Wirtschaftspolitik 29.06.2007, 19:29 Uhr

Ingenieure gehören zur jungen Elite im Osten  

Ingenieure prägen weit mehr als im Westen die politische Landschaft.

Hinck: Die Macht teilen sich seit der Wiedervereinigung westdeutsche „Aufbauhelfer“, ostdeutsche Seiteneinsteiger, – denken Sie an die vielen Naturwissenschaftler und Ingenieure in der Politik – und SED-Kader der zweiten Reihe, die im neuen System Fuß fassen konnten. Drei Gruppen, die einander kulturell fremd sind und vor 1990 in gegensätzlichen Welten gelebt haben. Sie haben sich wenig zu sagen.

VDI nachrichten: Herrscht deshalb im Osten so große Unzufriedenheit mit der bundesdeutschen Wirklichkeit: dem Wirtschaftssystem, den Institutionen, dem Sozialwesen, der Demokratie?

Hinck: An der wirtschaftlichen Situation liegt es nicht, der Lebensstandard der meisten Ostdeutschen hat sich seit 1990 um Längen gebessert. Die Gesundheitsversorgung etwa ist heute auf einem Niveau, von dem DDR-Bürger nicht zu träumen wagten. Das Problem ist das innerdeutsche Machtgefüge. Es ist der Westen, der Normen und Sprache im Land bestimmt. Die ostdeutschen Eliten könnten viel mehr an eigenen Erfahrungen in die gesamtdeutsche Debatte einspeisen, aber bislang ist der Westen da unter sich.

VDI nachrichten: Sie sehen darin einen markanten Nachteil, dass pures Glück oder Zufall Ex-DDR-Bürger in Führungspositionen beförderten?

Hinck: Ja, es gibt in Ostdeutschland keine Konkurrenz um die besten Köpfe, sondern die Institutionen, etwa Parteien, suchen oft verzweifelt nach Kandidaten für Spitzenämter. Das Potenzial an Eliten ist bis heute denkbar klein. Nach 1945 hatten sowjetische Besatzer und SED nicht nur Nazis ihrer Ämter enthoben, sondern auch bürgerliche Unternehmer und sozialdemokratische Bürgermeister. Viele Familien wurden in die Flucht nach Westen getrieben. Nach der Wiedervereinigung wurde wiederum das SED-Personal größtenteils abgewickelt. Das alles hat gewaltige Schneisen geschlagen.

VDI nachrichten: Was ist aus den Ingenieuren im Osten geworden? Ihre Ausbildung galt einst weltweit als vorbildlich?

Hinck: Die Gewichtung von Gewinnern und Verlierern des Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft ist ähnlich wie beim Rest der Bevölkerung. Die privatisierten Unternehmen konnten nach der Wiedervereinigung mit einem Bruchteil der alten Belegschaft auskommen, weil sie ungleich effizienter arbeiteten. Das hat natürlich auch Ingenieure und Techniker getroffen. Aber es gibt starke Unterschiede von Branche zu Branche: Der Schwermaschinenbau aus DDR-Zeit wurde gewaltig abgebaut und damit auch Arbeitsplätze, während etwa in der Optikindustrie in Jena viele neue Arbeitsplätze entstanden sind.

VDI nachrichten: Sind Ingenieure heute noch in wichtigen Positionen von Wirtschaft und Politik präsent?

Hinck: Ja. Ingenieure, aber auch Naturwissenschaftler und Ärzte, sind nach der friedlichen Revolution in Scharen in die Politik geströmt. Diejenigen, die in der DDR fernab der SED-Ideologie in unpolitischen Bereichen gearbeitet hatten, mussten gewissermaßen automatisch das Vakuum füllen, das der Abgang der politisch verbrannten SED-Kader bewirkt hatte. Aber es wäre ein Missverständnis, die „Techniker“ der DDR pauschal als unpolitisch zu bezeichnen. Oft genug waren es Leute, die nur aufgrund der Bedingungen einer Diktatur notgedrungen diesen beruflichen Weg einschlugen.

