Weltwirtschaft 04.06.2010, 19:47 Uhr

„Asiens Freihandelszone ist ein wirtschaftliches Zweckbündnis, kein politisches“

Seit Jahresbeginn bilden China und zehn südostasiatische Länder (Asean-Staaten) die bevölkerungsreichste Freihandelszone der Welt. Was ändert sich dadurch für die deutsche Exportwirtschaft? Fragen an Prof. Rolf J. Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW). Der Ökonom ist Fachmann für Außenhandelsfragen und lehrt unter anderem als Gastprofessor Politische Ökonomie und Handelspolitik an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok.

Langhammer: Der Eindruck täuscht. Die neue Freihandelszone ist kein Konzept wie die EU – nicht im wirtschaftlichen und schon gar nicht im politischen Sinn.

Nein, sie ist ein wirtschaftliches Zweckbündnis, kein politisches. Dafür sind die Länder zu verschieden. Die Spanne der Staatsformen reicht von Militärdiktatur in Myanmar übers Königreich Brunei und kommunistische Länder wie Vietnam bis hin zu mehr oder weniger demokratischen Staaten wie Indonesien.

Bislang praktizieren diese Länder ein Prinzip der Nichteinmischung. Die Tatsache beispielsweise, dass die Militärs in Myanmar so frei schalten und walten können, ist ein Zeichen dafür, dass die Nachbarn politisch keinen Einfluss nehmen. Auch zu den gewaltsamen Konflikten in Thailand sind aus den anderen Ländern nur ein paar besorgte Parolen zu vernehmen.

Die Staaten sind nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich sehr verschieden. Singapur ist völlig offen für den Weltmarkt. Kein Land wird seine Handelsschranken auf das Niveau Singapurs senken. Sehr arme Staaten wie Kambodscha oder Laos haben einfach nicht die gleichen Interessen wie Singapur oder China.

Das schlägt sich in der Konstruktion der dortigen Handelsbündnisse nieder. So bilden die Länder gegenüber Außenstehenden keine Zollunion. Die Länder praktizieren keine gemeinsame Handelspolitik gegenüber EU oder USA. Wenn also die EU mit Asean-Staaten Handel treiben will, muss sie separate Zollabkommen mit jedem einzelnen Land abschließen. Wir sind weit von einer Freihandelszone in Asien entfernt.

Wir müssen einen anderen Maßstab anlegen. Selbst die zehn Asean-Staaten bilden lediglich einen losen Verbund, der im Handel untereinander die Zölle gesenkt, aber nicht alle komplett abgeschafft hat, wie es im Binnenmarkt der EU geschehen ist.

Viele der Handelsverträge zwischen den Ländern stehen zudem, anders als bei uns, nur auf dem Papier. Die Zollbestimmungen innerhalb der Freihandelszone sind nämlich so intransparent, dass manches Unternehmen für seine Waren lieber den Zoll zahlt, als den bürokratischen Aufwand zu betreiben, sich durch das Dickicht der Zollpräferenzen samt länderspezifischen Übergangsfristen und Ausnahmen zu kämpfen.

Die haben das Problem, dass die China-Asean-Zone keinen einheitlichen Außenzoll für ihre Waren kennt. Jedes Land erhebt seine eigenen Zölle – und das Zollgefälle ist hoch. Es liegt im Industriegüterbereich zwischen 0 % in Singapur und 30 % in Indonesien oder Thailand.

Der Anreiz, über die Zollbarrieren zu springen und lieber vor Ort zu fertigen, ist nicht sehr stark. Die asiatischen Länder haben ihre Zölle vor der Wirtschaftskrise relativ stark gesenkt und nun in der Krise auch nur leicht erhöht. Unterm Strich heißt das: Man kann in diese Märkte ganz gut exportieren und damit an deren Wachstum teilhaben. Dass die Wachstumsraten in Asien wieder so groß werden wie vor der Krise, bezweifle ich allerdings.

