Gründungsfinanzierung 16.02.2007, 19:26 Uhr

„Wir schauen uns weiter interessante Unternehmen an“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 16. 2. 07, sta – Mit 40 Mio. € hat Immatics Biotechnologies die größte private Biotech-Finanzierung in Deutschland seit 2001 eingefahren. Neuer Lead-Investor bei den Tübingern, die Medikamente gegen Krebs entwickeln, ist SAP-Gründer Dietmar Hopp. Dessen rechte Hand Friedrich von Bohlen, Geschäftsführer der Dievini GmbH & Co KG, sagt der hiesigen Biotech-Szene eine große Zukunft voraus.

von Bohlen: Herr Hopp und wir, Dievini – das sind mein Mit-Geschäftsführer Prof. Dr. Christof Hettich und ich – sind vom Ansatz, den das Unternehmen verfolgt, überzeugt: Immatics benutzt einen auf eine bestimmte Krebsart definierten Peptid-Cocktail, um das Immunsystem gezielt gegen Krebszellen zu aktivieren. Wir denken, dass dieses immunologisch aktive Vorgehen eine wirksame und für den Patienten nachhaltig erfolgreiche Behandlung ermöglicht. IMA 901, das am weitesten entwickelte Produkt, ist ein aus 10 Peptiden bestehender Cocktail gegen Nierenzellkarzinom, der soeben die klinische Phase I-Studie erfolgreich absolviert und unseres Erachtens gute Chancen hat, den Markt zu erreichen. Auf Basis der eigenen Technologieplattform, mit der Immatics diese spezifischen Peptide identifiziert hat, lassen sich zudem zügig weitere Produkte, d.h. Peptid-Cocktails gegen andere Krebsindikationen entwickeln und so eine breitere Produkt-Pipeline aufbauen.

VDI nachrichten: Welche Art von Firmen suchen Sie?

von Bohlen: Wir suchen und beteiligen uns bevorzugt an Firmen, die neue Therapieansätze in den Bereichen Onkologie und Erkrankungen des Zentralen Nervensystems (ZNS) entwickeln. Wichtig ist, dass die Produkte dieser Unternehmen die Ursachen der Erkrankung bekämpfen, nicht nur die Symptome. Ferner achten wir darauf, dass diese Produkte nach Möglichkeit auf einer eigenen Technologiebasis generiert werden, auf der rasch weitere Produkte entwickelt werden können. Als Beispiele für Unternehmen mit solch ubiquitärem Potential im Portfolio seien hier neben der Immatics GmbH die AC Immune S.A., Apogenix GmbH und Curevac GmbH genannt.

Eine weitere Gruppe von Unternehmen, die uns interessiert, sind solche, die Systeme und Produkte im Bereich ‚information based medicine’ entwickeln. Dabei geht es darum, dem behandelnden Arzt in Zukunft möglichst präzise diejenigen Informationen zu generieren und zur Verfügung zu stellen, die es ihm ermöglichen, individuell ein molekular bedingtes Krankheitsbild diagnostizieren und therapieren zu können. Damit soll letztlich eine bessere und gezieltere Behandlung ermöglicht werden.

Neben diesen inhaltlichen Aspekten kommen zwei weitere Aspekte hinzu: Zum einen versuchen wir, in einem bestimmten Bereich, wie z.B. der Onkologie, sowohl reife, z.T. börsennotierte als auch sehr junge Unternehmen im Portfolio zu haben. Hintergrund ist der, dass diese Unternehmen, die letztlich dieselben Märkte im Visier haben, unterschiedliche Entwicklungsstände aufweisen und untereinander von unterschiedlichen Konzepten und Erfahrungen lernen können. Und wir achten darauf, dass Unternehmen nach Möglichkeit in guter Erreichbarkeit unseres eigenen Standortes liegen, damit wir die Unternehmen so gut wie möglich betreuen können. So sind alle Unternehmen innerhalb von ca. fünf Stunden per Bahn oder Auto erreichbar, die meisten sogar innerhalb von weniger als drei Stunden.

