobachtens, Analysierens und Lernens jene Rahmenbedingungen zu setzen, die wirklich notwendig sind, um neue Arbeitsplätze zu schaffen.
ALEXANDER VON TIPPELSKIRCH

Von Alexander Von Tippelskirch

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