Start-up-Porträt 16.07.2010, 19:48 Uhr

Terahertz-Wellen stöbern Materialfehler auf

Die SynView GmbH entwickelt Materialprüfsysteme auf Basis von Terahertz-Wellen. Sie erlauben tiefe Einblicke in Kunststoffe, Glasfaser-, Keramik- und Holzwerkstoffe ohne diese zu berühren. Schichtdicken, Lufteinschlüsse oder Materialfehler lassen sich damit sub-millimeter-genau vermessen. Auch die Kontrolle von Verpackungen ist möglich. Erste Systeme sind an Forschungsinstitute verkauft. Bald will das Start-up Lösungen für die Industrie anbieten.

„Vergesst Terahertz(THz)-Wellen“, hat Holger Quast oft zu seinen Studienkollegen gesagt. Zwar war er als Physiker fasziniert davon und schrieb seine Diplomarbeit darüber. Doch seine kaufmännische Ader – im Nebenfach studierte er BWL – vermisste Vermarktungspotential. „Zu langsam, zu aufwändig, zu teuer“, sagt er damals. Heute schmunzelt er darüber.

Denn letztes Jahr hat Quast die SynView GmbH gegründet, die Materialprüfsysteme auf Basis von THz-Wellen entwickelt. Dass es so kam, liegt an seinem Gründungspartner Torsten Loeffler. Der technologische Kopf des Start-ups hatte jahrelang an der Uni Frankfurt THz-Wellen erforscht und über ihre Erzeugung mit laserinduzierten Plasmen promoviert. Doch irgendwann beschlich ihn das Gefühl, dass die Methode in die falsche Richtung führte. „Sie war zu langsam, zu aufwändig und zu teuer“, erinnert er sich – und schmunzelt ebenfalls.

Loeffler brach mit seiner bisherigen Forschung, wandte sich vom Kurzpulslaser ab und stieß im Bereich hochfrequenter Kommunikationstechnik auf alternative Methoden, um die mit 10-12 Hz pulsierenden Wellen zu erzeugen. Erste Test waren so vielversprechend, dass er seine Idee schützen ließ und 2007 die Loeffler Technology GmbH gründete. Er baute erste Messköpfe, die THz-Wellen in Materialen senden und die rücklaufenden Wellen detektieren. Eine eigens entwickelte Software übersetzt diese Signale in Bilder.

Das System stieß sofort auf Nachfrage. „Wir verkaufen jährlich eine Handvoll Prüfsysteme, vor allem an Forschungsinstitute“, so Loeffler. Zudem berate er Firmen , die sich für die THz-Technik interessieren. Der Umsatz reichte bald, um erste Mitarbeiter einzustellen und die Forschung zu intensivieren. Denn der Physiker will mehr: „Wenn es gelingt, die THz-Sensorik weiter zu verbessern, dann kann sie für viele Industriezweige interessant werden“, sagt er.

Während es mit dem Laserverfahren Stunden dauerte, wenige Quadratzentimeter Material zu prüfen, braucht das aktuelle SynView-System wenige Minuten dafür. „Für industrielle Zwecke ist das natürlich noch immer viel zu lang“, weiß er. Doch bisher nutze man nur einen Messkopf. Genau das soll sich ändern. Deshalb wandte sich Loeffler Mitte 2008 an Quast, den er an der Frankfurter Uni kennen und schätzen gelernt hatte. Er schlug ihm die Gründung der SynView GmbH vor, um seine THz-Technologie in größerem Stil zu vermarkten. „Holger war genau der richtige Partner“, sagt er. Denn der kannte nicht nur die Stärken und Schwächen der Technik, sondern hatte inzwischen in der Geschäftsführung eines Berliner Technologie-Start-ups Gründungserfahrungen gesammelt. Loeffler gelang es, den Freund trotz dessen anfänglicher Skepsis für sein Gründungsprojekt zu begeistern.

Inzwischen hat das Duo fünf Festangestellte und noch einmal so viele freie Mitarbeiter. Ihre Firma ist gerade nach Bad Homburg gezogen und empfängt dort regelmäßig Kunden. „Wir spielen viele Anwendungsfälle durch“, berichtet Quast. Dafür applizieren sie ihr „Echolot“ an die jeweiligen Materialien, Einsatzumgebungen und Prüfzwecke ihrer Kunden.

Neben dem Tagesgeschäft treibt Loeffler seine Idee paralleler Messköpfe voran. „Wir haben mittlerweile die nötigen Algorithmen, um ihre Signale zu fusionieren und Bilder daraus zu erzeugen“, sagt er. Damit sei der Sprung in den Sekundenbereich machbar. „Wir trauen uns zu, künftig eine Fertigungslinie mit bis zu 3 m/s Bandgeschwindigkeit zu messen“, erklärt der Entwickler. Natürlich hänge die Dauer auch von Material und Auflösung ab, doch zehn Bilder pro Sekunde seien drin. „Und wenn es nötig ist, können wir Schichtstärken, Materialfehler oder Lufteinschlüsse submillimeter-genau messen.“

Möglich wird das, weil sich die Ausschläge der rücklaufenden THz-Wellen mit jeder neuen Schicht messbar ändern. Die Physiker können so die Lage von Materialfehlern messen und diese mit ihrer Software so visualisieren, dass auch Laien sie erkennen. Einschränkung: Die Materialien dürfen nicht elektrisch leiten. Doch auch so bleiben reichlich Anwendungsfälle: Qualitätskontrollen von Kunststoffen, Glasfaser- Keramik- und Holzwerkstoffen, Papieren und Pappen. „Jeweils zerstörungsfrei und ohne jede Berührung“, wirbt Quast. Auch Inhaltskontrollen von Verpackungen würden mit der flinken THz-Sensorik machbar, etwa im Lebensmittelbereich.

Wo genau SynView Röntgen-, Ultraschall- oder Thermographie-Messungen ergänzen oder gar verdrängen kann, wird sich zeigen. Doch die Option, Luft, Schäume oder Composite zu durchschauen, dürfte mehr als eine Branche interessieren. Dank der laufenden Einnahmen können die beiden Physiker manches auf sich zukommen lassen. „Wir arbeiten bewusst mit einer Kostenstruktur, die wir aus dem Verkauf weniger Geräte im Jahr decken können“, sagt Quast. Dennoch haben sie letzten Herbst eine Finanzierung mit mehreren Business Angels aus dem Rhein-Main-Gebiet auf die Beine gestellt. Weniger wegen des Geldes, als wegen deren Kontakten und Erfahrungen. „Es hilft uns ungemein, wie uns der Business Angel Club, unsere konkreten Investoren und auch die IHK Frankfurt unterstützen“, freut er sich. Im Beirat habe man ehemalige Industriemanager, eher hemdsärmelige Unternehmertypen und einen ehemaligen Personalleiter. Geballtes Know-how, von dem sich die jungen Unternehmer in ihrer nun anstehenden Wachstumsphase jenen Durchblick erhoffen, den ihre Technik bietet.

PETER TRECHOW

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