Außenwirtschaft 22.08.2008, 19:36 Uhr

„In den Osten zu gehen, war meine beste Entscheidung“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 8. 08, ps – Nach kurzer Zeit als Angestellter übernahm Klaus-Dieter Fiebig Anfang der 70er Jahre seinen Arbeitgeber, die Firma Dockweiler in Hamburg. Unter seiner Führung entwickelte sich der kleine Kupferrohrhändler zum Anbieter hochreiner Edelstahlrohrsysteme. Nach der Wende verlagerte er das Unternehmen nach Neustadt-Glewe in Mecklenburg-Vorpommern. Vorbildlich ist Fiebigs soziales Engagement. So zahlt er seinen Mitarbeitern für die Geburt jedes Kindes ein Begrüßungsgeld von 2000 €. Junge Mütter arbeiten zudem verkürzt bei vollem Lohn. Fragen an den Unternehmer.

Fiebig: Wir bauen unsere neue Fertigung nicht in Asien, obwohl alles klar war. Wir haben soeben entschieden, die Produktionsfläche an unserem Standort in Neustadt-Glewe um nahezu 6000 m² zu erweitern. Hier besitzen wir bereits 12 000 m² unter Dach. Nun investieren wir weitere 6 Mio. €, wollen dann auch 30 bis 40 neue Leute einstellen.

VDI nachrichten: Weshalb dieser Schwenk?

Fiebig: Asien ist natürlich ein hochwichtiger Markt, denn in Europa, wo wir einen Marktanteil um 80 % haben, sind fünf Halbleiterfabriken geplant. In Asien dagegen sind 70 in Planung oder im Bau. Singapur oder Malaysia, China oder Indonesien sind für uns überaus interessant. Deshalb müssen und wollen wir die Produktion ausweiten.

Zugleich erwachsen aber im asiatischen Raum aus verschiedenen Gründen mehr und mehr Probleme. Kundennähe ist gefragt, doch wenn wir dort ein Werk errichten, das die Produkte um 5 % bis 6 % verteuert, können wir besser hier fertigen. Denn ab Hamburg gehen jede Woche zehn Containerschiffe allein nach Singapur.

VDI nachrichten: Was sind das für Probleme?

Fiebig: Die Vormaterialzulieferung und der Ausbildungsstand der erforderlichen Mitarbeiter sind nicht ausreichend und müssten langwierig aufgebaut werden. Wir können anspruchsvolle Komponenten im hochwertigen Edelstahlbereich hier besser fertigen, mit qualifizierten Mitarbeitern und einem guten Netzwerk.

Zudem zahlen wir heute in Thailand mehr für Grund und Boden als in Mecklenburg. Überhaupt finden wir hier einzigartige Rahmenbedingungen vor. Den Betrieb aus dem Großraum Hamburg nach Ostdeutschland zu verlagern, war die beste Entscheidung in meinem Berufsleben.

VDI nachrichten: Andererseits produzieren Sie doch aus Kostengründen schon in Thailand…

Fiebig: Das ist den günstigen Löhnen zuzuschreiben. Wir haben dort 2005 eine Vorfertigung für unsere Produktion in Deutschland errichtet. Das wurde nötig, um auf dem Weltmarkt preislich gegen unsere Wettbewerber aus dem Dollarraum zu bestehen. Diese Investition hat unsere Firma in Neustadt-Glewe deutlich gestärkt. Wir konnten damit auch hier eine wesentliche Erweiterung vornehmen, und werden jetzt vor Ort in Asien eine eigene Vertriebsorganisation aufbauen. Ein Servicelager wird sich anschließen.

VDI nachrichten: Gestartet ist Dockweiler einst als Edelstahlgroßhändler. Wie kam der Sprung zum Hersteller und Produktentwickler?

Fiebig: In den Anfängen wurden kleine Wafer mit relativ groben Strukturen gefertigt, die Gasversorgung erfolgte mittels kleiner Kupferleitungen. Die Einheiten wurden größer und die Strukturen feiner. Das erforderte den Übergang zum Edelstahl, zu Rohren mit größerem Durchmesser und hochwertigerer Innenoberfläche – bis dato nicht am Markt verfügbar.

