Finanzierung 19.03.2010, 19:45 Uhr

Stille Teilhaber statt lauter Banken  

Viele Kleinunternehmer beklagen sich über ausbleibende Kredite. Manch einer dreht den Spieß deshalb um und spielt selber Bank. Er finanziert sich über stille Teilhaber und zahlt ihnen Zinsen – zwei Beispiele aus Köln. VDI nachrichten, Düsseldorf, 19. 3. 10, ps

Die Geschäfte der Kölner Händler Johannes Genske und Klaus Kirsch liegen nahe beieinander, doch sie unterscheiden sich deutlich. Der 56-jährige Genske verkauft in entspannter Lounge-Atmosphäre Ökomöbel aus nachhaltig angebautem Holz. Der 63-jährige Kirsch führt in einem Hinterhof einen Großhandel für Schnaps, Süßwaren und Zigaretten, bestückt damit Kioske und Automaten. So verschieden die Unternehmen sind: Zu ihrer Finanzierung folgen beide Geschäftsleute der gleichen ungewöhnlichen Idee. Sie haben ihre Unternehmen zu Anlageobjekten für jedermann erklärt.

Bei jeweils rund einem Dutzend Anlegern haben sie Geld eingesammelt, Genske 135 000 €, Kirsch mehr als 250 000 €. Die stillen Teilhaber mischen sich nicht ein in die Geschäfte und kassieren Jahr für Jahr Zinsen, und zwar vergleichsweise hohe. Genske schüttete in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt 6,17 % pro Jahr aus, Kirsch zahlt seit drei Jahren jährlich 6 %. Gerade kleine Betriebe kommen derzeit schwerer an Kredite. Das belegt z. B. eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter rund 20 000 Unternehmen. 6 % der befragten Firmen mit bis zu zehn Beschäftigten gaben an, dass ihre Kreditwünsche von Banken abgelehnt wurden.

Im Durchschnitt aller Firmen beklagten nur halb so viele Unternehmen, dass ihnen der Geldhahn zugedreht wurde. Unter den Kleinen ist auch der Anteil derer am größten, die zwar Kredite erhielten, aber nur zu verschlechterten Konditionen.

Biomöbelhändler Genske geriet bereits im Jahr 2003 in eine Kreditklemme. Damals musste er seine Düsseldorfer Filiale in der Nähe der Kö mangels Umsatz schließen. Eine seiner Banken nahm den Fehlschlag zum Anlass, die Kreditlinie zu kündigen. „Da standen wir im Regen“, sagt Genske, der seit 24 Jahren in Köln im Möbelgeschäft tätig ist. Auch Kirsch kennt „gute und schlechte Jahre“ und hat „immer mal wieder“ von seinen drei Hausbanken kein frisches Geld bekommen. Wie Genske hat er sich deshalb eine Geldquelle abseits der Banken gesucht.

Die Entfremdung der Firmenkunden von ihren Kreditinstituten liegt nicht nur an den härteren Kreditbedingungen, die ein Rating in Krisenzeiten mit sich bringt, sondern auch an veränderter Betreuung. „Die Kontinuität der persönlichen Beziehung ist weg“, sagt Genske. Über die Kreditvergabe entscheidet nicht der Berater, sondern ein Computerprogramm. „Erklären Sie Ihre Ideen mal einem, der nur auf die Zahlen sieht“, sagt Kirsch.

Mit Teilhabern ist der Umgang offenbar einfacher. Vor allem Ruheständler sprangen auf Kirschs Flyer und dessen Kernaussagen an: „Erhalten Sie zu wenig Zinsen? Schluss mit Gürtel enger schnallen!“ Er nutzt die Liquidität, die ihm seine stillen Teilhaber verschafft haben, für Gelegenheitskäufe.

Genske hat mit dem Geld, das er bei 13 von 1000 per Brief angesprochenen Stammkunden eingesammelt hat, seinen Verkaufsraum aufgemöbelt und seine Webseite erneuert.

Das Werben um stille Teilhaber macht die beiden Unternehmer unabhängiger von ihren Banken – und sie dort gleichzeitig beliebter. Wird das Teilhabermodell richtig gestrickt, dann gelten die stillen Einlagen als Eigenkapital, das heißt als Sicherheiten. Dank der besseren Kapitalausstattung der Firma verbessert sich deren bankinternes Rating, die Kredite fließen wieder, und das zu günstigeren Konditionen als vorher.

„Jetzt bin ich für Banken wieder interessant“, sagt Genske. „Wir wollen ja gar nicht ganz von der Bank weg“, sagt Kirsch. „Wir brauchen die ja schon. Aber vielleicht ein bisschen weniger.“ Genske empfiehlt das Finanzierungsmodell anderen Mittelständlern weiter. Dass stille Teilhaberschaften in der Krise populärer werden, erwartet auch Lothar Schmitz, ein Sprecher der IHK Köln: „Der Druck durch abgelehnte Bankenfinanzierungen legt die Wahl dieser Mittel nahe.“

Wie viele Firmen in Deutschland Teilhabermodelle betreiben und wie viele davon erfolgreich sind, weiß niemand: weder Bundesfinanz- und Bundeswirtschaftsministerium noch Kapitalgeberverbände, Statistisches Bundesamt, Bundeskriminalamt oder Staatsanwaltschaften.

Dabei sollte es ein paar Angaben durchaus geben: Eigentlich müssen sich nämlich alle Unternehmen, die öffentlich um stille Teilhaber werben, bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) melden. „Ein öffentliches Angebot ist schon dann gegeben, wenn man Flyer auslegt“, erläutert Ben Fischer, Pressesprecher der BaFin. Aber im Jahr 2006 meldeten gerade mal zehn Unternehmen in Deutschland ein stilles Teilhabergeschäft. 2007 waren es acht und 2008 ganze vier.

„Natürlich gibt es im Mittelstand häufiger stille Beteiligungen“, sagt Prof. Norbert Herzig, Direktor des Steuerseminars der Uni Köln. „Die Prospektanzeigepflicht wird dabei offensichtlich nicht sehr ernst genommen, da auch keine einschneidenden Sanktionen drohen.“

Die stille Beteiligung zählt zum unregulierten Grauen Kapitalmarkt – und die Liste der geprellten stillen Teilhaber ist lang. Darunter sind beispielsweise Kunden der Göttinger Gruppe, die ihre Altersversorgung verloren haben, oder die deutsch-türkischen Anleger der Yimpas-Holding, die an islamkonformen Anlagen interessiert waren.

Dass Anleger das Insolvenzrisiko voll mittragen, haben Genske und Kirsch ihren Teilhabern nicht verschwiegen. „Jeder muss wissen, dass es reines Risikokapital ist“, so Genske. „Wenn jemand fragt, wie sicher das Geld ist, kann ich nur sagen: So sicher, wie unsere Firma ist“, sagt Kirsch. THILO GROSSER

Von Thilo Grosser
Von Thilo Grosser

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