Außenwirtschaft 17.06.2005, 18:39 Uhr

Deutsche Unternehmen drängen weiter nach Osteuropa  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 17. 6. 05 – Der Wirtschaftsaufschwung in den EU-Beitrittsländern hält an. Eine Chance auch für die deutsche Industrie, die verstärkt nach Osteuropa exportiert. Als Fertigungsstandort ist vor allem Polen gefragt.

Unter Fachleuten in Brüssel fällt die Bilanz nach zwölf Monaten EU-Osterweiterung positiv aus. Der Beitritt der acht mittel- und osteuropäischen Staaten ging reibungslos über die Bühne. Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigen Modellrechnungen von Wirtschaftswissenschaftlern, wonach die Erweiterung der Gemeinschaft vor allem den alten EU-Ländern nützt.

In Deutschland sorgt die EU-Osterweiterung dennoch angesichts hoher Arbeitslosigkeit und der Billigkonkurrenz aus dem Osten für gemischte Gefühle: Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest zufolge, sehen 42 % der Bundesbürger Deutschland langfristig als Nutznießer der Erweiterung, 43 % befürchten negative Folgen.

Unter den Skeptikern rechnen etwa acht von zehn mit kritischen Folgen für die Wirtschaft. 37 % sorgen sich um die Arbeitsplätze. Von den Befürwortern erwarten hingegen zwei Drittel neue Absatzmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft.

Ihren Optimismus bestätigt sehen nach einem Jahr Osterweiterung weite Teile der deutschen Wirtschaft. Gunter Schall, Außenwirtschaftsexperte beim Bundesverband der deutschen Industrie (BDI): „Etwas Besseres als die Öffnung in Richtung Osten hätte unseren Mitgliedern überhaupt nicht passieren können.“

In der Tat, die Industrie profitiert. Ein Markt mit 70 Mio. Menschen hat sich geöffnet. Besonders stark wurde die Marktintegration von der Automobilindustrie vorangetrieben. Sie ist der größte Investor vor Ort. Es folgen der Maschinenbau und die Chemieindustrie, wobei hier, nach Schall, die Exporttätigkeit dominiert.

Entdeckt worden ist die Ost-EU aber mittlerweile auch von Dienstleistern – nicht nur als Markt, sondern auch als Standort für Verwaltungstätigkeiten: So hat die Kölner Axa-Versicherung angekündigt, ihre Schadensbearbeitung nach Lettland zu verlagern.

Vereinzelt, wie im Fall der Hannoverschen Continental, werden auch Teile von Forschung und Entwicklung in Osteuropa wahrgenommen – aber nicht ausgelagert. Laut Conti-Chef Manfred Wennemer stellt das Unternehmen gleichzeitig zusätzliches F&E-Personal in Deutschland ein.

Osteuropa ist für deutsche Firmen mittlerweile ebenso wichtig wie die USA. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes exportierten deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr Waren im Werte von etwa 60 Mrd. € in die neuen EU-Staaten. Das waren 8 % der gesamten deutschen Ausfuhren – 62 % mehr als fünf Jahre zuvor.

Auch die Investments deutscher Firmen im Osten wachsen rasant. Mittlerweile haben heimische Unternehmen einen Kapitalstock in Höhe von 23 Mrd. € in den neuen EU-Ländern aufgebaut. Damit sind nunmehr fast 5 % der deutschen Auslandsinvestitionen in Mittel- und Osteuropa getätigt worden.

Jüngste Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) belegen, dass 2005 gar 23 % aller deutschen Direktinvestitionen in die ehemaligen Ostblockstaaten gehen werden. Für den DIHK ist Osteuropa zum deutschen Investitionsziel Nummer eins geworden. Nach dem Mittelstandsbarometer 2005 der Unternehmensberatung Ernst & Young planen 6 % aller Industriefirmen, Teile der Fertigung nach Polen zu verlagern, 2 % wollen nach Tschechien gehen.

Durch Fertigung in den mittel- und osteuropäischen Ländern senken die Firmen – nach Volker Treier vom DIHK – ihre Kosten, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Das könnte, so Treier, dazu führen, dass auch im Inland Arbeitsplätze entstehen.

