Konjunktur 14.02.2003, 18:23 Uhr

Im Osten blühen die „Wachstums-Cluster“

Hohe Arbeits- losigkeit, Pleitenrekorde, Abwanderung nach Westen. Doch aktuelle Zahlen zeigen ein weit erfreulicheres Bild.

Seit Anfang des Monats läuft im MDR eine „Doku-Soap“ über die thüringische Kleinstadt Artern – „stellvertretend für viele ostdeutsche Kleinstädte, die sich nach der Wende vergessen fühlen“, wie es in der Ankündigung des Senders heißt. Die Kamera zeigt brach liegende Werkhallen und begleitet Arbeitslose. Der Optimismus des Titels „Stadt der Träume“ wirkt aufgesetzt und künstlich.
Dabei gibt es durchaus Anlass für echten Optimismus – allerdings nur, wenn nicht alle Regionen über einen Kamm geschoren und in einen großen Topf mit dem Etikett „Ostdeutschland“ geworfen werden.
„Es ist vermutlich ein grundsätzlicher Webfehler der Diskussion, die Erfolge des Aufbaus Ost am Durchschnitt Westdeutschlands zu messen“, sagt Tobias Just von Deutsche Bank Research, der gerade eine Analyse zur Entwicklung in den Neuen Ländern vorgelegt hat. So beträgt das Bruttoinlandsprodukt der Ostdeutschen pro Kopf 60 % des Westdurchschnitts, aber schon fast 75 % des geeigneteren Vergleichslands Niedersachsen, ebenfalls ein strukturschwaches Flächenland.
Bei der Beschäftigtenquote – dem Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an der Bevölkerung – liegen trotz hoher Arbeitslosigkeit die Sachsen mit 33 % auf dem Niveau von Nordrhein-Westfalen – und über dem von Niedersachsen (30,6 %) oder Rheinland-Pfalz (29,8 %). Ein Grund dafür ist die höhere Erwerbsbereitschaft ostdeutscher Frauen.
Tatsächlich gibt es Regionen, die aufholen, und Branchen, die schneller wachsen als ihre Westkonkurrenten. Nach Justs Studie haben sich so genannte „Wachstums-Cluster“ in Dresden, Leipzig, Chemnitz, Halle, Erfurt und Jena herausgebildet – vor allem Jena und Chemnitz haben nach Angaben des Sachverständigenrats in den letzten Jahren überdurchschnittlich zugelegt.
Chemnitz, seit dem 19. Jahrhundert traditioneller Standort des Maschinen- und Fahrzeugbaus (Hartmann-Werke, Wanderer, Auto Union), profitiert gerade von der Wiederbelebung dieser Branchen in Sachsen. Alte Spitzentechnik aus Chemnitz ist ab April im neuen Industriemuseum zu betrachten – doch geben heutige Unternehmen wie die Maschinenbauer Niles-Simmons, Union, StarragHeckert und das VW-Motorenwerk Anlass zur Hoffnung, dass die Stadt an die Industrietradition anknüpfen kann – und irgendwann neue Exponate ins Museum kommen.
So liegt der Exportanteil der südwestsächsischen Industrie mit rund 37 % deutlich über dem ostdeutschen Schnitt (22 %). „Wenn wir den Export nicht hätten, sähe die Lage schlimmer aus“, sagt Hannelore Schwarz von der IHK Südwestsachsen und verweist auf die lahme Binnenkonjunktur.
Reinhard Pätz von den ostdeutschen VDMA-Landesverbänden ist um die Zukunft des Ost-Maschinenbaus nicht bange. „Ostdeutschland kann mit dem Pfund der Verbindung von Wissenschaft und Technik, universitärer Forschung und Praxis wuchern. Das ist ein Standortvorteil, den es in den alten Ländern so nicht gibt.“ Netzwerke wie der Interessenverband Chemnitzer Maschinenbau und das Kompetenzzentrum Maschinenbau versuchen, durch Kooperation der kleinen und flexiblen Firmen Größennachteile wettzumachen. Mit Erfolg: Der sächsische Maschinenbau setzt bereits 4 Mrd. @ um.
Was Ausstrahlungseffekte von „Wachstums-Clustern“ bedeuten, zeigen jüngste Unternehmensentscheidungen: So wird VW nach bislang 1,8 Mrd. @ eine weitere Milliarde in die Standorte Zwickau und Chemnitz investieren. Mit dem Zulieferer Siemens VDO, der in der Region bereits 1000 Mitarbeiter beschäftigt, wird für 500 Mio. @ ein neues Diesel-Einspritzsysteme-Werk in Stollberg gebaut.
Allerdings gibt es noch vieles, was den Osten auf Abstand zum Westen hält. So gibt es noch immer zu wenige Unternehmer und noch immer sind die Betriebe kleiner als im Westen – einer der Gründe dafür, dass die Arbeitsproduktivität erst bei 70 % des Westniveaus liegt. Allerdings: 1991 lag sie noch bei 35 %. Und: Diese Durchschnittswerte verbergen, dass zum Beispiel kleine und mittlere Maschinenbauer bereits produktiver arbeiten als ihre Westpendants, so Siegfried Beer vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle.
Weil die industrielle Basis aber noch zu schmal ist, floriert der Dienstleistungssektor nicht. Es fehlen Unternehmenshauptsitze, die viele Dienstleister anziehen. Just hegt die Hoffnung, das den industriellen Erfolgen langsam die Dienstleistungen folgen. Gerade mit Blick auf die EU-Erweiterung, die Ostdeutschland aus der Randlage befreie und daher Vorteile bringe, sei es nun wichtig, die Infrastruktur weiter zu verbessern.  THILO GROSSER

Von Thilo Grosser

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