Außerdem fehlten Rohrkomponenten in der für die Orbitalschweißtechnologie benötigten Qualität. So haben wir diese ab 1986 eben selbst produziert. Eine wichtige Rolle spielte auch, dass unser Partner für die Oberflächenoptimierung, die Firma Henkel Elektropoliertechnik, sich mit uns in Neustadt-Glewe angesiedelt hat.

VDI nachrichten: Warum haben Firmen, die in der Edelstahlfertigung zuhause waren, diese Nische links liegen lassen?

Fiebig: Sie waren wohl schon zu groß, nicht flexibel genug. Denn im Halbleiterbereich entscheiden sich die Investoren meist sehr spontan – immer, wenn es Technologieschübe gibt. Das gab uns als Newcomer überhaupt die Chance, in diesen Markt einzudringen.

Zudem hatten wir die richtigen Leute im Unternehmen. Sie waren technisch fit, konnten den Kunden mehr anbieten als nur Rohre und Formteile, etwa das Orbitalschweißen. Die dafür nötigen Schweißprozeduren oder Formen an den Rohrkomponenten haben unsere Ingenieure dann kundenspezifisch entwickelt.

VDI nachrichten: An welchen Projekten arbeiten Ihre Ingenieure zurzeit?

Fiebig: Wir haben eine laufende Produktentwicklung, zum Beispiel die Vorfertigung von speziellen Rohrleitungssystemen. Neue Technologien für eine bessere Verschweißbarkeit von Komponenten sind ein weiteres Ziel, denn das spielt in der Praxis eine immer wichtigere Rolle. Die Schweißnaht stellt bekanntlich das schwächste Glied in einem System dar, so besteht Optimierungsbedarf. Übrigens ist bei uns jeder Zehnte allein in der Produktsicherung tätig.

VDI nachrichten: Sie bedienen auch die Bereiche Pharma und Biotechnologie. Wie sieht es mit der Lebensmittelproduktion aus?

Fiebig: Hierfür sind wir zu teuer, da die Qualität der dort noch geforderten Oberflächen weit unter dem liegt, was wir produzieren. Allerdings kommen aus dieser Branche erste Anfragen nach höherwertigen Rohrleitungssystemen. Denn eine niedrige Rauheit der Innenoberflächen erspart erheblichen Reinigungsaufwand in den Verarbeitungsbetrieben.

Wir bearbeiten diesen Markt derzeit aber nicht aktiv, denn wir haben weltweit ein relativ großes Wachstumspotenzial in verschiedenen Industrien, in denen die Investitionsbereitschaft anhält. So wollen wir zunächst in unseren Kernkompetenzen wachsen – kontinuierlich und geordnet, um uns dann mit einem Konzept intensiv um diesen Markt zu bemühen.

VDI nachrichten: Sie arbeiten für stark zyklische Branchen. Ist das nicht riskant?

Fiebig: Mit diesem Problem leben wir seit Jahren. Anders als unsere US-Mitbewerber haben wir aber noch nie Mitarbeiter aus Kapazitätsgründen entlassen. Das wollen wir schon deshalb nicht, weil damit auch sehr viel Know-how abwandern würde. Dass wir so beständig gute Arbeit liefern können, rührt maßgeblich aus dieser Konstanz.

VDI nachrichten: Sie sind in sozialer Hinsicht ein Vorzeigeunternehmer. Ministerin von der Leyen hat Sie für das Projekt „Erfolgsfaktor Familie“ berufen. Wie kam es dazu?

Fiebig: Ich habe drei Töchter zwischen 24 und 42. Eine führt heute selbst erfolgreich ein kleines Familienunternehmen. So kenne ich das Dilemma berufstätiger Frauen und ihrer Familien. Nach der Ausbildung wollen Frauen arbeiten, aber auch Kinder bekommen. Als Firmenchef sehe ich mit Sorge, dass gerade hier in Mecklenburg-Vorpommern die Jungen, Flexiblen abwandern. Gerade die aber sind für uns wichtig.

