Konjunktur 05.11.2004, 18:34 Uhr

Der Weg in eine lange und tiefe Depression

VDI nachrichten, Berlin, 5. 11. 04 -Der Einbruch der Aktienkurse an der New Yorker Börse vor 75 Jahren war der tiefste Einschnitt in der Wirtschaftsgeschichte des vergangenen Jahrhunderts. An der Weltwirtschaftskrise habe er jedoch keinen entscheidenden Anteil gehabt, meint Gerd Hardach, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Uni Marburg, und Autor des folgenden Artikels.

Der Sturz war tief. Gemessen am Standard and Poors Index der Aktienkurse an der New Yorker Börse 1926, vor der großen Spekulationswelle, waren die Kurse im September 1929 auf 206 % gestiegen und im Juni 1932 auf 34 % des Niveaus von 1926 oder 17 % des Niveaus vom September 1929 gefallen. Danach ging es mit Fluktuationen wieder aufwärts, Ende der dreißiger Jahre waren die Aktienpreise wieder auf dem Niveau von 1926.
Die historische Bedeutung des New Yorker Börsencrashs vom Oktober 1929 liegt nicht nur an der Dimension des Kursverfalls, sondern vor allem an der Parallelität von Börsenkrise und Wirtschaftskrise. Allerdings war der Börsencrash nicht der Auslöser der Weltwirtschaftskrise von 1929-33, wie oft angenommen wird, sondern ihr erster Kollateralschaden. Der Aufschwung der zwanziger Jahre, der in den USA Erwartungen auf eine anhaltende Prosperität geweckt hatte, schlug schon im Frühjahr 1929 in eine Rezession um.
Die Börse ließ sich dadurch zunächst nicht beeindrucken. Die „Bullen“ hielten die Rezession für eine vorübergehende Wachstumsschwäche, nicht für den Beginn einer Krise. Anfang August 1929 erhöhte das Federal Reserve System den Diskontsatz auf 5,5 %, um die nach Ansicht der Notenbanker überhitzte Spekulation zu dämpfen.
Die schlechten Konjunkturnachrichten und die Intervention des Federal Reserve System ließen die Stimmung an der Börse allmählich umschlagen. Das Börsengeschehen wurde im August, September und den ersten Oktoberwochen zu einer Zitterpartie mit leicht nachgebenden Kursen. Am 24. Oktober 1929, einem Donnerstag, gewannen die „Bären“ endgültig die Oberhand. Es kam zu massiven Kursverlusten, und der Crash entfaltete eine Eigendynamik, weil Spekulanten, die ihre Aktienkäufe mit Bankkrediten finanziert hatten, zu Verkäufen gezwungen waren, um ihre Liquidität zu verbessern. Am Freitag versuchten die Banken, sich mit Stützungskäufen gegen die Flut zu stemmen, aber in der folgenden Woche setzte sich der Kursverfall fort. Er führte, mit Unterbrechungen, zu dem Tiefpunkt von 1932.
Während an der Börse die Vermögenswerte verfielen, eskalierte die Krise von Produktion und Beschäftigung. Zwei Bankenkrisen, 1930/31 und 1933, verschärften die konjunkturelle Talfahrt. 1933 lag das reale Bruttosozialprodukt um 23 % unter dem Niveau von 1929, und die Arbeitslosenquote war auf 25 % gestiegen. Die konjunkturelle Erholung wurde 1937/38 durch eine neue Krise unterbrochen. Der Aufschwung, der auf diese Krise folgte, ging bald in die Rüstungskonjunktur und die Kriegswirtschaft über.
Der Börsencrash vom Oktober 1929 hat zwar das Investitionsklima weiter verschlechtert, hatte aber keinen entscheidenden Anteil an der Wirtschaftskrise. Einen erheblichen Teil der Verantwortung trug die Geldpolitik des Federal Reserve System. Es war ein schwerer Fehler, nach dem Beginn der Krise mit monetären Restriktionen eine Börsenhausse bremsen zu wollen, die auch ohne jede Intervention in kurzer Zeit ausgelaufen wäre. In den folgenden Jahren hat es die Notenbank versäumt, durch eine energische expansive Geldpolitik der Krise entgegenzuwirken. Auch die Finanzpolitik hat Fehler gemacht. Präsident Franklin D. Roosevelt entschloss sich nur zögernd und in viel zu geringem Umfang zu einer aktiven Konjunkturpolitik.
