Währungspolitik 30.05.2003, 18:25 Uhr

Die Industrie wird das Dollar-Risiko so schnell nicht los

Die US-Währung wird angesichts ihres Wertverfalls für viele Konzerne und Staaten zu einer schweren Hypothek. Besonders Sektoren, die ihre Mitarbeiter und Lieferanten in „harten“ Euro bezahlen müssen, nehmen den Greenback nur noch zähneknirschend an. Eine andere Leitwährung lässt sich im Welthandel aber nicht so leicht durchboxen.

Zentralbanken schwören zunehmend auf ihn, private und institutionelle Anleger nehmen ihn begeistert an, große Exporteure würden gern – können aber nicht. Die Rede ist vom Euro. Seitdem der Kurs nur noch den Weg nach oben kennt, wird sein Lockruf im internationalen Devisenkonzert immer lauter. Vor allem an den Kredit- und Anleihemärkten wird zunehmend in Euro umgeschichtet.
Industrie- und Handelskonzerne, die auf den Weltmärkten agieren, sind weniger flexibel. Denn in vielen Sektoren, wie Erdöl und Schiffbau, wird traditionell in US-Dollar abgerechnet. Hersteller und Käufer sind auf eine Leitwährung angewiesen, um Preisvorstellungen am Markt vergleichbar zu machen. „Auch jedes Flugzeug, egal für welche Fluggesellschaft, wird in US-Dollar bestellt“, bestätigt Eckhard Zanger, Pressesprecher des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS. „20 Mrd. €, zwei Drittel unseres Umsatzes, kommen in Dollar rein. Das bringt ein erhebliches Währungsrisiko mit sich.“ Denn die eigenen Ausgaben müssen in Euro gezahlt werden verliert die US-Währung also gegenüber dem Euro, bleibt unterm Strich weniger übrig.
Der Effekt wird dadurch begrenzt, dass der Airbus-Hersteller bestimmte Vorprodukte in Dollar bezahlt. Am Ende bleiben aber immer noch Dollar-Erlöse in Milliardenhöhe in der Kasse, die je nach Devisenkurs mehr oder weniger wert sind. Gewissheit kann sich das Unternehmen durch Einsatz von „Hedging“-Instrumenten verschaffen, also durch Abschluss von Devisenoptionen und Termingeschäften. Dabei sichert sich die Firma den späteren Verkauf von Dollar zu einem vorher vereinbarten Kurs. „Kurzfristig können wir so Risiken von umgerechnet 10 Mrd. ! eingrenzen“, sagt Zanger. Doch viele Jets werden schon heute für 2010 bestellt. Da bleibt der Ergebnisbeitrag unklar.
Konkurrenten wie Boeing, die fest im Dollar-Raum verankert sind, haben es da leichter. EADS-Co-Vorstandschef Phillipe Camus ist deshalb für eine Währungsumstellung. Preisfixing und Abrechnung seien nicht mehr zeitgemäß, weil US-Hersteller den Markt nicht mehr allein regieren.
Auch die Schifffahrtsbranche klagt darüber, dass ihre Charter- und Frachtraten universell in Dollar festgelegt sind. „Wir würden gern mehr in örtlichen Währungen abrechnen, aber die Industrie ist ganz und gar auf Dollar fixiert“, erklärt die Sprecherin der britischen Reedereigruppe CP Ships, Elizabeth Canna. Die Briten, die ihre Kosten vorwiegend in Euro, kanadischen Dollar und Sterling begleichen, verloren wegen der Wechselkursverschiebung allein im ersten Quartal 12 Mio. US-Dollar. Auch die zum Oetker-Konzern gehörende Reedereigruppe Hamburg-Süd nennt den schwachen Dollar als einen Grund für ihre sinkenden Umsätze.
Besonders fest verankert ist der Greenback an den internationalen Rohstoff- und Warenterminmärkten. „Es wäre viel zu kompliziert, innerhalb der vernetzten Märkte mit unterschiedlichen Währungen zu hantieren“, ist Guy Isherwood, Chefredakteur des Rohstoff-Magazins Commodities Now, überzeugt.
Noch verwundbarer als Industriekonzerne sind Volkswirtschaften, die sich auf Rohstoffexporte in Dollarmärkte stützen. Sinkt der Außenwert des US-Dollars, verringert sich ihre Kaufkraft ebenso, weil die Marktpreise von Baumwolle oder Erdöl die Devisenschwankungen nicht einkalkulieren. „Früher, als die Opec noch einseitig die Rohölnotierungen festlegen konnte, hat die Organisation die Preise angehoben, wenn der Dollar an Wert einbüßte“, erinnert sich Manouchehr Takin, Senior Analyst bei der Marktforschungsfirma Centre for Global Energy Studies in London. Heute tendieren Rohölpreise und Dollarkurs synchron nach unten. Darunter leiden besonders Förderstaaten in Nordafrika und dem Mittleren Osten, die ihre Deviseneinnahmen großenteils in Euro umtauschen müssen, weil sie stark auf Importe aus Europa angewiesen sind.
„Produzenten wie Algerien oder Libyen werden in Zukunft sicherlich lieber in Euro abrechnen“, glaubt Takin. Unter Saddam Hussein preschte Irak als erster Staat in diese Richtung vor. Der Diktator forderte zudem, die europäische Währung nicht nur zum Zahlungsmittel, sondern auch zum Rechengeld der Ölbranche zu machen. „Solche Forderungen kommen jedes Mal auf, wenn der Dollar an Wert verliert“, stellt Takin fest.
MICHAEL HOLLMANN
Beim Airbus-Hersteller EADS kommen zwei Drittel des Umsatzes in Dollar rein. Das Währungsrisiko ist groß, vor allem weil die meisten Kosten in Euro anfallen. Foto: EADS
Besonders verwundbar sind Länder, die Rohstoffe in Dollarmärkte liefern

Von Michael Hollmann

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