Gründer 08.07.2005, 18:39 Uhr

Wer einmal kentert, ist nicht gleich ertrunken  

Viele Gründer erleiden in den ersten Jahren ihrer Selbständigkeit Schiffbruch. Wer es danach nochmal versucht, hat gute Erfolgsaussichten – ist er doch mit allen Wassern gewaschen.

Rückblickend mutet es Uwe Sinn absurd an, was er vor fünf Jahren erlebt hat. Mit Freunden gründete er damals ein Softwareunternehmen. Ihre Programme sollten Unternehmen bei der Kundenbetreuung per E-Mail unterstützen. „Obwohl keiner von uns Erfahrung im Softwarebereich hatte, bekamen wir über eine halbe Mio. € Venture Capital“, erinnert er sich. Es folgten die üblichen Fehler der New Economy: Zu schnell zu viel Personal aufgebaut, mehr investiert, als die Erträge erlaubten und zu sehr auf das Prinzip Hoffnung gesetzt. Das Unternehmen kam nie richtig in Gang.

Bei allen Fehlern machten Sinn und seine Partner eines richtig: Sie gingen frühzeitig zum Anwalt. Ein Insolvenzverfahren folgte. Letztlich verlor der Gründer kaum mehr als 20 000 € und behielt finanziell eine weiße Weste. Bald darauf hat er wieder gegründet.

Schätzungsweise ein Sechstel aller deutschen Unternehmer blickt auf mindestens eine Pleite zurück. Laut Claudia Erben von der Gründerinitiative Forum Kiedrich haben es Re-Starter hierzulande schwer, gegen das Stigma das Scheiterns anzukommen. Umfragen zeigen, dass die Deutschen lähmende Angst vor unternehmerischem Versagen haben. Beinahe jeder zweite Deutsche würde deshalb gar nicht erst gründen. In den USA kennen nur 22 % der Befragten diese Angst. „Bei uns fehlt eine Kultur der zweiten Chance“, bemängelt Erben und steht damit nicht allein. Auch Rezzo Schlauch, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, kritisiert „gesellschaftliche Barrieren“, die es Re-Startern – zusätzlich zur finanziellen Erblast ihrer Pleite – schwer machen.

Erben, Schlauch und viele andere wollen eine Diskussion anstoßen, um gescheiterte Unternehmer vom oft nur unterschwelligen Vorwurf persönlichen Versagens zu befreien. „Es gibt viele Gründe, warum Unternehmen es nicht schaffen“, erklärt Erben. Dr. Klaus Gapp hat es selbst erlebt. Auch er gründete 2000 eine Softwareschmiede. Direkt im Silicon Valley. „Alles lief. Risikokapital war schnell besorgt und es gab schon den Termin für den Börsengang“, erinnert er sich. Zügig stellte er 70 Mitarbeiter ein, vergab Programmieraufträge nach Indien und sah seine Software gut gedeihen. Dann platzte die Blase. Der VC-Markt war tot. Es gab keine Aussicht auf Anschlussfinanzierung. Schweren Herzens entschied Gapp – im Einvernehmen mit seinen Investoren – aufzugeben.

In den USA gab ihm niemand das Gefühl, als Unternehmer gescheitert zu sein. Vielmehr wurde seine Leistung beim Auf- und Abbau des Unternehmens gewürdigt. Gerade der Abbau war für ihn lehrreich. „Es ist hart, 70 Leute nach Hause zu schicken, nachdem man ihnen immer wieder Hoffnung gemacht hat, dass es weiter geht“, so Gapp. Er ließ sich davon nicht entmutigen. In Deutschland gründete er das Opusforum, eine Internetplattform für Kleinanzeigen, mit heute zwei Millionen Besuchern pro Monat. Längst schreibt Gapp damit schwarze Zahlen. Als Informatiker hat er die Anzeigenbörse selbst programmiert und erst auch alles andere allein erledigt. Jetzt, wo es läuft, baut der frühere Unternehmensberater ein Team auf und gibt Stück für Stück Verantwortung ab.