Fast noch wichtiger als ein biotechnologisches Produkt ist die dahinter stehende Patentsituation. Wenn eine Technologie oder ein Produkt nicht umfangreich und passend durch Patente geschützt ist, wird es im internationalen Wettbewerb schnell unter massiven Druck geraten und ggf. wertlos werden. Und ganz besonders schauen wir auf die handelnden Personen, die das Unternehmen entwickeln und ggf. auch einmal durch schwierige Situationen bringen müssen. Personen, Patente, Produkte und Pipeline in den o.g. Bereichen – das sind unsere Schlüsselfaktoren für eine Investition.

VDI nachrichten: Sie haben Dietmar Hopp in den vergangenen zwei Jahren zu einem großen Portfolio an Biotechnologie-Firmen verholfen. Wie groß soll dieses Portfolio insgesamt werden?

von Bohlen: Als Herr Hopp und wir begonnen haben miteinander zu arbeiten, war er bereits in die Cytonet GmbH, Heidelberg Pharma AG und Joimax GmbH investiert. Seitdem sind zwölf weitere Investitionen im Bereich Life Sciences/Biotechnologie hinzugekommen. Dietmar Hopp hat gesagt, dass er ca. € 250 Millionen in Biotechnologie-Firmen investieren möchte, wobei Rückflüsse und mögliche Gewinne reinvestiert werden sollen. Zwei Unternehmen im Portfolio waren zum Zeitpunkt der Investition an der Börse, ein weiteres ist vor kurzem an die Börse gegangen, und eines plant soeben seinen Börsengang. AC Immune hat Ende 2006 einen sehr großen Deal mit Genentech im Bereich Alzheimer abgeschlossen und bekannt gegeben. Wenn Sie so wollen: das Portfolio lebt, und wir schauen uns weiterhin interessante Unternehmen wie z.B. Immatics an, um in sie zu investieren, wenn wir von ihrem Erfolg überzeugt sind.

Für uns ist zudem die qualitative Betreuung der Unternehmen von ganz entscheidender Bedeutung. Wir, Dievini, sind ein relativ kleines Team, wobei wir fallweise immer wieder Expertise auch von außen hinzuziehen. Mit unserer eigenen Erfahrung, operativen Expertise und Netzwerken wollen wir unsere Unternehmen so gut es geht betreuen und beim unternehmerischen Aufbau und Business Development aktiv unterstützen. In der Art und Intensität, wie wir das handhaben, meine ich, dass wir ca. 20 Unternehmen in dieser Form betreuen könnten.

VDI nachrichten: Sie investieren in Unternehmen, die in sehr unterschiedlichen Stadien sind. Manche sind bereits an der Börse. Warum?

von Bohlen: Richtig. Wie schon erläutert meinen wir, dass diese Vorgehensweise den Unternehmen und dem Portfolio von Herrn Hopp zu Gute kommt. Ein ganz junges Unternehmen kann von einem gelisteten Unternehmen einiges betreffend Unternehmensentwicklung lernen. Umgekehrt kann aber auch ein reifes Unternehmen, das z.B. zudem an der Börse gelistet ist, von Impulsen kleiner Start-ups profitieren. Um dies in der Praxis zu unterstützen, organisieren wir regelmäßige Treffen unserer Portfoliounternehmen.

VDI nachrichten: Wie soll der Exit bei Immatics aussehen?

von Bohlen: Die Frage nach Art und Zeitpunktes des möglichen Ausstiegs ist immer interessant. Aber man darf das Exit-Ereignis auch nicht überbewerten. Am Ende des Tages ist die Antwort recht einfach: wenn ein Unternehmen über gute Produkte verfügt und diese erfolgreich und nachhaltig am Markt platziert, dann ist der Exit – sei es nach einem Börsengang, sei es in Form eines ‚secondary placements’ oder in Form eines ‚trade sales’ – so oder so jederzeit mit Erfolg möglich. Hat das Unternehmen jedoch größere Probleme, wird ein möglicher Exit ein eher schwieriges Unterfangen. Dann hilft auch ein Listing wenig.

