Außenwirtschaft 15.02.2002, 17:32 Uhr

„Es gibt nicht nur Gewinner“

In zwei Jahren soll die Grenze zwischen Deutschland und Polen fallen. Einige Unternehmen sehen darin eine große Chance, doch viele Bewohner der Grenzregion sind verunsichert.

Weiß leuchten die Margeriten hinter Frieder Sachers an der Wand, eine Blumenwiese, darüber Wolken, einige schwarz. Ein Schnappschuss, den sich der Chef des Rundfunk Brandenburg in seinem Büro in Frankfurt an der Oder aufgehängt hat, aber einer mit Symbolkraft: Schwere Wolken über den wenigen blühenden Flecken in der ostdeutschen Provinz. Doch die Osterweiterung der EU soll diese Wolken endlich vertreiben und den Aufschwung bis an die Grenze tragen.

Draußen vor Sachers Fenster scheint zur Abwechslung mal wieder die Sonne an diesem Wintertag, doch das stimmt den Journalisten nicht nur zuversichtlich: „Durch die EU-Erweiterung wird es nicht nur Gewinner geben“, weiß Sachers.

Fahren wir zu denen, die einmal zu den Gewinnern gehören wollen. Entlang der Oder mit ihren verzauberten Waldflecken und Schilfhainen. Bissspuren am Flussufer zeigen, wo Biber mal wieder ein paar Bäumchen gefällt haben.

Selbst die dunklen Silhouetten der Winderhitzer und Gichtgastürme von Eisenhüttenstadt wirken in der Luft von Ostbrandenburg mild und weich. Die Musterstadt, nur einen Katzensprung südlich von Frankfurt an der Oder, ist stolz auf ihre frisch renovierten Reihenhäuser und auf die weiten grünen Plätze. Angelegt in den 50er Jahren, steht das Zentrum der Stadt inzwischen unter Denkmalschutz.

Heute wie damals ist Eisenhüttenstadt Eko-Stahl. Die DDR hat das Werk und die Stadt auf die grüne Wiese gesetzt und die Niederung an der Oder binnen weniger Jahre zum größten Stahlstandort des Landes gemacht. Bis zur Wende 1989: Danach verloren bei Eko in vier Jahren 9500 von 12 000 Stahlwerkern ihre Arbeit. „Wir mussten uns von Stahl-Managern aus dem Westen anhören, das Werk sei überflüssig wie ein Kropf“, erinnert sich ein Mitarbeiter in der Kantine.

Weder Krupp noch Thyssen wollten die Hochöfen, Stahlkonverter und Kaltwalzstraßen kaufen. 1994 erwarb der spanische Konzern Cockerill Sambre das Werk und baute – mit damals 2 Mrd. DM an Subventionen – einen neuen Hochofen, eine Verzinkungsanlage und eine Warmwalzstraße. Seit 1997 gehört Eko zur französischen Arcelor-Gruppe mit Sitz in Luxemburg.

Und jetzt drängeln sich auch die Mitarbeiter wieder in der Betriebskantine: Denn Eko hat es trotz aller Wirren geschafft zu wachsen. Aus 2500 Mitarbeitern sind 3100 geworden, 68 Zulieferer in der Umgegend beschäftigen 2300 Menschen und die Eko-Manager sehen selbstbewusst nach Westen: „Wir sind der Benchmark im Arcelor-Konzern“, stellt Rainer Barcikowski, Arbeitsdirektor von Eko, im werkseigenen Gästerestaurant stolz fest, „und VW hat uns zwei Mal hintereinander als besten Zulieferer ausgezeichnet. Das heften wir uns an die Brust.“

Und wenn es nach Barcikowski ginge, würde die Zukunft noch besser: Ein Zweigwerk zur Feuerverzinkung und Kunststoffbeschichtung mit einer Kapazität von 200 000 t/Jahr im polnischen Poznan (Posen) soll her. „2003 beginnen wir mit der Produktion.“

Eko als „Brückenkopf nach Osteuropa“ – das wäre endlich mal ein Vorzeigeprojekt, wie es die Politik sich vorstellt. Doch was Barcikowski verschweigt: Am selben Tag, an dem er von Posen schwärmt, lesen die Menschen in Eisenhüttenstadt in der „Märkische Oder Zeitung“ ein Interview mit dem scheidenden Eko-Chef Victor Polard. Danach hat Arcelor die Expansion nach Posen zunächst auf den geplanten EU-Beitritt Polens in zwei Jahren verschoben, weil der polnische Markt als zu unsicher gelte.

