Unternehmensfinanzierung 12.10.2001, 17:31 Uhr

Töchter günstig zu verkaufen

Schnell groß werden – das galt am Neuen Markt lange Zeit als höchstes Ziel. Doch mit dem Kursrutsch wich der Wachstums-Wahn der Ernüchterung. Jetzt werden unüberlegt akquirierte Töchter wieder verkauft – oft an die früheren Eigentümer.

Während des New Economy-Hypes gab es für ambitionierte Neuer-Markt-Unternehmen nur drei Ziele: wachsen, wachsen, wachsen. Die Firmenchefs gingen auf Einkaufstour, griffen sich, was zu haben war. Und das waren vor allem kleinere, innovative Nischenplayer. Nach den häufig überstürzten und unkoordinierten Akquisitionen aber kam das Erwachen. Mit dem Absturz der Börsen ist vielen am Neuen Markt gelisteten Unternehmen der finanzielle Atem ausgegangen.

Gleichzeitig mussten viele Gesellschaften erkennen, dass sich die Integration zugekaufter Firmen schwieriger gestaltet als gedacht. Die Folge: Die vor zwei, drei Jahren gekauften Companies werden wieder abgestoßen. Und manches Mal übernimmt der ehemalige Verkäufer wieder die Führung der Firma, rutscht mit einer Rolle rückwärts auf den Chefsessel, den er 1999 oder 2000 erst verlassen hatte. Eine interessante Turnübung.

Ein Blick in die virtuelle Turnhalle der New Economy: Dort erholt sich gerade Torsten Wegener, Gründer und Vorstand der Oysterworks Software AG, Hamburg. Er hat eine perfekte Rolle rückwärts gestanden. 1990 hatte Wegener zusammen mit Ralf Peters die data design GmbH gegründet, die Individualsoftware strickte. 1997 kam als Tochter das Systemhaus DD Synergy AG zur Welt. Dieses sollte 2000 an die Börse gebracht werden. Doch wegen des Salami-Crashs am Neuen Markt wurde der IPO abgesagt. Statt dessen entschied sich Wegener, seinen „Laden“ an die Hamburger Popnet Internet AG zu verkaufen. Torsten Wegener wechselte in den Vorstand des am Neuen Markt notierten Konzerns, Ralf Peters verblieb bei DD Synergy.

Doch die Zusammenarbeit mit der neuen Mutter funktionierte mehr schlecht als recht. Wegener: „Ich war als Unternehmer schnelles Entscheiden und Handeln gewohnt. Bei Popnet wurde alles zerredet und nichts erledigt.“ Wegener zog die Notbremse, kaufte gemeinsam mit anderen Managern und VC-Unterstützung sich und das Tochterunternehmen DD Synergy frei. Seither führt er seine Firma wieder in Eigenregie.

Auch im Süden der Republik werden manche Chefsessel wieder in alte Büros zurück getragen. Auf einem sitzt Martin Bauer. Der hatte 1996 in München gemeinsam mit seiner Ehefrau Diana die Film.de AG gegründet, ein Jahr später die Internetagentur CoCo new media. Ende 1998 und Anfang 1999 verkauften die Bauers jeweils 60 % der beiden Firmen an die CineMedia Film AG, die sich zu ihrem Start am Neuen Markt mit zwei schönen, neuen Töchtern schmücken wollte.

Den Bauers brachte der Deal gutes Geld und CineMedia-Aktien. „Doch die Integration unserer Firmen hat überhaupt nicht geklappt“, erzählt Martin Bauer. Als der CineMedia-Vorstand im Frühsommer beschloss, seine B2C-Aktivitäten neu zu ordnen, verhandelte Bauer über einen Rückkauf. Mit Erfolg. Anderthalb Jahre nach der Veräußerung gehören ihm und seiner Frau wieder 100 % der Agentur, die sie „in einer mittleren Größe mit flachen Hierarchien“ weiterführen wollen.

Auch Franz Kruse ist heute wieder alleiniger Besitzer der Firma, die er vor knapp zwei Jahren verkauft hatte. Die 1996 von ihm und zwei Partnern in Hamburg gegründete IT Warehouse AG war von der am Neuen Markt notierten Heyde AG übernommen worden. Die Bad Nauheimer waren der Überzeugung, dass die auf Assekuranz-Lösungen spezialisierte Software-Schmiede ideal in die Firmengruppe passt.

Das glaubten die Heyde-Manager auf dem Gipfel der Akquisitionswelle allerdings von vielen Firmen, sie kauften mehr als ein Dutzend Companies auf. Doch mit der Integration haperte es. Die Krise der New Economy und der Verfall ihres Aktienkurses zwang die Heyde AG zu Beginn dieses Jahres, das Ruder herum zu werfen. Im Zuge der Restrukturierung trennte sich Heyde von neun der zugekauften Töchter mit insgesamt 300 Mitarbeitern. Franz Kruse nutzte die Gunst der Stunde und griff zu: Seit Anfang Juli hat er wieder die operative Leitung der IT Warehouse AG.

„Viel geändert hat sich nicht“, berichtet Kruse. „Wir sitzen wieder in unseren schönen Büros, sind fast die gleiche Mannschaft wie vor zwei Jahren und betreuen die gleichen Kunden.“ Der ehemalige und neue IT Warehouse-Vorstand ist sicher, dass die strategische Ausrichtung auf Produktentwicklung das Unternehmen auch in die schwarzen Zahlen bringen wird: „Wir werden mit Unterstützung von Partnern unsere Produktlandschaft in der Versicherungsbranche weiter ausbauen.“ Auch mit der Heyde-Gruppe, zu der seine Firma einmal gehörte, arbeitet der Hamburger Unternehmer weiter zusammen. Fünf gemeinsame Projekte sind derzeit in der Pipeline. Franz Kruse: „Es gab keine schmutzige Wäsche. Ich habe einfach die Aktien unseres Unternehmens zurückgekauft und bin wieder allein verantwortlich.“

Auch andere New Economy-Gesellschaften haben sich bei der Eingliederung neuer Töchter nicht mit Ruhm bekleckert. Zu sehr lag der Fokus auf schnelle Expansion, zu wenig geachtet wurde auf das organische und langfristig-orientierte Wachstum. Mit der Rückkehr einiger Gründer ans Ruder ihrer Firmen könnte ein neuer Trend eingeläutet werden: Qualität und Seriosität statt Zahlen-Zauberei und Börsenhysterie. JONATHAN WEISE

Ein Beitrag von:

  • Jonathan Weise

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