Start-up 17.06.2011, 12:10 Uhr

Tagebuch einer Start-up-Pleite

Im ersten Quartal 2011 haben 195 000 Firmen ihr Gewerbe aufgegeben. Ursachen und Hintergründe verraten die Gründer fast nie. Karla Kösler* ist da eine Ausnahme. Geplant hatte sie eine Partnerbörse mit Clubcharakter. Geworden ist es eine totale Pleite. Hier die Dokumentation des Scheiterns – in Form von Tagebuch-Auszügen der ehemaligen Geschäftsführerin.

Mai 2008: Wir werden reich! Ich traf meinen Freund Rüdiger. Wir lachten über seine schlechten Erfahrungen in Singlebörsen. Er zahlt horrende Mitgliedseiträge, ist aber noch nie einer Dame seines Herzens näher gekommen. Und er hasst erste Dates. Wir beschließen, es besser zu machen.

Juli 2008: Unsere Idee ist genial – finden auch unsere Freunde und Bekannten. Eine Partnerbörse mit Clubcharakter, für lebenslustige Singles mittleren Alters, die gerne ausgehen. Unser USP: Die Clubmitglieder lernen sich im Netz und auf Freizeitveranstaltungen vor der Haustür kennen und können sich so schon vor dem ersten Date begegnen. Das nimmt bestimmt viel Druck. Wir starten regional und dann expandieren wir.

Dezember 2008: Der Gesellschafterkreis steht, hat ewig gedauert, weil immer wieder Kandidaten absprangen. Jetzt sind wir zu sechst. Jeder von uns hat Kompetenzen, die wir gut gebrauchen können: PR und Text, Veranstaltungsplanung, Management, Webdesign. Jetzt müssen wir nur noch für die Entwicklung der Plattform zahlen, alles andere stemmen wir selbst. So sparen wir Geld. Wir sind alle berufstätig, aber das schaffen wir bestimmt nebenher. „Nie im Leben“, behaupten Freunde.

Februar 2009: Waren gerade beim Notar und haben eine GmbH gegründet, damit bei Konflikten klare Regelungen greifen. Jeder bringt 5000 € ein, in ein paar Monaten wollen wir den gleichen Betrag nachschießen. Meine Schwester Lidwina, ihres Zeichens Unternehmensberaterin, lacht uns aus, sagt, wir brauchen mindestens 1 Mio. €, um uns zu behaupten.

Mai 2009: So viel Detailarbeit: Positionierung, Preise, Werbeplan, Plattform. Sind nicht dazu gekommen, unsere USP bei mehr Menschen zu testen. Klicke mich nach Monaten wieder durch die Konkurrenz. Hilfe! Sehe plötzlich nur noch Wettbewerber. Unsere Marktanalyse war zu nachlässig. Es wird schon gutgehen.

August 2009: In sechs Wochen starten wir. Unsere Werbekampagne läuft an: Anzeigen und Spots in regionalen Medien, Google Adverts. Die erste Werbewelle kostet 15 000 €, haben keine Ahnung, wie effizient unsere Werbestreuung ist. Aber von wem bekämen wir eine seriöse Antwort?

Wir wollen schnell mindestens 500 Mitglieder gewinnen, damit Leben auf die Plattform kommt, bieten daher Frühbuchern für drei Monate eine kostenlose Mitgliedschaft an. Regulär verlangen wir, wie die Wettbewerber, 29 € im Monat. Müsste so o.k. sein.

September 2009: Endlich, sind seit heute im Netz. Unser Design ist wundervoll ästhetisch, ganz anders als die Bildzeitungsauftritte unserer Konkurrenz. Hoffentlich sterben wir nicht in Schönheit. Ich wüsste zu gerne, welche Erfolgsstrategien unsere Konkurrenten einsetzen? Aber wie erfährt man die?

Oktober 2009: Nebenher, das funktioniert nicht. Statt im Theater, verbringen mein Liebster und ich den Samstagabend mit AGBs. Wir brauchen mindestens einen Mitarbeiter, aber wie bezahlen? Meine Schwester hatte Recht. Unser Budget reicht nicht.

Kenne jetzt ein paar unserer Clubmitglieder persönlich. Gott, die sind ja verklemmter als ein kaputter Reißverschluss. Die wollten wir doch gar nicht! Und viel zu viele Männer lassen unsere Plattform links liegen. Zu feminines Design, behaupten Freunde, lässt an Blümchensex denken. Hätten wir doch die Wirkung unseres Auftritts vorab genauer getestet.

November 2009: Auf dem Hauptfriedhof ist mehr Leben als auf unserer Plattform. Vor allem Frühbucher sind völlig passiv, Daten nicht, füllen ihr Profil nicht aus. Warum sind die hier? Streiten, ob es ein Fehler war, unsere Leistungen umsonst anzubieten.

Um die Nutzer zu pushen, verstärken wir die Kommunikation mit ihnen: schreiben jeden zweiten Tag eine Aufforderungsmail, verfassen jeden Monat einen „Datingtipp“, entwerfen jede Woche einen Beitrag für unseren Blog. Müssten noch viel mehr tun, haben den Kommunikationsaufwand mit unseren Nutzern völlig unterschätzt.

Dezember 2009: Unser zentrales Motto „Ausgehen und Kennenlernen“ floppt. Trotz vielseitiger Angebote wie Brunch, Wanderungen, Kochkurse. Fragen nach. Die Antwort: Zu wenig Männer. Stimmt. Unsere warten hinterm Ofen, dass sich die Traumfrau zu ihnen verirrt.

Die Mitgliederzahlen stagnieren. 600 sind es, laut unserem Meilenstein sollten es 1000 sein. Unser Werbepulver ist verschossen und verpufft. Suchen nach Vertriebsleuten, die auf Provisionsbasis arbeiten. Warum haben wir nicht früher daran gedacht?

Rudern verzweifelt, um die Partnerschaftsbörse wieder in Fahrt zu bringen, haben gerade einen Maßnahmenkatalog beschlossen: Werbefreunde-Aktion, Gutscheine. Noch mehr Arbeit, noch mehr Ausgaben.

Januar 2010: Nur die Doofen hoffen. Die Schnupperphase ist vorbei, die Frühbucher mit dem Nulltarif wandern ab. Stehen nun bei 150 Mitgliedern. Eine knappe Mehrheit von uns beschließt, die kostenlose Phase bis Ende des Jahres zu verlängern, in der Hoffnung, dass mehr Leute den Flieger endgültig zum Abheben bringen. Müssen im Gegenzug alle Werbeausgaben stoppen. Bin dagegen. Das ist das Ende.

März 2010: Das Geld geht zu Neige. Die meisten Gesellschafter wollen nicht nachfinanzieren. Der Rest findet es zu riskant, alleine weiterzumachen. Rappeln uns nochmal hoch und suchen einen Investor. Finden keinen. Logisch, bei 150 Mitgliedern!

Juli 2010: Wir geben auf, leiten die Liquidation ein, vielleicht zu früh. Aber wir haben keine klare Idee, was wirklich schief lief und sind einfach nur müde, todmüde.  

* Name von der Red. geändert

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