Ja, aber das Wachstum in Asien hängt dennoch stark an der Nachfrage aus Europa und den USA. Auch ein großer Teil des innerasiatischen Warenverkehrs ist von dieser Nachfrage abhängig. Die kleinen Länder produzieren bislang Vorprodukte für China, das daraus Endprodukte fertigt und in die EU und USA verkauft.

Das heißt: Asien beherrscht zwar die gesamte vertikale Wertschöpfungskette, aber die maßgeblichen Abnehmer sitzen anderswo. Und die werden künftig vermutlich weniger nachfragen. Wir werden erst noch sehen, ob ein innerasiatischer Handel mit Fertigprodukten diesen Ausfall ausgleichen kann.

Es gibt zwar eine starke Regionalisierung in Asien, das heißt der innerasiatische Handel ist sehr intensiv geworden. Aber er ist nicht zustande gekommen, weil es regionale Integrationsabkommen gibt, sondern weil es eine Phase raschen, aufholenden Wirtschaftswachstums gab. Die rührige bürokratische Elite der Region vermag es nicht, einen Trend zur tiefen regionalen Integration anzustoßen, wie es in Europa gelungen ist.

Südostasien – so heterogen die Asean-Länder auch sind – war schon immer eine Region für sich, ebenso wie jeweils China, Japan und Korea. Zwischen diesen Regionen wird nun zwar nennenswerter Handel getrieben, und hinzu kommen Australien und Neuseeland. Indien dagegen bleibt außen vor. Im Handel der Länder spielt Indien bislang eine untergeordnete Rolle.

…bis hin zu einer pazifischen Freihandelszone zwischen Asien und Amerika. Aber das sind Spielfelder der Zukunft. Es ist keine Triade EU, Nordamerika, Asien in Sicht. Die Länder diskutieren zwar, die schwach integrierte Freihandelszone z. B. um Japan und Südkorea zu erweitern, aber sie planen wiederum keine tiefgreifende Integration.

Viele in der Region fürchten sich vor der chinesischen Dominanz. Das Übergewicht ist nicht gerade ein Stolperstein, aber es macht es schwerer, zu Integrationsschritten zu kommen. Das Wirtschaftswachstum hat die Interessengegensätze bislang übertüncht. Aber es sollte nicht übersehen werden: Die Löhne steigen auch in China. Firmen haben ihre Tore geschlossen und sind weitergezogen nach Vietnam oder Bangladesch, weil es billiger ist. China ist z. B. in der Produktion ganz einfachen Schuhwerks teuer geworden.

Eine Gemeinschaftswährung ist nicht denkbar. In Europa sind die Volkswirtschaften viel stärker zusammengewachsen als in Asien. Es herrscht Freizügigkeit für Arbeitskräfte und Kapital – und doch sind die Ungleichheiten und Grenzen zwischen den nationalen Märkten wie den Arbeitsmärkten noch groß genug, um die gemeinsame Währung Euro in Gefahr zu bringen, wie das Beispiel Griechenland zeigt.

In Asien überlappen sich, anders als in Europa, die Handels-, Währungs- und Kapitalblöcke nicht. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Gemeinschaftswährung. Es gibt keine Ankerwährung in der Region, anders als damals die D-Mark, an die der Euro anknüpfen konnte.

Nein. Der Handel mit asiatischen Produkten in Asien wächst nicht auf Kosten der deutschen oder amerikanischen Produkte. In der Sprache der Ökonomen ausgedrückt: Es gibt keine Handelsumlenkung. Der Handel innerhalb Asiens wird vom Wirtschaftswachstum in dieser Region angefeuert – und nicht durch eine Verdrängung ausländischer Konkurrenten.

Sie müssen verhindern, dass ihnen Nachteile aus den vielen bilateralen Abkommen in Asien entstehen. Wenn die zu ihren Lasten gehen – beispielsweise wenn Japan zollfrei Autos nach Thailand verkaufen darf, Deutschland dagegen nicht –, ist es nachträglich kaum möglich, sich dagegen zu wehren. Klagen vor der WTO sind bei solchen Abkommen, die weltweit stark zugenommen haben, nicht erfolgversprechend.

THILO GROSSER

Von Thilo Grosser

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