Finanzierung 17.07.2009, 19:42 Uhr

Viele Firmen lassen Liquiditätsreserven ungenutzt  

Bei den meisten Unternehmen ist zu viel Kapital in Geschäftsprozessen gebunden. Deshalb müssen teure Kredite aufgenommen werden, so eine neue Studie der Beratungsgesellschaft Roland Berger. VDI nachrichten, Düsseldorf, 17. 7. 09, ps

Rund um den Globus finden die Chiron-Werke in Tuttlingen Abnehmer für ihre Produkte – Spezialwerkzeuge für die Serien- und Einzelteilfertigung. Eine hohe Lieferbereitschaft ist in diesem Markt ein absolutes Muss. Allerdings bindet die Lagerhaltung im Maschinen- und Werkzeugbau immens viel Kapital. Durch eine 2007 eingeführte Just-in-Time-Montage gelang es dem Unternehmen, die Bestände in einzelnen Fertigungsbereichen um bis zu 40 % zu verringern.

Einen größeren finanziellen Spielraum könnten auch andere Unternehmen dringend gebrauchen. Viele vernachlässigen jedoch das Management ihres Working Capital (siehe Kasten) in beinahe sträflicher Weise. Es ist zu viel Geld in Geschäftsprozessen gebunden und steht damit den Firmen nicht zur Verfügung. Das haben Berater von Roland Berger in einer aktuellen, noch unveröffentlichten Studie über 216 deutsche und europäische Unternehmen ermittelt.

So macht im Maschinen- und Anlagenbau das Working Capital durchschnittlich 28 % der Bilanzsumme aus (siehe Grafik). Ein Viertel der Unternehmen schneidet dagegen deutlich besser ab. „Es besteht eine Performance-Lücke von mindestens 20 %“, so Roland Schwientek, Partner bei Roland Berger.

Neben der Lagerhaltung bilden das Forderungs- und das Verbindlichkeitenmanagement den zweiten großen Kapitalblock. Durchschnittlich 57 Tage beträgt die so genannte Forderungsreichweite im Mittel aller Branchen das heißt: solange warten die Unternehmen auf die Bezahlung ihrer Rechnungen. Im Maschinenbau sind es 68 Tage, in der Elektronik sogar 80 Tage.

„Viele Unternehmen weisen Effizienzdefizite in kaufmännischen Prozessen auf“, so Siegward Tesch, Geschäftsführer von Teschinkasso Forderungsmanagement in Wiehl. „Debitoren werden nicht systematisch verfolgt, weil meistens das Know-how und die Personalkapazität dafür fehlen“, so Tesch. Hinzu komme die Angst, Kunden zu verlieren.

Wichtig sei unter anderem eine bessere Verzahnung von Buchhaltung und Vertrieb als Schnittstelle zum Problemzahler. Im Verbindlichkeitenmanagement scheitere die richtige Ausnutzung von Zahlungszielen und Skonti oft schon an mangelhaften Überwachungssystemen. Grundsätzlich gelte es, sämtliche Kernprozesse des Unternehmens sowie die Geschäftspartner hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit und ihres Zahlungsverhaltens zu überprüfen, fordern die Experten. „Doch viele Unternehmen „schrecken vor der umfassenden Veränderung zurück“, resümiert Berater Roland Schwientek.

Folge: Statt als „Cash-Könige“ zu glänzen, müssen sie bei den Banken und Investoren um liquide Mittel betteln und hohe Zinsen zahlen. Aber auch das wird zunehmend schwieriger. „Das Working Capital ist für uns ein wichtiger Anhaltspunkt für die Performance und Management-Qualität einer Beteiligung“, so Günter Niethammer, Partner der Kapitalbeteiligungsgesellschaft Odewald in Berlin. „Im Zweifel sichern wir Zielvorgaben sogar vertraglich ab.“

„Schon durch eine schnellere und häufigere Fakturierung erhöht sich der Barmittelbestand spürbar“, weiß Inkassoexperte Tesch. In der Logistik sind Prozessoptimierungen etwas zeitaufwändiger. Die Schott AG z. B. plagte über viele Jahre das branchentypische Problem von Überproduktionen bei den Glasschmelzen. Die Lösung wurde mit einem neuen Berechnungstool gefunden. Es bestimmt für jede Glasart die optimale Losgröße der Schmelzwanne unter Berücksichtigung von Bedarf, Bestandsrisiko und sich verändernden Verrechnungssätzen. Die Position „Vorräte“ konnte dadurch um 5 % bis 10 % reduziert werden.

Bei der durch Liquiditätsschwierigkeiten in die Schlagzeilen geratenen Heidelberger Druck AG war das Working Capital von 32,5 % im Geschäftsjahr 2004/2005 auf hohe 40,4 % Ende 2008 gestiegen. Durch Restrukturierungsmaßnahmen wurden allein im ersten Quartal dieses Jahres rund 100 Mio. € freigesetzt. Eine Verbesserung, die auch dazu beigetragen haben dürfte, dass sich das schwer angeschlagene Unternehmen Mitte Juni staatliche Bürgschaften und ein KfW-Darlehen von 300 Mio. € sichern konnte. MANFRED GODEK $bild2$

Working Capital: Wie Sie sich Liquidität verschaffen

Das so genannte Working Capital kennzeichnet die Liquiditätslage eines Unternehmens, die bei der Prüfung seiner Kreditwürdigkeit eine entscheidende Rolle spielt. Es errechnet sich aus dem Umlaufvermögen ( Vorräte, Forderungen, Wertpapiere, Barmittel/Bankguthaben) abzüglich kurzfristiger Verbindlichkeiten. Kapital können Unternehmen u. a. durch folgende Maßnahmen freisetzen:

Just-in-Time-Produktion

Reduzierung der Sortimentstiefe

Reduktion von Null- und Langsamdrehern

Absicherung von Geschäftsbeziehungen durch Wirtschafts- und Bonitätsinformationen

Kundensegmentierung und individuelle Forderungs-Limits

Schnellere Rechnungsstellung

Optimierung des Forderungs- und Inkassomanagements, ggf. Übertragung auf einen externen Dienstleister

Einsatz von Factoring (Forderungsverkauf) ps/god

Von Just-In-Time-Produktion
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