Wirtschaftspolitik 20.04.2001, 17:29 Uhr

Aus Regionen werden „virtuelle Unternehmen“

Über ganz Deutschland zieht sich mittlerweile ein Netz von Kompetenzzentren. Aufnahme in diese vom Bundes- forschungsministerium geförderten Netze finden nur leitungsstarke regionale Verbünde. In Chemnitz hat sich erfolgreich das Kompetenznetz Maschinenbau etabliert.

Was uns hier noch fehlt, um langfristig Erfolg zu haben, ist die Großindustrie“. Während Eberhard Schoppe sich Gedanken über die Zukunft des Industriestandortes Ostdeutschland macht, kann er von seinem Bürofenster aus die riesigen Hallen sehen, in denen einst 4000 Menschen arbeiteten – vor der Wende. Damals beherbergten diese Hallen am Stadtrand von Chemnitz selbst eine Art Großunternehmen, das gigantische Heckert-Maschinenbaukombinat.
Heute ist daraus ein kleines, aber florierendes Unternehmen mit gut 280 Mitarbeitern geworden, die Heckert Werkzeugmaschinen GmbH. Der promovierte Ingenieur Schoppe ist Mitglied der Geschäftsleitung.
Ein großer Teil der Hallen ist jetzt verpachtet, die Heckert GmbH kommt derzeit mit einem Bruchteil ihrer alten Fläche aus. Doch da stehen Werkzeugmaschinen und Bearbeitungszentren dicht an dicht, Mitarbeiter wuseln zwischen den Maschinen hindurch. Bei Heckert, einem Mitglied der Schweizer Starrag-Heckert-Holding, herrscht Hochbetrieb.
Heckert stellt Werkzeugmaschinen her. Und gerade hat das Unternehmen einen 10-Mio.-DM-Auftrag bekommen. Auch der zeigt, wie wichtig Großunternehmen für die Region sind: Für DaimlerChrysler wird Heckert Bearbeitungszentren nach Stuttgart liefern zur Herstellung von Zylinderkurbelgehäusen für die V8-Motoren des neuen SLR-Sportwagens, der Ende 2002 auf den Markt kommen soll.
Heckert hat zwar diesen Auftrag an Land gezogen, aber für die mit zum Auftrag gehörende Projektierung, insbesondere für die Integration der gesamten Prüftechnik, hat Heckert einen Partner ins Boot genommen – die Hörmann-Rawema GmbH.
Der Sitz von Rawema liegt mitten in Chemnitz. Mit seinen spitzwinkligen Kanten und der metallisch grauen Außenfront ist der Neubau ein futuristisches Signal des Aufbruchs in Chemnitz. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ein Rohbau. Bis Mitte des Jahres soll hier eine Produktionshalle entstehen. „Immer mehr Kunden vergeben den Entwicklungsauftrag nur, wenn wir auch die Prototypen fertigen können. Da müssen wir mitziehen, wenn wir im Geschäft bleiben wollen“, so Manfred Liebl, Geschäftsführer der Rawema.
Rawema, zu DDR-Zeiten ein Anlagenspezialist, der 90 % seines Marktes in Osteuropa hatte, spezialisiert sich mittlerweile auf die Entwicklung von Fahrzeugkomponenten und die Planung von Industrieanlagen zu deren Fertigung, und in Zukunft eben auch auf die Prototypenfertigung.
Über zehn Jahre nach der Wende hat das Unternehmen auch nur noch 10 % seines Marktes in Osteuropa. „Die neuen Märkte zu finden, war nicht einfach“, sagt Liebl. Das kann auch Schoppe unterstreichen. „Eigentlich hat sich die Region erst so richtig mit Beginn des Jahres 2000 stabilisiert.“ Als die gute Konjunktur zur Auslastung vieler Werkzeugmaschinenhersteller in Deutschland führte, „da hat man auf einmal uns entdeckt“, so Schoppe.
Das hat dem Unternehmen mit gut 110 Mio. DM Umsatz eines seiner besten Jahre beschert. Jetzt sucht er Mitarbeiter. Gerade hat er ein Einstellungsgespräch mit einem Bewerber hinter sich, der nächste wartet schon im Nebenzimmer.
Auch bei Rawema sieht man, dass sich etwas tut in der Region. „Wir wachsen sehr stark“, so Liebl. 235 Mitarbeiter hat Rawema, davon 180 in Chemnitz, der Rest in Niederlassungen in Graz, Wolfsburg und München. Der Umsatz liegt bei 60 Mio. DM.
Doch das ist noch lange nicht die Regel in der Region Chemnitz. Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 19 % – und viel ist nicht zu sehen von den Großunternehmen, die Schoppe sich für die Region wünscht.
Auf die wollten die Maschinenbauunternehmen in und um Chemnitz nicht warten und sind einen anderen Weg gegangen. Rawema und Heckert haben sich mit 33 Unternehmen und Forschungseinrichtungen zum Kompetenzzentrum Maschinenbau Chemnitz/Sachsen zusammengeschlossen. Zusammen haben sie an die 4000 Mitarbeiter und einen Umsatz von 1 Mrd. DM.
Den Auftrag für die Bearbeitungszentren für DaimlerChrysler „hätten wir auch ohne das Kompetenzzentrum bekommen“, glaubt Schoppe, „die Großen der Region kennen sich. Aber für die Kleinen ist das Kompetenzzentrum schon ein Riesenschritt nach vorn“.
Das Kompetenzzentrum Chemnitz ist eingebunden in ein Netzwerk von Kompetenznetzen in Deutschland. René Lang managt das Zentrum von seinem Arbeitsplatz im Chemnitzer Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU) aus, dessen neue Maschinenhalle sich hinter der ockerfarbenen Fassade der Chemnitzer TU versteckt. „Was wir den Unternehmen bieten, reicht vom gemeinsamen Einkauf, dem Aufbau von Vertriebswegen bis zur Bearbeitung von Forschungsprojekten.“
Die Zahlen sind beachtlich. Nach einer Auswertung von 18 Unternehmen des Kompetenzzentrums stellten diese zwischen 1998 und 2000 genau 326 neue Mitarbeiter ein, ein Plus von 13 %, auch die Zahl der FuE-Mitarbeiter stieg um 13 %. Der Umsatz der Unternehmen wuchs durchschnittlich um 50 %, die Exporte um 42 %. „Man muss allerdings vorsichtig sein“, räumt Hans-Georg Schütz, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums ein, „ganz exakt lässt sich nicht trennen, was auf Kosten der guten Konjunktur und auf Kosten der Zugehörigkeit zum Kompetenzzentrum geht.“
Doch auch für die Großen der Region ist der Zusammenschluss in einem solchen Netzwerk ein Vorteil. „Wir bekommen schneller mit, was sich in der Region tut, etwa bei der Lasertechnik. Und wenn man gemeinsam Mitglied in dem Kompetenzzentrum ist, dann fällt auch der Kontakt leichter“, so Schoppe. „Und die kleinen Unternehmen haben dadurch die Chance mitzuarbeiten – allerdings auch nur unter Wettbewerbskriterien“, ergänzt Liebl.
In Einzelfällen entwickelt sich das Kompetenzzentrum auch zu einer Art „virtuellem Großunternehmen“, das „komplette Systemlösungen liefern kann, wie sonst nur die Großen der Branche“, so Liebl.
In den Hallen von Heckert steht bereits eine neue Generation von Bearbeitungszentren, das SKM 400. Diese Maschine wurde von Heckert zusammen mit dem Kompetenzzentrums-Partner Fraunhofer IWU entwickelt, der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS und DaimlerChrysler haben bereits ihr Interesse angemeldet.
Doch bei solchen Entwicklungen zeichnen sich auch die Grenzen eines Kompetenzzentrums ab. „Bei einem derartigen Hightech-Produkt müssen wir uns unsere Partner überall suchen“.
„Denn letztlich“, so Schoppe, kämpft doch jedes Unternehmen für sich allein.“ W. MOCK

