Exportboom 02.03.2012, 12:00 Uhr

Deutsche Exporte sorgen für Ärger

Seit Jahrzehnten exportiert Deutschland mehr als es importiert. Die Regierung preist den Überschuss der Leistungsbilanz als Ausweis wirtschaftlicher Stärke. Doch viele südeuropäische Länder klagen darüber, dass die deutsche Exportoffensive ihre Wirtschaftsprobleme verschärft.

Die deutschen Ausfuhren sind im vergangenen Jahr auf den Rekordwert von über 1000 Mrd. € gestiegen – ein Wachstum von über 11 % gegenüber 2010. Das ist zwar Balsam auf die deutsche Seele aber andere Länder – insbesondere die südlichen Europartner – sind weniger glücklich darüber. Schließlich stehen deutschen Leistungsbilanzüberschüssen spiegelbildlich Leistungsbilanzdefizite anderer Länder gegenüber.

Der deutsche Exportboom sorgt für Ärger

Der deutsche Exportboom sorgt für Ärger

Politiker und Ökonomen vieler kriselnder Euroländer werfen Deutschland vor, mit einer Niedriglohnpolitik die eigenen Exporte – zum Schaden der Konkurrenz – künstlich zu verbilligen. Zudem setze die Bundesrepublik auf die Verschuldung anderer Länder, damit diese ihre Importe zahlen können. Ist Deutschland mit seinen hohen Handelsüberschüssen (siehe Grafik) tatsächlich Schuld an der finanziellen Misere im Süden Europas?

Exporte nicht nur in Deutschland stark

Zunächst: Deutschland steht mit seinen Überschüssen nicht allein da. Unter den OECD-Staaten mit positiver Leistungsbilanz liegt die Bundesrepublik nur im Mittelfeld. An der Spitze stehen Norwegen und China. Euro-Staaten, wie Luxemburg und die Niederlande, weisen ebenfalls hohe Überschüsse aus.

Andererseits haben vor allem südeuropäische Länder seit dem Beitritt zur Eurozone ihr Leistungsbilanzdefizite spürbar erhöht. Das gilt vor allem für Griechenland, das allerdings auch vor seiner Euro-Mitgliedschaft mit Ausnahme von 1975 nie einen Überschuss erwirtschaften konnte.

Bereits 2010 forderte die damalige französische Finanzministerin und heutige IWF-Chefin, Christine Lagarde, Deutschland auf, mehr für seine Binnenkonjunktur zu tun. Insbesondere sollte die Bundesrepublik den privaten Konsum über höhere Löhne stärken, statt die Exporte immer weiter zu steigern. Gleiches mahnte, wenn auch etwas leiser, der amerikanische Präsident Barack Obama an. Kein Wunder: Er muss schließlich die US-Exporte forcieren, damit die Wirtschaft vor den Präsidentschaftswahlen auf Touren kommt.

In der Tat dümpelte die deutsche Binnenwirtschaft bis 2010 jahrelang vor sich hin. Es fehlte vor allem an stimulierender privater Kaufkraft. Durch die Reformen der Agenda 2010 sowie durch Zurückhaltung bei den Arbeitskosten gelang es aber schließlich, die Arbeitslosigkeit von über 5 Mio. auf 3 Mio. zu senken.

Die höhere Beschäftigung schlug ab 2010 allmählich positiv auf die Einkommenssituation durch. Auch die verfügbaren Einkommen stiegen. Die Folge: Der private Konsum zog an, zumal sich laut Bundesbank auch die Sparquote sukzessive auf 11 % verringerte.

Angesichts der hohen Unternehmensgewinne scheint jetzt auch die Zurückhaltung bei Löhnen und Gehältern vorbei zu sein: Die Gewerkschaften stellen Tarifforderungen von über 6 % für 2012.

Doch nicht nur der private Verbrauch nimmt kräftig zu. Auch die deutschen Unternehmen investieren massiv im Inland.

Möglicher Aufschwung der Binnenwirtschaft könnte dem Boom bei Exporten folgen

Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo Instituts, macht dafür vor allem die schwierige Situation in den südlichen Euroländern verantwortlich: Während vor der Krise deutsche Gelder – angesichts hoher Renditen – in erheblichem Ausmaß in Südeuropa investiert wurden, suchten sie seit Ausbruch der Krise sichere Anlagemöglichkeiten daheim. Damit schafften sie wichtige Voraussetzungen für den Aufschwung der Binnenwirtschaft.

Lebhaft blieb die Nachfrage aus dem Ausland. Aufgrund rechtzeitiger Restrukturierungen gelang es den deutschen Unternehmen, international an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Der Erfolg beruhte dabei aber nicht – wie von Kritikern behauptet – auf niedrigeren Produktions- und Arbeitskosten.

Vielmehr verstanden es deutsche Unternehmen mit Qualität, Lieferpünktlichkeit und Serviceorientierung zu punkten. Diese Eigenschaften sind international gefragt und kennzeichnen nicht nur die Produkte deutscher Vorzeigebranchen, wie dem Maschinenbau oder der Automobilindustrie.

Zudem zahlt sich heute aus, dass Deutschland in den 80er-Jahren nicht massiv von Industrieproduktion auf Dienstleistungen umgestiegen ist. Die Deutschen verfügen heute über eine gute Industriebasis, die in der Lage ist, gerade die Wünsche der aufstrebenden Entwicklungsländer nach Investitionsgütern zu erfüllen.

Zwar bleiben knapp 40 % der deutschen Ausfuhren innerhalb der Eurozone – mit Schwerpunkt Frankreich und Niederlande. Doch das Augenmerk der Exporteure richtet sich zunehmend auf die Wachstumsmärkte in Asien und Lateinamerika. 2011 nahm der Export in die Eurozone um 8,6 %, in andere europäische Länder um 12,6 % und in außereuropäische Länder um ca. 14 % zu – darunter China mit 20 %.

Kritik an deutschen Exporterfolgen wäre berechtigt, wenn dahinter unlautere Praktiken stünden – etwa Ausfuhrsubventionen oder Importbeschränkungen. Doch davon kann keine Rede sein.

Zudem haben sich die gestiegene Binnennachfrage und die höheren Exporte auch auf die deutschen Einfuhren ausgewirkt. Die kräftig wachsende Volkswirtschaft verlangte nach höheren Energie- und Rohstoffeinfuhren, nach Vorprodukten aber auch nach mehr Konsumgütern aus dem Ausland.

Deutsche Importe stiegen 2011 schneller als die Exporte

Die deutschen Einfuhren stiegen 2011 mit über 13 % sogar schneller als die Exporte auf über 900 Mrd. € an. Die meisten Importe kommen dabei aus China, gefolgt von den Niederlanden, Frankreich, USA sowie Italien.

Die Gründe für den deutschen Leistungsbilanzüberschuss rechtfertigen nicht den Vorwurf einer Egoisten Politik. Auch der Vorschlag, in der Eurozone Höchstgrenzen für Leistungsbilanzüberschüsse einzuführen, dürfte dem gemeinsamen Währungsraum mehr schaden als nutzen. Denn es ist keineswegs sicher, dass deutsche Exportzurückhaltung tatsächlich Unternehmen in darbenden Euroländern zugutekäme. Eher dürften die Aufträge nach Asien abwandern. 

Von Dieter W. Heumann

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