VDI nachrichten: Und wer fällt Ihnen in diesem Zusammenhang ein?

Hinck: Der gelernte Kybernetik-Ingenieur Matthias Platzeck wäre gern Historiker geworden. Für den Bürgersohn verbot sich das, denn Geschichtswissenschaften waren in der DDR marxistisch geprägt. Mit Platzeck haben vier der fünf ostdeutschen Ministerpräsidenten diesen Hintergrund: Harald Ringstorff war Chemiker, Wolfgang Böhmer Arzt, Dieter Althaus Lehrer für Mathematik und Physik. Auch Unternehmen werden viel mehr in den neuen als den alten Bundesländern von Ingenieuren geführt. Nach 1989 mussten die meisten SED-nahen Kombinats- und VEB-Direktoren abdanken, die zweite, politisch nicht diskreditierte Führungsebene aus den technischen Abteilungen rückte nach. Prominentestes Beispiel ist Klaus-Ewald Holst, Vorstandsvorsitzender des größten ostdeutschen Energieversorgers VNG AG. Vor der Wende war der gelernte Bergbauingenieur im Betrieb Hauptabteilungsleiter.

VDI nachrichten: Wurden Know-how und Kompetenz dieser Bevölkerungsgruppe nach der Wende genutzt oder – unter der Maxime des Neuanfangs – gänzlich über Bord geworfen?

Hinck: Sie wurden teilweise genutzt. BMW in Leipzig hat seit der Eröffnung des Werks ältere Ingenieure eingestellt. Besonders vorbildlich verhielt sich der amerikanische Chipkonzern AMD in Dresden. Das Werk hat das Know-how aus DDR-Zeit gezielt für sich genutzt und an die örtliche Chip-Tradition angeknüpft. Ich habe keine konkreten Zahlen, aber ein Gutteil der ehemaligen Beschäftigten des ZMD, des Forschungsinstituts des Robotron-Kombinats, arbeitet heute für AMD. Wer durch die Flure des Werks geht, dem fällt auf, wie gemischt das Alter von Technikern und Ingenieuren ist.

VDI nachrichten: Wie ist die Ingenieurausbildung im Osten? Wollen immer noch viele Ostdeutsche Ingenieure werden?

Hinck: Was im Osten aus DDR-Zeit nachwirkt, ist die naturwissenschaftliche und technische Prägung des DDR-Schulunterrichts. Das färbt eindeutig auf nachwachsende Generationen ab, obwohl die nicht mehr in der DDR zur Schule gingen. Besonders augenfällig: Weit mehr junge Frauen schlagen diese Fachrichtungen ein als im Westen. Dieses DDR-Erbe tut gut, wenn man bedenkt, wie viel Abneigung gegenüber technischen und naturwissenschaftlichen Berufen in der alten Bundesrepublik gepflegt wurde.

VDI nachrichten: Einer Ihrer Kritikpunkte sind die finanziellen Transferleistungen. Ist das Fördergeld des Westens das Surrogat des Ostens?

Hinck: Da gibt es inzwischen eine absurde Logik: Ein Kommunalpolitiker hat nicht erst eine gute Idee und überlegt dann, wie er sie finanzieren kann, sondern er recherchiert die vielen Förderprogramme und baut eben, wofür es gerade Geld gibt. Marktplätze mit Granitbepflasterung und beleuchtete Uferpromenaden sind ein Ersatz für Mangel an Sinn und Identität. Die Eliten des Ostens sind ohne Orientierung, ihre Leere wird gefüllt von Förderprogrammen.

VDI nachrichten: Wann wird sich das ändern?

Hinck: Bis jüngere Generationen nachwachsen und im Osten ein Klima entsteht, in dem offen über Probleme der Gesellschaft gesprochen werden kann. ROLAND MISCHKE

Gunnar Hinck: „Eliten in Ostdeutschland. Warum den Managern der Aufbruch nicht gelingt.“ Ch. Links Verlag, Berlin, 216 S., 16,90 €

Unternehmen wie BMW und AMD nutzen das Reservoire älterer Arbeitnehmer

Von Roland Mischke

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