Wirtschaftspolitik 30.04.1999, 17:21 Uhr

„Ich setze auf die Macht des Wortes“

„Als Bundespräsidentin will ich sensibel machen für Entwicklungen“, erklärt Dagmar Schipanski, Professorin für Festkörperelektronik aus Thüringen. Erstmals kandidiert eine Frau für das höchste Amt im Staat, die Chancen hat, auch gewählt zu werden.

VDI nachrichten: Frau Schipanski, Sie waren immer die erste Frau: die erste Rektorin einer gesamtdeutschen Uni, die erste Frau im Forschungsrat des Bundeskanzlers, die erste Vorsitzende des Wissenschaftsrats. Jetzt wollen Sie als erste Frau Bundespräsidentin werden. Haben Sie nicht mit großen Widerständen von Seiten der Männer zu kämpfen?
Schipanski: So eine Karriere läuft nicht ohne Widerstände. Ich bin mit Männern allerdings immer gut ausgekommen, da ich in meinem Beruf fast immer von Männern umgeben war. Ich spüre allerdings, daß meine Kandidatur bei Frauen eine große Begeisterung ausgelöst hat, und zwar über alle Parteien und alle Organisationsgrenzen hinweg. Das gibt mir Mut.
VDI nachrichten: Sie sind Professorin für Festkörperelektronik. Womit beschäftigen Sie sich eigentlich konkret?
Schipanski: Die Festkörperelektronik ist die Wissenschaft vom Zusammenwirken, dem Design und der Produktion integrierter Schaltkreise. Solche integrierten Schaltkreise sind Basis für sehr viele Geräte, die uns im Alltag umgeben, also beispielsweise die Aufnahmegeräte, die Sie gerade benutzen, Kameras oder auch Fernseher und PC.
VDI nachrichten: Sie haben insgesamt neun Patente. In welchem Bereich?
Schipanski: Ich habe bestimmte Schaltkreistypen mitentwickelt.Von den neun Patenten betreffen sieben die Produktion von integrierten Schaltkreisen und zwei beziehen sich auf neue Bauteile.
VDI nachrichten: Wie könnte Ihr technischer Sachverstand die Politik prägen?
Schipanski: Als Techniker oder Naturwissenschaftler ist man daran gewöhnt, analytisch zu arbeiten. Man beleuchtet die Probleme von verschiedenen Seiten und kommt erst nach einer gründlichen Analyse zu Schlußfolgerungen. Das täte auch der Politik ganz gut.
VDI nachrichten: Als Bundespräsidentin würden Sie Deutschland im wesentlichen repräsentieren. Was schätzen Sie, könnten Sie wirklich beeinflussen?
Schipanski: Ich setze auf die Macht des Wortes. Ich sehe das Amt der Bundespräsidentin darin, Bewußtseinslagen zu erzeugen, zu verändern und die Bevölkerung sensibel zu machen.
VDI nachrichten: Was würden Sie für Frauen konkret verändern?
Schipanski: Ich möchte, daß für Frauen die Chancengleichheit verbessert wird. Frauen, die Beruf und Familie vereinbaren wollen, sollten dies auch können. Dazu müssen Rahmenbedingungen wie Schule oder Kindergarten verändert werden. Frauen, die kurz vor der Habilitation stehen, müssen gefördert werden, damit sie ihren Weg in der Wissenschaft gehen können. Ich meine aber auch, daß Frauen, für die Kindererziehung erste Priorität hat, das in einem abgesicherten Rahmen tun sollten.
VDI nachrichten: Gehört dazu beispielsweise die Bezahlung für Hausarbeit oder eine Rente für Nur-Hausfrauen?
Schipanski: Ich fände das gut, das gehört zur Absicherung.
VDI nachrichten: Was halten Sie von dem geplanten Gleichstellungsgesetz?
Schipanski: Ich bin der Meinung, wir sollten in Deutschland nicht ständig noch mehr Dinge regulieren. Das schafft nicht unbedingt Vorteile für Frauen, sondern erhöht die Widerstände. Was in der Großindustrie vielleicht noch denkbar ist, brächte kleine und mittlere Unternehmen unter Umständen in große Schwierigkeiten.
VDI nachrichten: Sie konnten bereits mit 14 Jahren löten und sagen, Frauen sind wesentlich analytischer und gründlicher als Männer. Wie bekommt Deutschland mehr Frauen in die Technik?
Schipanski: Der Unterricht in den Schulen muß technischer werden. In den Schulen geht es darum, Alltägliches zu lehren, und Alltagsleben ist Technik. Es nützt aber nichts, wenn man Mädchen zu technischen Studiengängen überredet. Viel eindrucksvoller sind Vorbilder.
VDI nachrichten: Insofern sind Sie also ein Vorbild?
Schipanski: Ja, ich glaube schon.
VDI nachrichten: Speziell in der Forschung gelten die USA und Großbritannien als Vorbilder. Wie konkurrenzfähig ist eigentlich die deutsche Forschung?
Schipanski: Unsere Universitäten sind eindeutig unterfinanziert. Massenveranstaltungen haben hier keinen Sinn. Andererseits weiß ich, daß wir in den technischen und wissenschaftlichen Fächern eine fantastische Ausbildung haben. Was wir hierzulande nicht so gut können ist, unsere wissenschaftlichen Ergebnisse für die Wirtschaft nutzbar zu machen. Die Strukturen müssen kreativer werden, damit die Wirtschaft einen Nutzen davon hat. In den neuen Bundesländern gelingt das schon. Wir haben um die Universitäten herum Ausgründungen von innovativen kleinen Unternehmen, die Keimzelle für die neu entstehende Industrie in Ostdeutschland sind.