Frauen sind das größte Potenzial, das als Arbeitskräfte aktiviert werden kann. Vorausgesetzt die Rahmenbedingungen stimmen. So haben wir angefangen, uns um die jungen Familien zu kümmern. Und wir merkten schnell: Fühlt sich eine junge Mutter bei uns wohl, will auch ihr Mann die Region nicht mehr verlassen.

VDI nachrichten: Sie helfen dabei auch mit Geld nach…

Fiebig: …Ja, natürlich. Bekommt eine Mitarbeiterin ein Kind, zahlen wir ihr 2000 € Begrüßungsgeld – dem Vater, wenn er bei uns arbeitet, freilich auch. Auch darf die Mutter später – bis zum zehnten Lebensjahr ihrer Kinder – täglich eine Stunde weniger arbeiten, bei vollem Lohn. Außerdem bevorzugen wir Familien bei der Urlaubsplanung. Diese Zuwendungen haben eine ganz besondere Zufriedenheit der Mitarbeiter erzeugt. Die Fluktuation sank auf ein Minimum.

VDI nachrichten: Die Regel ist eher eine andere: Viele Firmen stellen junge Frauen nicht einmal ein, weil sie halt schwanger werden und dann eine Weile ausfallen könnten¿

Fiebig: Das ist für mich ein absolutes Unding. Man muss sich nur die demografische Entwicklung anschauen, die ist schlichtweg beängstigend. Eigentlich sollte die Wirtschaft den jungen Menschen Mut machen, mehr Kinder zu bekommen.

Für uns ist es jedenfalls wirklich sehr wertvoll, dass sich unsere Leute in so hohem Maße mit der Firma Dockweiler identifizieren. Und es spricht sich natürlich herum. So erhalten wir auf eine Personalanzeige ungleich mehr Bewerbungen als andere Firmen in dieser Region.

VDI nachrichten: Die ersten Firmen entlassen Leute, weil der Spritpreis wieder um ein paar Cent kletterte. Und Sie stecken vierstellige Summen in Mitarbeiter, damit sie eine Weile gar nicht arbeiten. Haben Sie zu viel Geld?

Fiebig: Das höre ich oft. Dem ist nicht so. Das Geld, das wir für unsere Familien ausgeben, ist gut angelegt durch die Qualität der Arbeit, die hohe Motivation, die geringe Fluktuation. Wir sind langfristig sehr erfolgreich mit dieser Strategie. Unsere Mütter müssen keine Angst um ihren Arbeitsplatz haben, wenn sie außerplanmäßig zu ihrem Kind im Kindergarten gerufen werden.

VDI nachrichten: Und sie arbeiten das später nach?

Fiebig: Ja, sicher, freiwillig, auf gegenseitiger Vertrauensbasis. Es gibt bei uns keine Zeiterfassung. Ich habe das Gefühl, dass die Arbeitsqualität gerade dieser Frauen außerordentlich hoch ist. Sie arbeiten sehr motiviert. Das Ergebnis ist durchweg überdurchschnittlich, einfach weil sie sich durch diesen behutsamen Umgang sicher fühlen. Natürlich erhalten Frauen auch den gleichen Lohn für gleiche Arbeit wie Männer.

Dazu kommt unser sehr transparentes Gewinnbeteiligungsmodell für alle Mitarbeiter sowie eine betriebliche Altersversorgung. All das schafft ein hohes Vertrauen zur Firma, die Leute spüren, dass sie mir wichtig und nicht austauschbar sind.

VDI nachrichten: Wie hoch ist der Frauenanteil in der Firma?

Fiebig: Bei etwa 30 %, es könnten aber gern noch mehr werden. Auch von unseren acht Abteilungsleitern sind drei Frauen.

VDI nachrichten: Und Sie können sich dieses ganze Sozialpaket leisten?

Fiebig: Wir schreiben kontinuierlich schwarze Zahlen und Gewinne, die unser Wachsen und Fortbestehen sichern. Für mich ist das ganz klar ein Resultat dieses guten Betriebsklimas.

HARALD LACHMANN

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