Wirtschaftspolitik 02.06.2006, 19:22 Uhr

Für eine Aufbruchstimmung reichen keine Sprüche  

VDI nachrichten, München, 2. 6. 06, ps – Was muss geschehen, damit Deutschland bei Hochtechnologien wieder wettbewerbsfähig wird? Welchen Einfluss hat eine starke Hightech-Industrie auf Beschäftigung? Diesen Fragen geht Horst Wildemann, BWL-Professor an der TU München, im folgenden Beitrag nach.

Über Wachstum und Beschäftigung entscheidet in den hoch entwickelten Volkswirtschaften des Westens die Innovationsstärke. Während Deutschland mit einer FuE-Quote von 2,6 % auf eine Erwerbstätigenquote von 52 % gelangt, liegt Japan mit einer FuE-Quote von 3,2 % bei einer Erwerbstätigenquote von 58 %. Ein hoher Anteil von Hightech am Sozialprodukt garantiert Wachstum.

Vermutlich liegt hier das deutsche Problem: Trotz guter bis ordentlicher Plätze bei den FuE-Ausgaben und bei den Patentanmeldungen sowie der hohen Zahl von Unternehmen in wissensintensiven Branchen will sich seit Jahren kein ordentliches Wirtschaftswachstum einstellen. Die mindestens 2 %, die nötig wären, um die Arbeitslosigkeit einzudämmen, werden eben nicht erreicht.

Auf die Branchen Chemie, Fahrzeug- und Maschinenbau entfallen in Deutschland 85 % aller FuE-Aufwendungen. Die Branchenschwerpunkte finden sich allerdings hauptsächlich in relativ reifen Technologien und nicht in den wachstumsstarken neuen Techniken. Obendrein ist der arbeitsintensive Fahrzeugbau durch das hohe Lohnniveau in Deutschland trotz aller FuE-Ausgaben kaum in der Lage, wesentliche Arbeitsplatzimpulse zu geben.

In der Automobilindustrie zeigt sich ein weiteres Problem: Der Freisetzung von hunderttausenden angelernten Arbeitern ist mit Innovationen schwer beizukommen. In den Spitzenindustrien werden in erster Linie überdurchschnittlich qualifizierte Arbeitnehmer gebraucht. Erst über den Umweg einer allgemeinen Wirtschaftsbelebung nach erfolgtem Innovationsschub sickert die Nachfrage nach Arbeitskräften bis zu den weniger Qualifizierten langsam durch.

Die Versäumnisse auf den Spitzenfeldern der Industrie müssen also erst einmal aufgeholt werden, bevor wieder massenhaft Arbeit nachgefragt werden kann. Doch der Umweg ist nicht zu vermeiden. Eine Belebung der deutschen Wirtschaft kann nur gelingen, wenn das Land bei der Anwendung von Hochtechnologie international wieder Anschluss gewinnt.

Ein erster Ausgangspunkt für zukünftige Innovationen sind zunächst neue Technologien – der Technology Push. Ziel ist es, mit Hilfe neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, zu revolutionären Lösungen zu gelangen. Hier gelten einige Technologiefelder als besonders aussichtsreich: die IT genauso wie Biotechnologie und Energietechnik. Aber auch neue Felder wie die Nanotechnologie gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Besonders die Kombination dieser Technologien führt zu neuen Möglichkeiten: Beispiele hierfür sind der Antrieb mit Brennstoffzellen in der Automobilindustrie oder schmutzabweisende Oberflächen.

Die positiven Beschäftigungseffekte dieser Zukunftsfelder sind dabei bereits erkennbar: So fand zwischen 1997 und 2002 im Bereich der Hochtechnologie in Deutschland ein Beschäftigungszuwachs von 7 % statt. In der gesamten Industrie ging die Beschäftigung gleichzeitig um 4,5 % zurückging.

Allerdings liegt Deutschland nur in der Biotechnologie in Europa auf einem führenden Platz. Das Schicksal dieser Branche wird allerdings in den USA entschieden.

In der immer wichtiger werdenden Nanotechnologie steht Deutschland bei den Patentanmeldungen weltweit auf dem zweiten Platz. Auch in der Solarindustrie und insgesamt in der Gewinnung von Energie aus alternativen Rohstoffen – bis hin zur Kohleverflüssigung – ist Deutschland weltweit eine erste Adresse.