VDI nachrichten: Müssen sich in Deutschland die Ingenieure oder die Rahmenbedingungen für Ingenieure ändern?
Schipanski: Beides. Ingenieure wurden bisher für wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse ausgebildet, denn wir hatten gesicherte Arbeitsplätze in der Industrie. Mit dem Abbau von Arbeitsplätzen und den flacher werdenden Hierarchien wurde deutlich, daß mehr der kreative Ingenieur gefragt ist. Man weiß jetzt auch, daß kleine Betriebe viel flexibler in der Wirtschaft reagieren können. Selbständigkeit ist gefragt, das heißt, der Ingenieur muß neben seiner fachlichen Qualifikation auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse haben.
VDI nachrichten: Auch nach zehn Jahren Wiedervereinigung existiert in Deutschland noch ein Ost-West-Konflikt…
Schipanski: … ich würde das nicht Konflikt nennen.
VDI nachrichten: Aber die Kommunikation zwischen Ost und West ist doch nach wie vor schwierig.
Schipanski: Das ist richtig. Wir haben uns in den zehn Jahren nach dem Fall der Mauer vor allem auf den wirtschaftlichen Aufbau konzentriert und dabei die zwischenmenschlichen Beziehungen vergessen. 40 Jahre geteilte Geschichte lassen sich nicht einfach wegwischen. Jetzt müssen wir probieren, gemeinsame Erfahrungen aufzubauen, und uns gegenseitig erklären, warum wir auf verschiedene Dinge anders reagieren.
VDI nachrichten: Wo haben Sie diese schwierige Kommunikation selbst erlebt?
Schipanski: In den sechs Jahren, in denen ich im Wissenschaftsrat war, habe ich eigentlich permanent erläutern müssen – wie die Hochschullandschaft in der DDR strukturiert war oder wie die Beziehungen zur Industrie gelaufen sind. Die Menschen in Westdeutschland wußten z.B. nicht, welche zentrale Rolle der Betrieb im Leben eines DDR-Bürgers gespielt hat.
VDI nachrichten: Wie würden Sie das als Bundespräsidentin verbessern wollen?
Schipanski: Indem ich das Gespräch weiterführe. Indem ich aus Sicht von Ost und West Dinge aller Art kommentiere. Auch den Westen kann ich beurteilen, denn in den letzten zehn Jahren habe ich mehrheitlich in den alten Bundesländern gelebt. Wenn ich den Erfahrungshintergrund aus dem Westen nicht gehabt hätte, hätte ich mich nie zur Kandidatur für das Bundespräsidentenamt bereit erklärt.
VDI nachrichten: Gibt es etwas, was für Sie ganz typisch deutsch ist? Was ist typisch ost-, was typisch westdeutsch?
Schipanski: Ganz typisch deutsch ist die gründliche Verwaltung. Typisch westdeutsch ist das Umgehen mit dieser Verwaltung, die nicht auf Kreativität gebaut ist. Typisch ostdeutsch ist, sich über diese Verwaltung zu ärgern.
VDI nachrichten: Es ist zur Zeit vielfach zu lesen, daß Ihnen zu DDR-Zeiten die Religion wichtiger war als die Partei und Ihre wissenschaftliche Karriere erst mit dem Fall der Mauer begann. Stimmt das so?
Schipanski: Ich war auch in der DDR eine anerkannte Wissenschaftlerin. Allerdings wurde ich nicht zur Professorin berufen, weil ich nicht in der Partei war. Aber ich habe 25 Jahre wissenschaftlich gearbeitet. und in dieser Zeit die Mehrzahl meiner Patente erworben.
VDI nachrichten: Auf was werden Sie als Bundespräsidentin verzichten müssen?
Schipanski: Auf Freizeit.
VDI nachrichten: Was tun Sie, wenn Sie nicht Bundespräsidentin werden?
Schipanski: Ich werde wieder als Professorin arbeiten, mich aber weiterhin in der Forschungspolitik stark machen. Es liegt mir sehr am Herzen, daß in Deutschland bestimmte Veränderungen durchgesetzt werden. So muß eine engere Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft geknüpft werden, Geisteswissenschaften sollten stärker mit Naturwissenschaften zusammenarbeiten. Ich habe ein Leben geführt, wo Sie von sich aus nichts gestalten konnten. Als kreativer Mensch empfindet man das als beengend. Jetzt kann ich mich frei entfalten.
Das Gespräch führten Christa Friedl und Regine Bönsch
Schipanski: „Mit dem Abbau von Arbeitsplätzen und den flacher werdenden Hierarchien hat man gemerkt, daß mehr der kreative Ingenieur gefragt ist.“
„Meine Kandidatur hat bei Frauen eine große Begeisterung ausgelöst, und zwar über alle Parteien hinweg“, so die Kanditatin im Gespräch mit den VDI nachrichten.

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