Auch Sinn lässt sein zweites Unternehmen Rabbit eMarketing langsam wachsen. Es ist nicht der einzige Unterschied zum ersten Anlauf. Er konzentriert sich nun auf seine Kompetenzen, die in der Dienstleitung und nicht in der Programmierung liegen. „Wir konzipieren E-Mail-Newsletter und -Kampagnen für Unternehmen und erledigen dabei das gesamte Projektmanagement von der Redaktion bis zur statistischen Auswertung“, erklärt er. Zu den Kunden zählen Telekom, Hotel Adlon oder AEG Electrolux.

Um Akquise kümmert sich Sinn selbst. „In der New Economy haben wir schon beim Wort ,Vertrieb“ die Nase gerümpft“, erinnert er sich. Doch er hat gelernt, wie wichtig der direkte Draht zum Kunden ist. Die Geschäfte laufen. Auch weil der Gründer auf Netzwerke setzt. Außerdem pflegt er inzwischen eine enge Partnerschaft mit einem Konkurrenten seiner ersten Firma. Wenn Kunden Software benötigen, verweist er sie dorthin. Im Gegenzug erhält er Kontakte zu potenziellen E-Marketing-Betreibern. Diese Kooperation sei einer der Schlüssel zum heutigen Erfolg, sagt der Gründer.

Sinn und Gapp haben Lehren aus ihren Erfahrungen gezogen und übernehmen erneut Verantwortung für ein Dutzend Mitarbeiter. Beide hatten für ihre Zweitgründung keinen Finanzbedarf und konnten so das Nadelöhr umgehen, in dem viele Re-Starter stecken bleiben. „Wer Schulden mitbringt, hat kaum Chancen auf einen Bankkredit“, redet Elmer Staudt, Abteilungsdirektor Existenzgründerberatung/Fördermittel der Berliner Volksbank, nicht lange um den heißen Brei herum. So sehr er die Diskussion um die Kultur der zweiten Chance auch begrüße, bei Kreditvergaben sei er an gesetzliche Regelungen gebunden. Sein Haus setzt deshalb auf Vorbeugung. Es bietet Gründern eine Versicherung für Kredite bis 30 000 € an. Scheitert die Firma ohne grobes Verschulden, sind die Gründer von allen Verbindlichkeiten freigestellt und bekommen keinen Schufa-Eintrag.

Ist das Kind allerdings in den Brunnen gefallen, bleibt nur die Kapitalsuche abseits der Banken. Wenn sich ein Re-Starter mit privatem Kapital bewähre, sei er natürlich auch für Banken wieder interessant, so Staudt. Er weiß, dass die Aussage potenziellen Gründern mit Schulden kaum weiterhilft. Doch auch für sie gebe es Möglichkeiten, Erfahrungen in Start-ups einzubringen. Beim Bankgespräch müsse schließlich nicht das ganze Team in der ersten Reihe sitzen. P. TRECHOW

Umfrage der StartUp-Initiative: Gescheiterte Gründer sind gute Mitarbeiter

Wer mit seinem eigenen Unternehmen scheitert, trägt nicht unbedingt das Stigma eines Versagers. Im Durchschnitt lehnen nur 11 % der Firmen in Deutschland die Beschäftigung eines gescheiterten Selbständigen ab. Mittlere und größere Betriebe erkennen die Erfahrung, die der Mitarbeiter aus der unternehmerischen Erfahrung mitbringt, stärker an als kleine Betriebe. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der StartUp-Initiative von Stern, den Sparkassen, McKinsey und dem ZDF. Dazu wurden 1000 Firmen befragt.  sta

Leitfaden für den Re-Start erschienen

Der von der G.I.B. Landesberatungsgesellschaft NRW erarbeitete Leitfaden „Die 2. Chance – Rahmenbedingungen für den Restart nach der Pleite“ soll aufmerksam machen auf Hürden, aber auch Möglichkeiten eines Restarts nach einer gescheiterten ersten Selbstständigkeit. Hierdurch soll auch die Gefährdung von Restarts aufgrund von Planungsfehlern reduziert werden. Der 14-seitige Leitfaden steht als kostenfreies Download im Internet zur Verfügung. sta

Von Peter Trechow
Von P. Trechow

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