Außenwirtschaft 31.05.2002, 18:20 Uhr

Das unbekannte Musterländle

Slowenien – wo genau liegt das noch gleich? Der kleine Staat zwischen Österreich im Norden und Kroatien im Süden ist für viele Bundesbürger ein weißer Fleck im Bewusstsein. Dabei ist das Land nicht nur touristisch interessant, auch Wirtschaft und Wissenschaft sind hoch entwickelt.

Hugo Boss, Escada, Windsor – zahlreiche Edeltextiler lassen in Slowenien ihre Kollektionen nähen. Doch Lohnfertigung ist das Thema von gestern, heute wird in vielen Unternehmen Hightech produziert. Die Wirtschaft der Alpenrepublik ist seit der Statsgründung 1993 enorm gewachsen. Das slowenische Bruttoinlandsprodukt entspricht inzwischen 71 % des EU-Duchschnitts.
„Ljubljana ist das Zentrum für alles“, sagt Visnja Vulic mit einem Augenzwinkern. Sie leitet das Kontaktbüro der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF), das deutsch-slowenische Kooperationen fördert. Die Hauptstadt ist Dreh- und Angelpunkt für Wissenschaft und Wirtschaft in dem Land, dessen Fläche etwa der von Sachsen-Anhalt entspricht. Dazu tragen die Universität und das renommierte Jozef-Stefan-Institut bei. IT, Neue Materialien und Nanotechnologie sind nur einige Kompentenzfelder slowenischer Forscher.
Wissen, das auch von deutscher Seite gefragt ist. „Generell liegt in den Staaten Mittel- und Osteuropas einiges an technologischem Know-how brach, das mit ausländischer Hilfe genutzt werden könnte“, meint Dr. Jürgen Kühnlenz von der AiF in Berlin. Ein Weg dorthin sind die regelmäßigen Kooperationstage. Auf dem nächsten, am 18. Juni in Ljubljana, geht es schwerpunktmäßig um die Themen IT und Elektrotechnik. Je ein gutes Dutzend Teilnehmer, überwiegend aus kleineren Unternehmen und Forschungseinrichtungen, werden von deutscher und slowenischer Seite erwartet. „Ziel der Treffen sind Partnerschaften, die ein marktreifes Produkt entwickeln“, erklärt Kühnlenz.
Aus früheren Kooperationen hat Visnja Vulic positive Rückmeldung erhalten. „Allerdings sind die slowenischen Firmen zurückhaltend. Offenbar fürchten viele, von einem westlichen Partner überrollt zu werden.“
Das deckt sich mit den Erfahrungen von Mateja Cepin, Deutschland-Expertin der slowenischen Wirtschaftskammer: „Die Angst vor einem Ausverkauf des Landes ist weit verbreitet, geht aber zurück.“ Zumal auch große Unternehmen aus dem Alpenstaat inzwischen in Westeuropa Fuß gefasst haben. In umgekehrter Richtung weist die Statistik 500 deutsche Direktinvestitionen im Gesamtwert von 350 Mio. ! aus.
Zu den erfolgreichen Investoren zählt die Siemens AG Österreich: Im abgelaufenen Geschäftsjahr lagen die Ergebnisse über Plan, als „herausragend“ bezeichnet Auslandsleiter Ullrich Granser die Leistung der Sparte Mobilkommunikation. Siemens steigerte seinen Marktanteil von 5 % auf heute 29 %. „Damit sind wir die Nummer 1 beim Handy-Absatz in Slowenien“, so Granser. Aber auch die Sparten Medizintechnik und Industrial Solutions entwickelten sich erfreulich.
Um in Slowenien erfolgreich zu agieren, muss man aber nicht so groß wie Siemens sein und manchmal noch nicht einmal aktiv nach Partnern suchen. Die Firma Beckhoff, Hersteller von PC-basierten Automatisierungslösungen aus Verl, kam eher zufällig zu ihrem Vertriebspartner in Ljubljana. „Wir wurden von Vertretern des Hightech-Unternehmens Genera auf einer Messe angesprochen“, erklärt Kenan Aktas aus der Verler Exportabteilung. Das Angebot passte in die Internationalisierungs-Strategie. „Wir haben geprüft, ob sie den techischen Support leisten können und dann zugesagt.“ Kein großer Aufwand also. „Wir schulen die Mitarbeiter und bieten Unterstützung auf Messen an“, so Aktas. Die ersten Aufträge sind mittlerweile eingegangen – und ein weißer Fleck auf der Beckhoffschen Landkarte ist bunt geworden. MARTIN VOLMER

Serie EU-Erweiterung
Europa wird größer
Bis zu zehn Länder sollen 2004 in die EU aufgenommen werden. Wo stehen die Neulinge wirtschaftlich? Welche Chancen ergeben sich für deutsche Firmen? Diesen Fragen geht unsere Serie EU-Erweiterung nach. Bisher erschienen: „Europa nicht zum Sündenbock machen“ (Nr. 18, 3.5.02) „Tschechien – Hinein ins Haus Europa“ (Nr. 19, 10.5.02) Ungarn – Kräftemangel bremst Wachstum (Nr. 20, 17.5.02) Polen – Großer Markt im Osten lockt (Nr. 21, 24.5.02)
In der nächsten Ausgabe: Die baltischen Staaten. mav

 

Von Martin Volmer

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