Wirtschaftspolitik 10.10.2003, 18:27 Uhr

Erst der richtige Mix bringt langfristig den Erfolg

Mit einer Mischung aus traditionellen und neuen innovativen Unternehmen will der Kreis Heinsberg den Strukturwandel der ehemaligen Zechenregion voranbringen.

Gut sichtbar wächst hier das Neue neben dem Alten heran, manchmal sogar darüber hinweg: Überall im Kreis Heinsberg drehen sich die Rotoren der Windkraftwerke, dazwischen immer wieder die begrünten Abraumhalden ehemaliger Zechen. Und manchmal wachsen die Windräder auch auf den alten Halden.
Doch bis dahin war es ein langer Weg. „Als wir Anfang der 90er Jahre die ersten Windräder in Hückelhoven auf Abraumhalden stellen wollten, wurden wir vom Stadtrat ausgebremst“, erinnert sich Heinrich Lohmann.
Lohmann, Vorstand der Erkelenzer Umweltkontor Renewable Energy AG, ging ein paar Kilometer weiter nach Grevenbroich, traf auf einen innovationsfreudigen Stadtkämmerer und bekam seine Halde samt der Genehmigung, Windräder aufzustellen.
Mittlerweile hat sich die Lage geändert: Die Umweltkontor AG ist ein internationaler Konzern und hat auch im Kreis Heinsberg einen Anteil von gut 13 % an der Stromerzeugung. Und Lohmann, bekennender Grüner, ist Mitglied im Stadtrat.
Die ganze Region ist im Umbruch. Unternehmen, wie die 1995 gegründete Umweltkontor AG, sind es, auf die der Kreis jetzt setzt, nachdem die Zechen schlossen und die regionale Textil-, Leder- und Chemieindustrie in die Knie ging.
Kaum ein Unternehmen in der Region wuchs so schnell wie die Umweltkontor AG: Von 30 Mitarbeitern im Jahr 1999, dem letzten Jahr vor dem Börsengang, auf derzeit knapp 380, bei einem Umsatz von 84 Mio. ‰ allein in der ersten Hälfte dieses Jahres. Gut 160 Mitarbeiter sind allein am Standort Erkelenz beschäftigt.
Die Umweltkontor AG fing damit an, dass sie schlüsselfertige Windkraftanlagen anbot. „Mittlerweile haben wir um die 5 % Marktanteil in Deutschland, und damit gehören wir zu den Großen“, so Lohmann.
Doch Windkraftanlagen tragen nur noch knapp 50 % zum Umsatz bei. Schon unmittelbar nach dem Börsengang 2000 stellte sich das Unternehmen breit auf, investierte 2002 einen zweistelligen Millionenbetrag in die Herstellung von Solarzellen, Wasserturbinen und Biodiesel. „Wir wollen uns“, so Lohmann, „von der Windkraft unabhängiger machen. Langfristig bringt nur der richtige Mix Erfolg.“
Der Mix macht es auch für die Region. Nur wenige Autominuten von der Umweltkontor AG entfernt liegt die Wirth Maschinen- und Bohrgeräte-Fabrik GmbH. Eben noch helle Räume mit Bildern von Windrädern, jetzt eine gut hundert Jahre alte Halle voller riesiger Maschinenteile und Bohrköpfe.
Fast überall, wo in der Welt Tunnel gebaut werden, sind die Bohrmaschinen von Wirth dabei. Und wenn in Hongkong neue Hochhäuser in schwindelnde Höhen gezogen werden, sind es die Drehbohranlagen von Wirth, mit denen die Fundamente für die Gebäude gegründet werden.
Wirth kommt für die Region eine Schlüsselrolle zu: Das Unternehmen, das 2002 gut 100 Mio. ‰ Umsatz machte, ist mit 550 Mitarbeitern der größe privatwirtschaftliche Arbeitgeber am Ort und bildet derzeit gut 50 Azubis aus.
Doch der Platz als führender Arbeitgeber im Kreis wird Wirth streitig gemacht: Gut 5 km südlich von Erkelenz, in Baal, hat der Shopping-Fernsehkanal QVC ein riesiges Logistikzentrum auf der grünen Wiese aufgebaut. Knapp 500 Menschen arbeiten dort schon, bis zu 1000 sollen es werden.
