18.06.1999, 17:21 Uhr

Balkan: Hoffen auf schnelle Hilfe

Der Krieg um den Kosovo ist kaum zu Ende, da rangeln die Industrieländer bereits um die beste Ausgangsposition für lukrative Projekte. Auch die deutsche Industrie hofft auf Aufträge, auch wenn die Finanzierung des Wiederaufbaus noch nicht geklärt ist.

Nur so viel ist derzeit sicher: Der Wiederaufbau des Kosovo wird ein langer und mühsamer Prozeß. Der notwendige Aufwand, um die Folgen der serbischen Zerstörungen zu beseitigen, sei aber überhaupt noch nicht abzusehen, heißt es im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Unklar ist auch, welcher Staat wieviel zur internationalen Aufbauhilfe beitragen wird: Die Finanzminister der sieben führenden Industrienationen verzichteten während ihrer jüngsten Tagung am vergangenen Wochenende auf konkrete Absprachen über Umfang und Verteilung der Lasten für die Staatengemeinschaft.
Bilaterale Hilfsabkommen mit dem Kosovo seien ohnehin die beste Lösung, meint Dr. Anton Vogt. Das betont der für den Länderkreis Südosteuropa zuständige Geschäftsführer des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft in Köln insbesondere mit Blick auf die Wechselbeziehungen zwischen den Unternehmen in den Geberländern und dem Kosovo.
Während die Soldaten der internationalen Friedenstruppen KFOR langsam in den Kosovo vorrücken, wird das ganze Ausmaß des Unheils sichtbar, das die serbischen Truppen angerichtet haben. Abgesehen von dem menschlichen Leid, das wohl für Generationen in der überwiegend von Albanern bewohnten jugoslawischen Provinz herrschen wird, sind es unermeßliche materielle Schäden, die der Krieg hinterlassen hat. Straßen, Brücken, Eisenbahnlinien und Häuser, Wasser- und Stromversorgung, Krankenhäuser – nichts blieb verschont.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Serbien, nur daß die Spur der Verwüstung dort von den Nato-Bomben stammt, die den Kriegsherrn und Präsidenten Slobodan Milosevic in die Knie zwingen sollten.
„Zunächst muß das Ausmaß der notwendigen Hilfen ermittelt werden“, sagt der Brüsseler EU-Kommissar Yves Thibault, erst dann könne überlegt werden, wie die Staatengemeinschaft das Geld aufbringe. Doch so lange sollte deutsche Unternehmen nicht warten, meint Vogt. Ihm ist noch das Beispiel des Wiederaufbaus Bosniens in Erinnerung: Deutschland habe seinerzeit fast ein Drittel der internationalen Hilfen finanziert: „Aber nur 6 % bis 8 % der Gesamtsumme sind wieder über Aufträge in die deutsche Wirtschaft zurückgeflossen.“
Ähnliches, so befürchten viele Unternehmen, könnte im Kosovo auch der Fall sein. Immerhin: Die Summe, die in den vergangenen Jahren allein nach Bosnien geflossen ist, wird auf rund 1 Mrd. DM geschätzt.
Die Skepsis der Unternehmer spiegelt sich auch in der deutschen Bevölkerung wider. In einer Umfrage des Bonner Meinungsforschungsinstitutes Dimap äußerten 87 % der Befragten, alle Nato-Staaten sollten sich finanziell am Wiederaufbau des Kosovo beteiligen. Gleichzeitig sprachen sich 83 % gegen einen „besonders großen Beitrag“ der Bundesrepublik aus.
Die Furcht vor den finanziellen Folgen des Krieges auf dem Balkan ist nicht unbegründet: Zwischen 15 Mrd. DM und 80 Mrd. DM müssen nach unterschiedlichen Schätzungen aufgebracht werden, um der Region wiederaufzubauen. „Allerdings steckt darin noch viel Spekulation“, relativiert Vogt diese Zahlenwerke.
Doch daß Deutschland neben dem Beitrag zum diplomatischen Erfolg rund um das Ende des Kosovo-Krieges auch einen erheblichen Anteil an den finanziellen Folgen tragen wird, ist sicher. In der Frage der Lastenverteilung steckt politischer und diplomatischer Zündstoff für die bislang geeinte Staatengemeinschaft.
Das wurde schon am Rande des Finanzminister-Treffens der G7 deutlich. Während die Minister noch debattierten, machte US-Präsident Bill Clinton in Washington unmißverständlich klar: In Sachen Finanzhilfen für den Kosovo sei vor allem die Europäische Union gefragt.