Herr Hopp hat Return-orientierte, langfristige Investitionsziele. Für ihn ist es primär wichtig, gute Unternehmen im Bereich Life Sciences/Biotechnologie zu finden und aufzubauen, damit sich diese erfolgreich entwickeln und am Markt positionieren und behaupten können. Das braucht in der Biotechnologie meist einige Zeit und hängt mit der Dauer der präklinischen und vor allem der klinischen Entwicklungsphasen für ein Produkt zusammen. Im Falle einer erfolgreichen Produktentwicklung sind dann allerdings enorme Wertsteigerungen möglich, die sich durch einen Exit zu gegebener Zeit realisieren lassen. Ein schönes aktuelles Beispiel in Deutschland ist die GPC Biotech AG, die im Herbst letzten Jahres positive Phase III-Daten für ihr Leitprodukt Satraplatin vermelden konnte und seitdem eine bemerkenswerte Wertsteigerung an der Börse erfahren hat. Dies sind Erfolgsbeispiele in der Biotechnologie, die in Deutschland noch selten sind, die aber exemplarisch zeigen, welches Potential in dieser Branche, auch in Deutschland, steckt.

VDI nachrichten: Wo steht die deutsche Biotech-Szene im Vergleich zu den Vereinigten Staaten?

von Bohlen: Nach wie vor klafft eine Lücke zwischen den USA und Deutschland, sowohl bei der Bewertung als auch der generellen Wahrnehmung von Biotechnologie-Unternehmen. Jenseits des Atlantiks ist die Szene sehr viel aktiver, es gibt viele gute Unternehmensmeldungen, ein hohes Wachstum, sehr erfolgreiche Börsengänge und beeindruckende Transaktionen. Das liegt zu einem guten Teil an der Historie, den Erfolgen und der Reife dieser Industrie in den USA. Eine Genentech z.B., die gerade einmal dreißig Jahre alt ist, ist heute der Hauptlieferant onkologischer Produkte für Roche und mit $ 90 Mrd. Marktkapitalisierung deutlich höher bewertet als jedes deutsche Pharmaunternehmen. Es liegt auch daran, dass die amerikanische Finanzszene die Biotechnologie fest im Visier hat und aktiv Transaktionen sucht und begleitet. Die deutsche Biotechnologie Branche wird derzeit noch skeptisch beobachtet, und zwar nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Ausland. Das wird sich dann ändern, wenn wir zwei oder drei erfolgreiche Unternehmensentwicklungen wie GPC vorweisen können. Dann, so vermute ich, werden sich Pharma-Unternehmen weltweit aktiv verstärkt um Produkte und Potentiale deutscher Biotechnologie-Unternehmen interessieren, und das kann dann zu einem relativ raschen Nachfrageanstieg nach Produkten und Unternehmen aus Deutschland führen.

Insgesamt bin ich recht optimistisch was die tatsächliche Situation und das Potenzial in Deutschland angeht. Viele deutsche Biotech-Unternehmen könnten heute genau so gut in den USA erfolgreich agieren. Die Qualität und das Potenzial einer ganzen Reihe von hiesigen Firmen ist hervorragend, und ich bin davon überzeugt, dass dies in Zukunft vermehrt so gesehen und wahrgenommen werden wird.

VDI nachrichten: Gibt es in Deutschland ausreichend Life Science Investoren?

von Bohlen: Wenn man es mit den USA vergleicht würde ich sagen: nein. Deutschland könnte gut noch einige weitere Investoren vertragen. Aber ein gutes Unternehmenskonzept findet heute auch in Deutschland seine Investoren, auch wenn die Auswahl nicht so groß wie z.B. in den USA ist. Auch Banken haben in Deutschland die Life Sciences noch nicht so im Visier wie in England oder in den USA. Auch dies dürfte sich ändern, wenn die Branche in Deutschland mehr Erfolge aufzuweisen hat.

Ein Beitrag von:

  • Marlies Riepe

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