Während in den alten Hallen von Wirth seit Jahrzehnten modernstes Tunnelbaugerät hergestellt wird, regt sich in der ehemaligen Zeche Carolus Magnus in Übach-Palenberg neues Leben. Mit Fördermitteln der Europäischen Union wurde das historische Zechengebäude zu einem modernen Gründerzentrum umgebaut.
Einer der Hauptmieter ist das Unternehmen mnemoScience. Das Unternehmen entwickelt aus so genannten Formgedächtnis-Kunststoffen Produkte für die Medizintechnik. Der Formgedächtniseffekt bedeutet, dass ein Material neben seiner sichtbaren temporären Form noch eine permanente Gestalt speichern kann, die bei Bedarf durch Anwendung eines Stimulus, wie einer Temperaturerhöhung oder einer Bestrahlung mit UV-Licht, wieder abgerufen werden kann: Die Kunststoffe „merken“ sich ihre Ursprungsform.
Mit dieser innovativen Technologie spielt das Unternehmen weltweit ganz vorn mit. „Wenn es um Shape Memory Polymere geht, die für den menschlichen Körper verträglich sind, kommt weltweit niemand an uns vorbei“, so Dietmar Hellenbroich, Geschäftsführer von mnemoScience.
Vorrangiges Anwendungsgebiet ist die Medizintechnik. So lassen sich kleine Kunststoffröhrchen, so genannte „stents“, in defekte oder geschwächte Blutgefäße einbringen, auf einen Impuls hin erweitern sich diese Röhrchen auf einen definierten Durchmesser und bilden so ein Stützkorsett für das Gefäß. Oder ein Arzt vernäht eine Wunde lose mit einem Kunststofffaden und auf einen Impuls hin ziehen sich die Fäden auf eine vorgegebene Länge zusammen.
„Vom Selbstverständnis her sind wir Produktentwickler und Herstellungspartner“, so Hellenbroich. Mit einer Tochter des amerikanischen Medizintechnik-Unternehmens C.R. Bard und einem geheim gehaltenen Kosmetikkonzern hat mnemoScience bereits Kooperationen abgeschlossen.
Mit ihren derzeit 26 Mitarbeitern treibt mnemoScience auch eigene Entwicklungen voran, die an große Medizintechnik-Unternehmen verkauft werden sollen, die dann das Produkt in den Markt bringen. Die Kooperation mit Bard dient dabei als Referenz.
Probleme mit dem Standort haben Unternehmen wie mnemoScience, die Umweltkontor AG oder Wirth nicht. „Wir sind hier im Herzen Europas“, so Lohmann. Auch die Infrastruktur für junge Start-ups stimmt.
MnemoScience und die Umweltkontor AG haben beide in Technologiezentren angefangen, mnemoScience im Medizintechnischen Zentrum (MTZ) in Aachen, die Umweltkontor AG im Gründerzentrum in Hückelhoven. „Das war eine enorme Hilfe“, so Lohmann und Hellenbroich unisono.
Auch den Bedarf an Mitarbeitern kann die Region hervorragend decken. Die Wissenschaftler von mnemoScience kommen fast alle von der RWTH Aachen. Lohmann dagegen rekrutiert seine Ingenieure mit Vorliebe aus der FH Jülich. „FH-Ingenieure können irgendwie besser anpacken.“
Das Problem mangelnder Arbeitskräfte im Kreis sieht auch Joachim Steiner, Geschäftsführer der örtlichen Wirtschaftsförderungsgesellschaft nicht. „Noch pendeln mehr Menschen raus als rein.“ Doch das könnte sich bald ändern. W. MOCK

Kreis Heinsberg
Der Kreis Heinsberg liegt in dem Dreieck zwischen Aachen im Süden, holländischer Grenze im Westen und Düsseldorf im Nordosten. Im Kreis leben 252 000 Menschen auf einer Fläche von 628 km2. In den 90er Jahren machten die letzten Zechen dicht, auch die Textil- und Lederindustrie verlor an Bedeutung. Neben der Ansiedelung innovativer Unternehmen unterstützt die Wirtschaftsförderung regionale Schwerpunktbildungen bei der Logistik (durch die Ansiedelung von QVC) und bei der Bahntechnik (durch die Ansiedelung des Siemens-Prüfcenters in Wegberg-Wildenrath). Die Arbeitslosenrate liegt mit 10 % auf NRW-Landesdurchschnitt. moc

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