Auf diesen Gebieten aber fehlt es an Wissenszentren und gezielten Förder- und Forschungsprogrammen über Unternehmensgrenzen hinweg. Die Bilanz über „alte“ und „neue“ Technologien zeigt, dass zwar „Neues“ entsteht, jedoch nicht genug, um die Verluste in abklingenden Bereichen wettzumachen.

Traditionell unterrepräsentiert ist in Deutschland ein weiterer Ausgangspunkt für Innovationen: Gesellschaftliche Trends und Entwicklungen bieten vielfältige Chancen für neue Produkte. Die Wissenschaft nennt dies „Societal Demand“ und „Social Shaping of Technology“. Sie können die Genese der Innovation maßgeblich beeinflussen.

An den Schnittstellen mehrerer Trends lassen sich neue Bedarfe kreieren: So sind der Mini von BMW oder PT Cruiser von Chrysler keine primär technologischen Innovationen, sondern verknüpfen die Trends „Retro“ und „Mobilität“ in besonderer Weise.

Der iPod von Apple vereint die Trends zur Mobilität, Individualität und Erlebnis. Während wir in manchen Bereichen wie „Umwelt“ und „Mobilität“ eine gewisse Vorreiterrolle innehaben, müssen wir andere Trends wie die zunehmende Alterung der Gesellschaft erst als Chance für neue Produkte begreifen. Es wird in Zukunft immer mehr darauf ankommen, Technologien und soziale Trends zu innovativen Produkten zu verknüpfen.

Was kann der Staat zur Förderung von Innovation tun? Eine generelle Umsteuerung der staatlichen Subventionen weg von Landwirtschaft, Soziales und Kohle in Wissen und Zukunftstechnologien wird ein Traum bleiben. Ein Fortschritt wäre es schon, wenn eine Konzentration der wenigen Mittel auf einige wenige genau definierte Projekte gelingen würde. Heute gehen mit 11 % der Forschungsaufgaben mehr Mittel in den Bereich Umwelt als in die Bereiche Biotechnologie, Energie oder IuK-Technologie.

Die Kunst der staatlichen Förderung muss darin liegen, auf der einen Seite keine idiologisch geprägte Forschungspolitik zu betreiben und auf der anderen Seite eine Gratwanderung zwischen Förderung und Marktsubventionierung zu meistern.

Ein Königsweg für Innovationskultur sind Wissenszentren, die mit Unterstützung der öffentlichen Hände und von Wirtschaft, Universitäten und Forschungszentren gemeinsam organisiert werden.

„Silicon Saxony“ (im Raum Dresden-Chemnitz) und München als Zentrum für Hightech und neue Medien sowie Martinsried für Biotechnologie sind positive Beispiele aus der Vergangenheit. Es braucht daher noch viel mehr dieser Zentren.

Die theoretischen Betätigungsbereiche sind mithin bekannt. Es fehlt nur noch die Aktion. Allerdings sind Innovationen nicht einfach planbar. Es wird auch in Zukunft revolutionäre Neuerungen in Bereichen geben, an die mit Ausnahme eines Visionärs niemand sonst gedacht hat.

An die Politik ist in erster Linie die Forderung zu richten, durch Handeln und nicht nur durch Sprüche für mehr Aufbruchstimmung zu sorgen. Zweitens müssten konkrete Innovationsfelder definiert werden. Es müssen die Technologien ausgewählt werden, in denen bereits Ansatzpunkte für gemeinsame Anstrengungen und große Marktchancen auf den internationalen Märkten vorhanden sind.

Erfolgreiches Innovationsmanagement darf sich allerdings nie in der Organisation der Ergebnisse erschöpfen. Der Ausgangspunkt ist immer die Idee – und damit das kreative Potenzial von Einzelnen. Die Entfaltung dieses Potenzials erfordert eine innovationsfreundliche Kultur.

Das hierfür notwendige Kulturmanagement steht in der Regel vor einem Problem: Innovationen sind immer Meinung von Minderheiten. Und Innovatoren sind Menschen, die weiter und schneller denken als andere – und manchmal auch unbequem sind.

Die einzige Möglichkeit, ihnen zum Erfolg zu verhelfen, ist „Erneuerung“ als positiven Wert in Gesellschaft und Unternehmen zu verankern. Hierbei steht unsere Gesellschaft noch ganz am Anfang. HORST WILDEMANN

Von Horst Wildemann

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