Das sieht Horst Wildemann, Professor an der Münchner TU anders. Seine Arbeitsmarktstudie kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland aufgrund der Globalisierungswelle jährlich 150 000 Jobs verlieren wird, davon ein Viertel an die Ost-EU.

Die Frage, ob die Osterweiterung per Saldo zu einem Abbau oder einem Zuwachs an Arbeitsplätzen in Deutschland führen wird, ist nach Ansicht von Ernst & Young derzeit kaum zu beantworten.

Immerhin gibt jeder neunte befragte Mittelständler an, im Zusammenhang mit der Osterweiterung die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland verringert zu haben. 2 % haben dies sogar in erheblichem Umfang getan. Als Gründe werden Produktionsverlagerungen aber auch Umsatzverluste durch die neue osteuropäische Konkurrenz hierzulande angeführt.

Nach einem Jahr Osterweiterung zieht laut Studie von Ernst & Young auch der „gehobene deutsche Mittelstand“ insgesamt ein positives Fazit: 29 % der Befragten sehen positive Effekte. Denen stehen 9 % gegenüber, die über negative Auswirkungen der Erweiterung klagen.

Profitiert haben von der Osterweiterung insbesondere größere mittelständische Betriebe. Kleinere und binnenorientierte Unternehmen verspürten dagegen kaum Auswirkungen auf ihr Geschäft. Nach Wirtschaftssparten betrachtet zeigt die Ernst & Young-Studie, dass vor allem Handelsunternehmen der Osterweiterung Positives abgewinnen können. Deutlich bemerkbar macht sich der Wegfall von Zöllen und Handelsbeschränkungen sowie von Investitionshemmnissen.

Der leichtere Zugang zu neuen Absatzmärkten sorgt aber auch bei Industrie und Dienstleistungsunternehmen für eine positive Bewertung der Osterweiterung. Die höhere Rechtssicherheit wissen vor allem die seit längerem vor Ort investierten Unternehmen zu schätzen.

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) beobachtet seit Jahren die Entwicklung der osteuropäischen Volkswirtschaften. Das Wirtschaftswachstum der Beitritts- länder lag – laut WIIW – im vergangenen Jahr mit fast 5 % mehr als doppelt so hoch wie das der alten EU-Länder (2,2 %). Weil es sich bei den Beitrittsstaaten aber noch um wirtschaftliche Leichtgewichte handelt, belief sich das EU-Durchschnittswachstum 2004 nur auf 2,4 %.

Günstig beurteilt das WIIW die Inflationsentwicklung in den neuen EU-Ländern. Vorübergehende Preissteigerungen konnten rasch unter Kontrolle gebracht werden. Dank stetiger Währungsaufwertungen seien inzwischen die Inflationsraten wieder deutlich rückläufig.

Trotz anhaltend hoher Wachstumsraten dürfte die Arbeitslosigkeit, deren Quote im Durchschnitt doppelt so hoch liegt wie in den westlichen EU-Staaten, kurzfristig kaum abnehmen. Besonders dramatisch stellt sie sich in Polen dar, wo fast jeder fünfte Erwerbsfähige ohne Arbeit ist.

Auch wenn die neuen EU-Staaten in Mittel- und Osteuropa das Wachstum der Gesamt-EU noch nicht nachhaltig beeinflussen, sorgen sie nach Ansicht des WIIW bereits für mehr Bewegung und Konkurrenz innerhalb der Gemeinschaft.

Für Josef Pöschl vom WIIW besteht „kein Zweifel, dass die EU-Wirtschaft durch die Osterweiterung konkurrenzfähiger wird“. Der Osten reformiere den Westen. Die Standortvorteile der neuen Länder resultierten vor allem aus ihren wenig entwickelten Sozialsystemen, den zum Teil niedrigen Steuern und deutlich weniger regulierten Arbeitsmärkten.

DIETER W. HEUMANN

Wichtiges auf einen Blick

– 2004 exportierte Deutschland Waren im Wert von 60 Mrd. € in die neuen EU-Staaten.

– In den vergangenen Jahren haben deutsche Unternehmen einen Kapitalstock von 23 Mrd. € in den acht osteuropäischen Beitrittsländern aufgebaut.

– Der DIHK erwartet, dass in diesem Jahr rund ein Viertel aller deutschen Direktinvestitionen in die ehemaligen Ostblockstaaten fließen wird. ps

Von Dieter W. Heumann

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