In Deutschland berichteten die Zeitungen zunächst eher beiläufig über den „Schwarzen Donnerstag“ an der Wall Street. Erst nach einigen Tagen wurde die Dimension des Börsenkrachs erkannt, aber dann ließ das Interesse schon bald wieder nach. Man war zu sehr mit der eigenen Krise beschäftigt.
Das wirtschaftliche Wachstum in Deutschland hatte sich schon 1928 abgeschwächt, und seit Anfang 1929 mehrten sich die Krisensymptome. Eine restriktive Geldpolitik und eine konservative Finanzpolitik verschärften die Krise. Im Mittelpunkt des Streits um die Wirtschaftspolitik stand die Sparpolitik der Regierung Brüning von März 1930 bis Mai 1932. Zwar ist der angestrebte Ausgleich des Reichshaushalts nicht gelungen aber die unfreiwilligen Defizite waren kein Ersatz für eine aktive Konjunkturpolitik. Die konjunkturelle Erholung, die 1933 begann, wurde von der nationalsozialistischen Diktatur bald durch eine Rüstungskonjunktur verdrängt.
Börsenkrisen hat es vor 1929 gegeben, und sie sind auch seitdem immer wieder aufgetreten. Langfristig folgt die Börse der Konjunktur. Es gibt aber keine strikte Parallelität, denn die Prognosen über die künftige Entwicklung von Unternehmensgewinnen, Zinsen und anderen Einflüssen auf die Aktienpreise hängen in hohem Maße von den subjektiven Bewertungen der Anleger ab.
Der Börsenexperte André Kostolany hat den Zusammenhang zwischen Konjunktur und Börse mit einem bedächtigen Spaziergänger und seinem munteren Hund verglichen. Der Hund läuft manchmal voraus, dann bleibt er wieder zurück, insgesamt gehen Herr und Hund aber in gleichem Tempo in die gleiche Richtung. Nach diesem Bild lief in den USA der Hund von 1926 bis 1929 dem Spaziergänger ungestüm voraus, nach dem Verfall der Aktienpreise war er 1932 weit zurückgeblieben, und Ende der dreißiger Jahre hatte er sein Herrchen wieder eingeholt.
Der Crash von 2000, der den dreijährigen Höhenflug des Neuen Marktes beendete, wurde in Deutschland zuweilen mit dem New Yorker Börsenkrach von 1929 verglichen. Im schlimmsten Fall wurde eine Abwärtsspirale von Wirtschaftskrise, Börsenkrise und Bankenkrise befürchtet, wie sie die amerikanische Wirtschaft sieben Jahrzehnte zuvor erlebt hatte.
Das wäre aber ein eher unwahrscheinliches Szenario, denn die Wirtschaftspolitik verfügt inzwischen über Kenntnisse und Instrumente für ein wirksames Krisenmanagement. In den USA wurde die Krise der New Economy durch die expansive Geldpolitik der Notenbank und durch das massive Deficit Spending, das die Regierung Bush mit der Steuerreform von 2001 einleitete, rasch überwunden.
Die deutsche Wirtschaft leidet darunter, dass die Geld- und die Finanzpolitik im Rahmen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion starren Regeln unterworfen wurden. Der europäische Stabilitätspakt war eine Antwort auf die Stagflation der siebziger Jahre. Die Europäische Zentralbank wurde einseitig auf das Ziel der Preisniveaustabilität festgelegt, und die Finanzpolitik wurde einer willkürlichen Defizitgrenze unterworfen.
Die Regeln aus der Vergangenheit passen jedoch schlecht in eine Zeit, in der nicht mehr die Inflation, sondern Deflation und Massenarbeitslosigkeit die Probleme sind. In den USA hat man aus der Krise von 1929 die Lehre gezogen, dass eine Nation in Krisenzeiten eine flexible und realitätsnahe Wirtschaftspolitik benötigt. In Deutschland und im Euroland wäre diese Lektion noch zu lernen. GERD HARDACH

Von Gerd Hardach

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