Gründer 22.02.2002, 17:32 Uhr

Vom Leben nach der Pleite

Vier Beispiele zeigen, dass Insolvenzen nicht zwingend im Ruin münden. Gestrauchelte Gründer rappeln sich auf und backen kleinere Brötchen.

Noch immer geht der Sensenmann erbarmungslos durch die Reihen der New Economy-Unternehmen. Im vergangenen Dezember erreichte die Pleitewelle in Deutschland mit 65 Insolvenzen von Dot.coms ihren traurigen Höhepunkt (siehe Kasten). Und ein Abebben ist nach Einschätzung von Experten noch nicht in Sicht. Während die Todeslisten täglich dokumentieren, welche Firma das Zeitliche gesegnet hat, bleibt eine Frage offen: Gibt es ein Leben nach dem Firmen-Tod in der Neuen Wirtschaft? Und wenn ja, wie sieht es aus? Vier Beispiele zeigen, was aus den Bruchpiloten geworden ist.

Potsdam. Juli 1999. Die Textmodule GmbH (siehe Portrait in Ausg. 7/2001) startet mit einem Übersetzungsservice für Web-Auftritte. Eine kräftige Finanzspritze der Beteiligungsgesellschaften KBB und SCB bläst den Gründern Florian Massinger und Jürgen Marx den nötigen Wind in die Segel. Dann gibt es Probleme mit den Geldgebern. Massinger und Marx müssen im September zum Insolvenzverwalter. Der gibt eine positive Fortführungsprognose ab und das Geschäft kann erst einmal bis November 2001 weitergeführt werden. Einen Monat später wird die Auffanggesellschaft Probicon GmbH mit Sitz in Berlin gegründet. Massinger und Marx sind dort wieder Herren im eigenen Haus. „Bei Probicon führen wir unsere Geschäftsidee nach eigenen Maßstäben fort“, bekräftigt Massinger. Die Finanzierung der Neugründung erfolgt allerdings ausschließlich aus Eigenmitteln, deshalb ist die Finanzdecke wesentlich dünner. „Heute arbeiten wir mit geringeren Umsatz- und Wachstumserwartungen“, räumt Massinger ein. Und mit weniger Personal: Nur vier von 16 Festangestellten konnten von Textmodule zu Probicon wechseln.

Berlin, April 2000. Ein Schrei geht durch die Hauptstadt: Die Yellout AG geht an den Start. Die fünf Gründer schaffen eine virtuelle Kontaktbasis für Dienstleistungsanbieter und -suchende. Das nötige Geld kommt von den VCs 3i, CEA und Innotech. Schnelles Wachstum ist gefragt, bis zu 65 Mitarbeiter wirken in Spitzenzeiten am Erfolg mit. Dann kommt der Einbruch. „Die Internetökonomie hat sich nicht so entwickelt, wie wir dachten. Die Kapitalgeber haben kein Geld mehr gegeben und niemand glaubte weiter an das Web“, fasst Vorstandsmitglied Till Göhre das Dilemma zusammen. Obwohl die Plattform wächst, findet sich kein Finanzierer mehr. Schließlich muss Personal abgebaut werden. Anfang Oktober folgt der Insolvenzantrag. Yellout verstummt endgültig. Heute haben die Gründer „wieder Wasser unterm Kiel“: Göhre, Dirk Radzinski und Christian Kloss tüfteln an einer neuen Idee: Easybreakfast, eine Art „Frühstück auf Rädern“, ist in der Planungsphase. „Diesmal gehen wir es ruhiger an, werden Tests machen und wollen von Anfang an Geld verdienen.“ Yellout-Mitgründer Karsten Stein beendet sein Jura-Referendariat, Klaas Koch arbeitet als freiberuflicher Programmierer.

München, Juni 2000. Sven Kilian gründet die My Virtual AG. Die Idee: Virtuelle Communities für firmeninterne Netzwerke. Die Finanzierung erfolgt aus privaten Mitteln. Die Geschäfte laufen an und die Partnerschaft mit der Softwarefirma Cassiopeia fruchtet. Dann brauchen Kilian und sein engster Mitarbeiter Florian Klima Geld für weitere Investitionen. Einer der Partner verspricht finanzielle Unterstützung ab Februar 2001. Der Deal platzt, weil der Geldgeber in der Zwischenzeit selber kurz vor der Insolvenz steht. Das ist das Todesurteil für My Virtual: „Ich hatte bereits auf mehrere Gehälter verzichtet, mein Auto verkauft und meine gesamten privaten Ersparnisse ausgegeben, mehr war nicht drin“, berichtet Kilian. Es folgt die Liquidation, genau ein Jahr nach der Gründung. Klima findet einen neuen Job als Projektmanager in einer Agentur. Sven Kilian macht einen alten Traum wahr. „Ich musste neu anfangen, habe in Deutschland alles aufgelöst und bin mit meiner Frau via transsibirischer Eisenbahn von München nach Japan gefahren.“ Seit Oktober lebt Kilian im Land des Lächelns und arbeitet als Trendscout und Business Developer. „Meine neue Aufgabe gehe ich mit viel Ruhe an. Ich analysiere hiesige Trends, die Unternehmen in Deutschland neue Impulse geben können und baue Geschäftsbeziehungen zwischen den Unternehmen beider Länder auf. Der maximale Einsatz, den ich hier zu verlieren habe, ist meine persönliche Arbeitszeit – und damit kann ich gut leben.“