Und so leidet Eko eher an der Grenzlage, als dass es von ihr profitierte: 2,6 Mio. t Erz, Koks und Kohle kauft das Werk jedes Jahr in Osteuropa ein. Der lange Bahn-Weg von den Seehäfen über Frankfurt/Oder nach Eisenhüttenstadt verteuert jede Tonne Stahl um 12 ‰. Wegen des fehlenden Seehafens hat Arcelor im vergangenen Jahr sogar damit gedroht, Eko-Stahl zu schließen. Diese dunklen Wolken über Eisenhüttenstadt mag Barcikowski nicht sehen.

Doch Lokalpolitiker und Eko-Manager sehen diesen Wolken schon und versuchen alles, um sie zu vertreiben. Ihr Ziel: ein neuer Grenzübergang nach Polen, damit die Züge von den Ostseehäfen das Werk schneller erreichen. Doch eine Brücke über die Oder müsste die Bundespolitik in Berlin in einem Staatsvertrag mit Polen beschließen. Und das dauert.

Doch die geplante Brücke stößt nicht nur auf Begeisterung. „Das Stimmungsbarometer reicht von Zustimmung bis Ablehnung“, sagt die Leiterin der Wirtschaftsförderung der Stadt, Sabine Oberlein. Diejenigen, die seit der Wende zu den Verlierern zählen, reagieren auf eine Brücke über die Oder mit Ablehnung.

„Die Verteidigung des unter westdeutscher Obhut erlangten Status gegen neue Anspruchsteller“, nennen die Wissenschaftler des Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner bei Berlin in einer aktuellen Studie diese Haltung: Das Wenige, was sie an Sicherheit gewonnen haben, möchten sich viele Menschen in den neuen Bundesländern nicht von billigen Arbeitskräften aus dem Osten nehmen lassen.

Dabei ist die Konkurrenz längst da. Jeden morgen kann man sie sehen, 100 m entfernt, auf der anderen Seite der Oder, auf der schmalen Neiße-Brücke in der kleinen Grenzstadt Guben. Knapp 30 km südlich von Eisenhüttenstadt stehen hier die billigen Arbeitskräfte und bieten ihre Maurer-, Malerqualitäten für vier bis fünf Euro die Stunde an. Schon im Morgengrauen fahren die Kleinbusse deutscher Firmen vor und lassen so viele Tagelöhner einsteigen, wie sie brauchen.

Doch nicht alle Gubener teilen diese Sympathien für die polnischen Nachbarn. Gottfried Hain sitzt die letzten Tage in seinem Bürgermeisterzimmer. Sein schmales Gesicht wirkt erschöpft: Die Gubener haben ihn nach acht Jahren im Amt abgewählt. Offen spricht es niemand aus, aber die Tatsache, dass Hain massiv auf Kooperationen zwischen der deutschen Halbstadt Guben und der polnischen Halbstadt Gubin gesetzt hat, dürfte bei seiner Abwahl ein wichtige Rolle gespielt haben. Vom „Polenfreund“ ist in Guben die Rede, und es ist nicht nett gemeint.

Dennoch zeigt Hain Verständnis: „1989 hatte Guben 32 000 Einwohner, jetzt sind es nur noch 24 000.“ Dazu kommt mit 20 % eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Deutschland. Die jungen Leute wandern ab nach Bayern und Baden-Württemberg. „Die größte Gruppe in Guben sind inzwischen die Lethargiker“, resümiert Hain seine Erfahrungen nach acht Jahren Bürgermeisteramt. Doch dann flackert noch einmal so etwas wie Hoffnung in ihm auf: „Die Grenzregion muss von dem Zusammenschluss profitieren, sonst bleiben wir am Ende des wirtschaftlichen Bahngleises.“

Aber lange nicht alle fliehen in die Lethargie. Hartmut Klenke ist einer von denen, für die so etwas undenkbar ist. Er ist Chef der Firma Erowa Bau in Beeskow – einige Kilometer westlich von Eisenhüttenstadt – und beschäftigt dort 130 Mitarbeiter. Auf der polnischen Seite der Oder hat er eine Niederlassung mit 20 Mitarbeitern im Örtchen Meseritz/Miedzyrzecze gegründet, die Erdgasleitungen für die Kommunen verlegt. „Twin-Factory“ heißt das Modell, in dem deutsches Geld und Know-how zusammen mit polnischen Arbeitskräften eine schlagkräftige Einheit auf dem deutschen und auf dem polnischen Markt bilden soll. „Es gibt im Prinzip viele Geschäftsmöglichkeiten“, sagt Klenke.

Aber eben nur im Prinzip. „Nur sehr wenige Firmen bauen langfristige Kooperationen auf“, so die Beobachtung von Hans Joachim Bürkner, Professor am IRS.

Es wird dauern, bis sich die Wolken über dem Grenzegebiet endgültig verziehen. MARCUS FRANKEN

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