Konjunktur 07.06.2002, 18:20 Uhr

EU mit baltischem Wirtschaftswunder

Unter dem enormen Reformdruck legten die ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen ein erstaunliches Tempo mit Wachstumsraten bis über 7 % vor. Experten sprechen vom „baltischen Wirtschaftswunder“.

Das kleinste kabellose 24-Stunden-EKG-Gerät der MediWorld aus Überlingen am Bodensee war die Sensation auf der letzten Medica, der Leitmesse für Medizintechnik in Düsseldorf. Nicht weniger sensationell: Das nur 19 Gramm schwere Gerät wurde in enger Zusammenarbeit mit dem kardiologischen Institut in der litauischen Hauptstadt Vilnus entwickelt. Die Software dazu stammt ebenfalls von litauischen IT-Fachleuten. Die Entscheidung für diese Kooperation ist laut MediWorld-Chef Peter Ecker leicht gefallen: Niedrige Entwicklungskosten, große Erfahrung und hohe Qualifikation der litauischen Ärzte und Ingenieure hätten ihn schnell überzeugt.
Gerade bei den neuen Technologien bietet Litauen äußerst günstige Bedingungen für westliche Investoren und Auftraggeber, bestätigt Gintautas Vasiulis, litauischer Botschaftsrat in Berlin und Ansprechpartner für Interessenten aus Deutschland. Die IT-Branche habe in Litauen Tradition, die noch aus der Zeit der Sowjetunion stammt, so Vasiulis. Kein Wunder also, dass die Dichte der Internetschlüsse in allen drei baltischen Staaten höher als in Deutschland ist.
Doch als „baltische Staaten“ lassen sich Estland, Lettland und Litauen nur ungern zusammenfassen. In den seit bereits mehr als einem Jahrzehnt unabhängigen Staaten pflegt man mit besonderer Sorgfalt – zum Teil als Gegenreaktion auf zwangsverordnete Russifizierung in der Sowjetunion – nationale Sprachen und Kulturen. Auch die wirtschaftliche Entwicklung weist Unterschiede auf. In Litauen sorgen vor allem die Exporte (knapp 50 % in die EU) für den Aufschwung. Holz- und Möbelindustrie sind hier Konjunkturmotoren. Chemie, Lebensmittelherstellung und Textilindustrie stützen sich auf die starke Nachfrage im Inland.
In Lettland ist die Branchenstruktur ähnlich, betont Roberts Stafeckis von der lettischen Botschaft. Allerdings bestimmt in Lettland die zunehmende Binnennachfrage das Wachstumstempo. Vor allem Bau- und Lebensmittelindustrie profitieren davon. Für ausländische Investoren werden von Lettlands Regierung immer neue Anreize geschaffen, so Stafeckis. Bei Investitionen ab 18 Mio. @ werden beispielsweise Vergünstigungen bei der Mehrwertsteuer in Aussicht gestellt. Wie auch in Litauen spielt hier der Staat in Wirtschaftsfragen eine wichtige Rolle.
In Estland dagegen herrschte in den vergangenen zehn Jahren „Kapitalismus pur“. Das führte allerdings dazu, dass es keine nennenswerte Unternehmens- oder gar Mittelstandspolitik gibt. Ein Pluspunkt: In diesem von der protestantischen Ethik geprägten Land lassen sich Geschäfte (überwiegend Holz- und Metallverarbeitung, Textilindustrie) wesentlich einfacher abwickeln. Ein stabiles Banken- und Finanzsystem – alle großen Banken sind im ausländischen Mehrheitsbesitz – begünstigt zudem das Geschäftsklima.
In puncto Rechtssicherheit haben alle drei „Tigerstaaten“ Nachholbedarf: Nicht selten müssen Immobilien zwei mal gekauft werden, zur „Beschleunigung“ der Gerichtsverfahren gibt es festgesetzte Gebühren. Auch der informelle Sektor – mafiaähnliche Strukturen meist in russischer Hand – blüht: Fast selbstverständlich sind Zahlungen für so genannte Bewachungs-Dienstleistungen, die zwischen 5 % der Erlöse von Firmen und Filialen in Estland und bis zu 20 % in Litauen ausmachen. Fehlender Mittelstand ist in allen drei Staaten ein weiterer Minuspunkt.
Trotzdem wird im Baltikum kräftig investiert, vor allem Finnland und Schweden sind dort aktiv. So hat Estland in den 90er Jahren die höchsten ausländischen Direktinvestitionen in Osteuropa angezogen. Vor allem Servicesektor und Tourismus wachsen zweistellig. Hohe Qualifikation der Arbeitskräfte lockt TK- und IT-Unternehmen: Allein an den 300 Hochschulen Litauens (3,7 Mio. Einwohner) lassen sich jährlich ca. 100 000 neue Studenten immatrikulieren. ELENA BEIER
www.ahk-est.ee

Von Elena Beier

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