Kompetenznetze

Möglichkeiten der Region ausloten

In Deutschland gibt es derzeit 35 Kompetenznetze zu elf verschiedenen Themen: Automotive, Biotechnologie, Kunststoffe, Lasertechnik/Optische Technologien, Maschinenbau, Materialforschung, Medizintechnik, Mobil- und Satellitenfunktechnik, Nanotechnologie, Verfahrenstechnik und Verkehr. Regionale Verbünde zu bestimmten Technologiebereichen können sich beim VDI Technologiezentrum bewerben, um als Kompetenznetz aufgenommen zu werden. Dazu müssen drei Kriterien erfüllt sein: ein gemeinsames Leitbild, internationale Akzeptanz und die Beteiligung von Vertretern möglichst der gesamten Wertschöpfungskette. Zu dieser gehören neben den Produktions- und Forschungseinrichtungen Bildungseinrichtungen, spezielle Handwerksbetriebe, aber auch Venture-Kapitalisten und Wirtschaftsfördervereinigungen. Die Aufnahme ist nicht automatisch, einmal aufgenommene Kompetenznetze können auch wieder aus dem Verbund ausgestoßen werden, wenn sie die Kriterien nicht mehr erfüllen.
Ansprechpartner zu den Netzen:
VDI Technologiezentrum, Graf-Recke-Str. 84, 40239 Düsseldorf, oder auf der Hannover Messe, Halle 18, Stand L 03 und Stand E 10
http://www.kompetenznetze.de

Von Mock

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