Gründungsfinanzierung 16.11.2012, 19:56 Uhr

US-Start-ups bezahlen wieder mit Aktien

Es war ein Phänomen der unrühmlichen Dotcom-Zeit: Gründer bezahlten Anwälte und andere Dienstleister mit Aktien statt mit Bargeld. Als die Blase platzte, stürzten viele dieser „Wertpapier“-Inhaber mit in den Abgrund. Nun könnte sich die Geschichte wiederholen. Im Zuge des aktuellen M&A-Booms in der IT-Branche lautet die Devise wieder öfter: Anteile statt Cash.

Eines der Merkmale der Dotcom-Blase Ende der 90er-Jahre war, dass die jungen Start-ups ihren permanenten Geldmangel mit der besonders freizügigen Ausgabe von Aktien kompensierten. Grafikdesigner, Werbeagenturen, Buchhalter, Business-Consultants und Anwälte waren mehr oder minder genötigt, für das Begleichen ihrer Rechnungen Aktien statt Bargeld zu akzeptieren. Sogar bei den Vermietern von Büros und den Elektrizitätswerken wurde angefragt, ob sie nicht lieber Aktien zum Ausgleich ihrer Rechnungen akzeptieren wollten.

Nach dem Platzen der Dotcom-Blase waren die meisten dieser Aktien nichts mehr wert und viele Dienstleistungsbetriebe gingen im Sog der Internetpleiten ebenfalls in Konkurs. In den Jahren danach mussten sich die jungen Start-ups um ausreichende Direktinvestitionen von Angel- oder  Venture-Firmen bemühen, denn bei Equity-Angeboten hieß es nur lapidar: „Aktien – nein danke!“

US-Starts-Ups: Nach der Doctom-Blase gewinnt das Bezahlen mit Aktien wieder an Bedeutung

Doch aktuell gewinnt das Bezahlen mit Aktien wieder an Bedeutung. Auch wenn die jüngsten Börsengänge und Akquisitionen nicht so viel Geld in die Kassen gespült haben, wie es zu Zeiten des Dotcom-Booms der Fall war. Dafür läuft es bei den Akquisitionen besser. Kaum ein Tag vergeht, wo nicht ein Start-up von einem großen Player zu einem attraktiven Preis aufgekauft wird. So akquirierte beispielsweise Microsoft im vergangenen Sommer Yammer, ein Unternehmen, das auf Social Media im Business-Bereich spezialisiert ist. In das 2008 gegründete Unternehmen waren insgesamt Investitionen in Höhe von 142 Mio. $ geflossen – verkauft wurde es für 1,2 Mrd. $.

Von solchen Aussichten beflügelt, sind auch immer mehr Dienstleister wieder bereit, sich lieber an jungen Unternehmen zu beteiligen, als die sofort steuerpflichtigen Bareinnahmen zu verbuchen. Eines dieser Unternehmen ist die Webdesigner-Firma Cyrus Innovation aus New York. Das Unternehmen hat für ein Start-up eine Webseite entwickelt und dabei auf Honorare im Wert von 50 000 $ verzichtet. Stattdessen gab es einen zehnprozentigen Anteil an der jungen Firma.

Unternehmensbeteiligung statt 100 000 $ Honorar

Die Web-Design-Agentur Dashfire in Chicago ist in einem ähnlichen Deal verwickelt. Sie hat für den auf besonders modische Sportschuhe spezialisierten Online-Händler BucketFeet den Webauftritt entwickelt. Laut BucketFeet-Chef Raaj Nemani hätte man dafür rund 100 000 $ an Honoraren ausgeben müssen. Doch Dashfire hat für seine Arbeiten kein Geld bekommen, sondern laut Nemani einen Unternehmensanteil von „weniger als 10 %“.

Auch die Anwaltskanzlei Wilson in San Francisco ist wieder bereit, Aktien statt Geld zu akzeptieren. Die Kanzlei ist spezialisiert auf Firmengründungen – also genau die Phase, wo das Geld bei den jungen Unternehmern besonders knapp ist. Dafür verlangt die Kanzlei einen Pauschalbetrag von 5000 $ oder einen Unternehmensanteil von bis zu 2 %. Diesen Anteil muss das Unternehmen zurückzahlen, sobald es einen Venture-Geldgeber gefunden hat oder an die Börse geht oder aufgekauft wird. Das Geschäft ist bislang sehr profitabel. „Mancher Firmenanteil war bei der Rückzahlung über 100 000 $ wert“, freut sich Yoichiro Taku, Partner der Kanzlei.

Kritiker des Tausches von Forderungen gegen Anteile verweisen darauf, dass die wenigsten Dienstleistungslieferanten in der Lage sind, die Zukunftsaussichten eines jungen Start-ups zu beurteilen. „Start-ups mit guten Erfolgsaussichten müssen sich auf solche Deals nicht einlassen, denn bei denen stehen die Ventures Schlange“, sagt der auf Start-ups spezialisierte Bostoner Consultant Tim Payne.

US-Start-ups: Aktien als Entlohnung wird bei Mitarbeitern zunehmend unattraktiv

Auch bei den Mitarbeitern der ersten Stunde eines Start-ups sind Aktien als Entlohnung zunehmend unattraktiv. Viele mussten in der Vergangenheit hilflos zusehen, wie ihr Anteil bei jeder neuen Finanzierungsrunde verwässert wurde.

Unattraktiv wird der Lohn-Ersatz auch aus anderen Gründen: den geänderten Ausgaberegelungen und Besteuerungen. So dürfen heute keine exorbitant niedrigen Ausgabekurse mehr angesetzt werden. Google hatte einst seinen Mitarbeitern Aktien zum Wert von 10 % der Vorzugsaktien angeboten – das ist heute nicht mehr zulässig. Auch die Versteuerung beim Verkauf hat sich geändert. Früher wurde ein Verkauf der Aktien durch Mitarbeiter als Kapitalertrag eingestuft und pauschal mit 15 % versteuert. Heute gilt der Kapitalertrag aus Optionen als zusätzliches Einkommen, das mit bis zu 50 % versteuert werden muss.“

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