Gründer 23.12.2005, 18:42 Uhr

Wie zwei Ingenieure Deutschland Mut machen  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 23. 12. 05, Fr – Zeit der Zuversicht? In jüngster Zeit häufen sich Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ und Wettbewerbe, die mit positiven Beispielen für mehr Optimismus am Standort Deutschland sorgen wollen. Das Interesse an guten Nachrichten scheint groß, wie die Rekordbeteiligung beim „Mutmacher der Nation“ beweist.

Als die Mauer fiel, beschlich Wolfgang Suchy die Angst. „Ich war damals 54 Jahre alt, da war mir klar, dass ich bald arbeitslos sein würde“, blickt der Maschinenbaumeister zurück. Die völlig veraltete thüringische Textilindustrie machte ihm damals wenig Hoffnung. Aufbruchstimmung konnte er als Angestellter in Gera jedenfalls nicht ausmachen. Höchste Zeit, auch ganz persönlich die Seiten zu wechseln.

Wolfgang Suchy hatte längst eine Idee, mit der er sich selbstständig machen wollte. Der Haken daran: er brauchte dafür 1,8 Mio. DM. Mit dem Geld ließe sich sein Traum vom Neuanfang auf der grünen Wiese mitten in seiner Heimat realisieren, war er sich sicher. Und die Idee war gut, dachte er: Serviceangebote für die Textilveredelung. Hier kannte er sich aus, und der Bedarf würde enorm sein bei all den alten Maschinen in den umliegenden Textilfabriken. Doch bevor er die Banker von seiner Idee überzeugen konnte, ging seinen potentiellen Kunden bereits die Luft aus. Ein Betrieb nach dem anderen musste Insolvenz anmelden. Wolfgang Suchy hatte eine Idee, aber keine Kunden mehr.

Es sollte nicht der letzte Rückschlag sein. „Eine halbe Stunde lang dachte ich dann wirklich: das war“s, es hat doch keinen Sinn“, so Suchy heute, „doch dann kam dieser Satz in mir hoch: die schaffen mich nicht!“ Maschinen gab es ja noch genug, sie waren alt, aber sie funktionierten immer noch. Wolfgang Suchy sah sie sich genau an und wusste plötzlich, was er tun musste. „Geld für neue Maschinen war eh keines da, also modernisierten wir die alten, um mit ihnen eine neue Existenz aufzubauen.“ Mit seiner Definition von „alt gleich zuverlässig“ statt „überflüssig“ erntete er bei den meisten Banken allerdings nur ein müdes Lächeln und, wenn er Glück hatte, eine freundliche Absage. Bis er bei der Geraer Bank auf einen erfahrenen Berater aus den alten Bundesländern traf. Suchy: „Er hörte sich alles ganz genau an, studierte die Unterlagen und sagte schließlich: Jawoll, das wird was, Herr Suchy, das finanziere ich!“

Und nicht nur das: Er beließ es nicht nur bei der Fördermittel-Beratung für Firmenneubauten, sondern nahm Suchy auch noch das Gros des umfangreichen Papierkrams ab, „was für mich ein Segen war, denn ich musste doch arbeiten“, so Suchy. Also wurde gebaut, auf der grünen Wiese in Korbußen bei Gera, seine Frau übernahm die Buchhaltung. Aus dem Ein-Mann-Betrieb wurde schließlich eine 40-köpfige Belegschaft. Nur der Wagen des Chefs blieb lange derselbe: ein Wartburg. „Wenn wir eine neue Schweißmaschine brauchten, wurde die zuerst bestellt, da musste ein neuer Firmenwagen eben wieder hintenanstehen.“ Für Wolfgang Suchy ist das kaum der Rede wert, auch der wochenlange Sommerurlaub fiel dem Rotstift zum Opfer, „ein verlängertes Wochenende zum Kraftauftanken, das musste reichen.“

Doch auch das reichte nicht immer. Ein Großkunde ging mal wieder in Konkurs. 300 000 DM Forderungsausfall, ein Viertel der Jahresproduktion löste sich mit einem Anruf in Luft auf. Da war sie wieder, die schwarze halbe Stunde. Das war“s, alles sinnlos, wie soll man das schaffen? Als die halbe Stunde um war, griff der Firmenchef zum Hörer. Ein Anruf bei der Bank, raus mit der schlechten Nachricht, neue Kreditanfrage, Rückhalt erbitten. Ein Sturm, dem auch der Bankberater standhielt. Aufatmen, es konnte weitergehen. So kamen neue Kunden, und viele trauten sich nur deshalb zu bestellen, weil der Firmenchef hier noch persönlich mit seinem gesamten Vermögen haftete.

Pünktlich mit 65 übergab Wolfgang Suchy schließlich das Ruder an seinen Sohn Gunnar, der sich als Diplom-Ingenieur für die neuen Herausforderungen gerüstet hatte. Die Suchy Textilmaschinenbau GmbH hat inzwischen Kunden in aller Welt, mehrere Patente und immer eine Lösung für ungewöhnliche Kundenanfragen. „Unsere Maschinen sind zu 99 % Unikate“, sagt der Senior stolz. Denn „Maschinen zur Textilveredelung, die gibt es nur bei uns“. Mit ihnen wird Stoffen, die als Schlauch hergestellt werden, per Vakuum die Feuchtigkeit vom Färben entzogen. Gegenüber dem herkömmlichen Schleudern oder Walzen haben Suchys Maschinen den Vorteil, den Stoff faltenfrei und gleichmäßig zu trocknen.

Ohne Arbeit kann der inzwischen 69-Jährige aber immer noch nicht sein. Mit seiner Technologieberatung unterstützt er nun andere Firmen mit guten Ratschlägen. Sein Erfindungsreichtum hat schließlich auch seinem eigenen Betrieb trotz der Billigkonkurrenz das Überleben gesichert. „Ich gehe in einen Betrieb, sehe mir ein Problem an, und in zwei Wochen habe ich die Lösung.“ Das ist sein Erfolgsgeheimnis, das nicht länger geheim bleiben soll. Profit wolle er mit seiner Beratung nicht machen, er will anderen einfach helfen, „aus Freude an der Arbeit“.

Auch die Teilnahme beim diesjährigen Wettbewerb „Mutmacher der Nation“ (siehe Kasten) hat ihm Spaß gemacht. Immer wieder hat er dort seine Geschichte mit den vielen Auf“s und Ab“s erzählt. Einen Preis hat er am Ende nicht gewonnen. Doch über das Mutmachen mit seiner Firmengeschichte hat er sich ganz besonders gefreut. „Der Betrieb, das ist doch mein Lebenswerk.“ Nebenbei repariert er auch noch Maschinen aus den fünfziger und sechziger Jahren. „Das Know-how, wie man die wartet, geht leider allmählich verloren.“ Kein Wunder, dass er da nicht tatenlos zusehen will: er hat diesem „alten Eisen“ viel zu verdanken.

Ein Beitrag von:

  • Andreas Leimbach

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