Hamburg. August 2000. Die Flamesystems AG (siehe Portrait in Ausg. 37/2001) nimmt ihr Geschäft auf. Interaktives E-Mail-Marketing mit flashbasierten Mails ist angesagt. Als die Internet-Blase platzt, verliert der Markt das Interesse. Kurz vor dem Break-Even muss Flamesystems aufgeben. „Wir kamen nicht in die zweite Finanzierungsrunde, unser VC-Geber konnte nicht helfen. Da haben wir erst mit Entlassungen reagiert“, so Gründer Werner Riess. Doch das reicht nicht – im Oktober wird das Insolvenzverfahren eröffnet. Riess ist mit seiner Geschäftsidee aber noch nicht am Ende, sieht sich im Markt nach einem Partner um. „Ich wollte weitermachen, egal was passiert.“ Er spricht den E-Mail-Marketing-Anbieter E-Mail Vision, Paris, an. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, die Philosophie passt und die Franzosen greifen zu. Riess ist jetzt Geschäftsführer von E-Mail Vision Deutschland. Die Hälfte des ehemaligen Teams von Flamesystems ist dabei. M.RIEKEN

Dot.gone regional

Hamburg hält
die rote Laterne

Als führende Internet-Gründerregion verzeichnet München auch die meisten gescheiterten Dot.coms mit VC-Finanzierung. Mit einem Anteil von 29 % liegt die Rate aber nur knapp über dem Mittel von 27 %. Als Kellerkinder identifizierte E-Startup.org, ein Projekt der European Busines School (ebs), die Regionen Frankfurt (34 %) und Hamburg (39 %). Besser als der Durchschnitt sind Berlin (26 %) und Köln (23 %). Als Ursache für die hohe Rate in der Hansestadt vermutet Projektleiter Lutz Krafft den Einbruch der Werbeeinnahmen bei den auf Medienunternehmen ausgerichteten Nordlichtern. sta

Dot.coms: Pleiterekord

Hoffnungen wieder enttäuscht

Die Pleitewelle ebbt nicht ab – im Gegenteil: Meldeten im ersten Halbjahr 2001 durchschnittlich monatlich 60 Internet/E-Commerce Unternehmen in Deutschland Insolvenz an, waren es im Dezember satte 65 – ein neuer Rekord. Und das, nach dem die Quote im Herbst ein Licht am Ende des Tunnels versprochen hatte: In der dritten Jahreszeit war die Ausfallrate auf unter 50 gefallen.

Unter Einbeziehung der Firmenaufgaben kommt das Projekt E-Startup.org auf insgesamt über 1400 gescheiterte Dot.coms in 2001. E-Startup.org wird bearbeitet an der European Business School (ebs) in Oestrich-Winkel. Projektleiter Lutz Krafft beobachtet außerdem seit Juli 2000 ein Panel VC-finanzierter Dot.com-Gründungen. Von den anfangs 676 Betrieben seien nach anderthalb Jahren weniger als 60 % noch als unabhängige Anbieter aktiv. 183 Firmen waren gescheitert, 91 wurden bis zum Stichtag 1. Januar übernommen. Von der Pleite betroffen waren zuletzt verstärkt auch technologiegetriebene, hoch innovative Unternehmen und Spin-offs aus Universitäten und Forschungsinstituten. Zum anderen verschiebt sich das Gewicht von B2B- und B2C-Anbietern hin zu Dienstleistern, die oft über langjährige Markterfahrung verfügen, etwa Multi-Media-Agenturen. sta

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Verwaltung

Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Ingenieur (w/m/d) Landespflege Bochum, Netphen, Dillenburg, Münster
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Juristin / Jurist (m/w/d) in der Bundeswehrverwaltung deutschlandweit
Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Ingenieur (w/m/d) im Vertragsmanagement Montabaur, Wiesbaden
Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr-Firmenlogo
Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr Ingenieure (m/w/d) der Fachrichtung Bauingenieurwesen Hannover
Handwerkskammer Düsseldorf-Firmenlogo
Handwerkskammer Düsseldorf Abteilungsleiterin bzw. Abteilungsleiter (w/m/d)|für die Abteilung Meisterschulen technische Fortbildung (Abt. IV-2) Düsseldorf
Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Ingenieur als Fachexperte Bautechnik FR Betonbauweisen (w/m/d) Hannover
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Abteilungsleiter*in Entsorgungsdienstleistungen (w/m/d) München
Bundeseisenbahnvermögen, Hauptverwaltung-Firmenlogo
Bundeseisenbahnvermögen, Hauptverwaltung Sachbearbeiterin/Sachbearbeiter (m/w/d) im Immobilienmanagement Essen oder Berlin
Bundeseisenbahnvermögen, Hauptverwaltung-Firmenlogo
Bundeseisenbahnvermögen, Hauptverwaltung Stellvertretende Leiterin / Stellvertretender Leiter (m/w/d) der Projektgruppe Liegenschaftsentwicklung Stuttgart
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG Praktikant (m/w/d) After Sales Gesetze & Umwelt Stuttgart-Weilimdorf

Alle Verwaltung Jobs

Top 5 Gründung

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.