Bis sich die Staatengemeinschaft auf ein gemeinsames Vorgehen einigen kann, wird ohnenhin noch viel Zeit vergehen. Wenn erst einmal der Gesamtschaden ermittelt ist, geht es daran, die komplizierten Finanzierungswege aufzuzeichnen. Zuschüsse, Kredite, Aufbauhilfen der Weltbank – der Möglichkeiten, dem zerstörten Land zu helfen, gibt es viele.
Auch wegen des Zeitfaktors rät Vogt den deutschen Unternehmen, nicht abzuwarten, bis Entscheidungen auf der politischen Bühne fallen. „Am besten ist es, so bald wie möglich direkte Kontakte vor Ort zu knüpfen“, meint der Balkan-Experte.
Andere Nationen scheinen da schon viel weiter zu sein als die deutsche Wirtschaft: „Engländer, Franzosen und Japaner sind schon da.“
Auch für die Kosovaren wird die Zeit knapp – ein zumindest provisorischer Wiederaufbau ist eine wesentliche Voraussetzung, die zu erwartenden Rückkehrerströme bewältigen zu können. In erster Linie werde es deswegen in den nächsten Monaten um Maßnahmen für die Infrastruktur, wie funktioniernde Verkehrswege und eine halbwegs verläßliche Energieversorgung, gehen.
Die Startsituation der deutschen Wirtschaft, sich am Wiederaufbau des zerstörten Landes zu beteiligen, ist grundsdätzlich nicht schlecht. Viele Firmen haben lange vor dem offenen Ausbruch des Konfliktes im Kosovo gute Beziehungen zu dortigen Unternehmen und staatlichen Stellen, aber auch zu Geschäftspartnern in Serbien gepflegt. „Natürlich sind die Beziehungen mit Zunahme des Konfliktes zurückgefahren worden“, weiß Vogt. Aber: „Es sind jetzt gute Chancen vorhanden, daran wieder anzuknüpfen.“
Die deutsche Wirtschaft müsse auf jeden Fall ein großes Interesse haben, sich rechtzeitig und in einer guten Position am Wiederaufbau des Kosovo zu beteiligen, meint Vogt. Mit einer klaren Begründung: Südosteuropa ist ein wichtiger Handelspartner für die Bundesrepublik. Nach Erhebungen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft beträgt das jährliche Handelsvolumen rund 25 Mrd. DM. Vogt: „Und diese Summe wird derzeit nahezu ausschließlich mit Bulgarien und Rumänien erzielt.“ Mit Serbien und Makedonien „geht derzeit dagegen fast gar nichts“. Funktionierende Handelsbeziehungen mit allen Ländern Südosteuropas seien aber Voraussetzung für stabile Verhältnisse in der Region.
Deswegen betrachtet der Ostausschuß der deutschen Wirtschaft weitere politische Entwicklungen rund um das Ende des Kosovo-Krieges mit gewisser Sorge. Bundeskanzler Gerhard Schröder beispielsweise hatte eine schnelle Wiederaufbauhilfe für Jugoslawien von der Demokratisierung in Belgrad abhängig gemacht. Je rascher dieser Prozeß voranschreite, desto größer werde das Engagement für den Aufbau Serbiens.
Während sich Schröder wünscht, daß die Demokratisierung zur Ablösung von Milosevic führt, warnt der Balkan-Beauftragte der Bundesregierung, Hans Koschnick, vor übertriebenen Erwartungen. Die internationale Gemeinschaft müsse akzeptieren, daß sie den Weg zur Waffenruhe nur mit Milosevic gehen könne; danach müsse das serbische Volk seinen eigenen Weg gehen können.
Die von Schröder verlangte Verbindung zwischen politischer Veränderung und Hilfe ist auch für Vogt nur schwer vorstellbar: „Ein Wiederaufbau in Teilen ist nicht möglich.“ Ziel sei schließlich, Frieden in die gesamte Region zu bringen: „Dafür ist nur ein integrierter Aufbau erfolgversprechend.“
Südosteuropa wieder zu einer funktionierenden Region in Europa zu machen, sei schließlich im Interesse aller. Nach fester Überzeugung des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft ist der Balkan „eine sehr, sehr interessante Region“. Eine Verdoppelung des heutigen Handelsvolumens innerhalb von zehn Jahren hält Vogt für durchaus realistisch.
WOLFGANG HEUMER
Zerstörte Donaubrücke in Novi Sad: Deutsche Großunternehmen hoffen, daß sich ihre traditionell guten Balkankontakte auszahlen.
Für Leid und Zerstörung sorgten die Nato-Bomben in weiten Teilen Serbiens. Ost-Experten der deutschen Industrie plädieren dafür, ganz Jugoslawien beim Wiederaufbau zu unterstützen – auch wenn Präsident Milosevic in Belgrad an der Macht bleiben sollte.

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