Ingpuls liefert Formgedächtnis-Aktoren 25.04.2013, 07:00 Uhr

Start-up-Portrait

Im Gründertrio der Bochumer Ingpuls GmbH vereint sich geballtes Know-how rund um Formgedächtnis-Materialien. Nach dem Start als Entwicklungsdienstleister will das Start-up nun eine eigene Fertigung aufbauen.

Gründertrio der Bochumer Ingpuls GmbH

Gründertrio der Bochumer Ingpuls GmbH

Foto: Werkfoto

Künftig wollen sie Formgedächtnishalbzeuge und -aktoren von der Stange anbieten. Auto-, Hausgeräte- und Medizintechnikhersteller sind interessiert.

Mit einer Pinzette hält André Kortmann eine ausgeleierte Feder vor einen Heißluftföhn. Wie von Geisterhand zieht sie sich zusammen. Als Nächstes ist ein verbogener, etwa 8cm langer Blechstreifen dran. Als ihn der Mitgründer der Bochumer Ingpuls GmbH mit einer Zange in Heißwasser tunkt, zieht er sich sofort gerade. „Obwohl er kaum 2g wiegt, hat der Aktor eine Stellkraft von 200 Newton und 10mm Hub“, erläutert er. Bis zu 150.000 Mal stemme so ein Formgedächtnis-Blech das 1000-Fache seines Eigengewichts.

Kortmann hat Ingpuls im Juli 2009 mit Burkhard Maaß, Christian Großmann und einem inzwischen ausgeschiedenen vierten Partner gegründet. Allesamt Ingenieure Ende 20, die als wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Werkstoffe der Uni Bochum forschten. Sie waren Teil eines Sonderforschungsbereichs zur Formgedächtnis-Technologie – eines der weltgrößten Forschungsprojekte in diesem Bereich. „Nach und nach gingen viele Kollegen in die Industrie, haben dort aber dann nicht mehr mit Formgedächtnislegierungen gearbeitet“, so Maaß. Sie selbst wollten lieber einen anderen Weg einschlagen. Zumal sie in der Technologie großes Vermarktungspotenzial vermuteten.

In Absprache mit ihrem Institut leiteten sie die Gründung in die Wege. Tagsüber arbeiteten sie am Institut, abends und an Wochenenden entwickelten sie ihren Businessplan. Auf Fördermittel verzichteten sie. Statt Hilfe zu beanspruchen, boten sie Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen an.

„Viele Unternehmen, die sich an Formgedächtnis-Legierungen versuchen, geben ihre Projekte früher oder später wieder auf“, so Maaß. Gerade die Auslegung von Aktoren setze fundiertes Werkstoffwissen voraus. Oft würden Entwickler an der geforderten Zyklenfestigkeit scheitern, weil sie das Material falsch oder zu hoch beanspruchen. „Beim Formgedächtniseffekt handelt es sich um einen über die Temperatur steuerbaren Phasenwechsel“, erläutert Großmann. Sei dieser abgeschlossen, führe weitere Energiezufuhr zu Überhitzung und Ermüdung des Werkstoffs.

In der Regel bestehen Formgedächtnislegierungen je zur Hälfte aus Nickel und Titan. Doch je nach Anforderungen an Festigkeit und Lebensdauer kommen auch andere Metalle ins Spiel. Die Prozesse der Legierungsherstellung und -verarbeitung sind derart komplex, dass die Gründer auf Patentierung verzichten. „Das würde Wettbewerbern unnötig viel Informationen liefern“, so Kortmann. Die Prozessrouten sind wohlgehütete Firmengeheimnisse, die das Start-up möglichst bald in einer eigenen Fertigung anwenden möchte. Noch nutzen sie über eine Kooperation mit dem benachbarten Institut für Werkstoffe dessen Maschinenpark.

Aus Kundenprojekten in der Automobilindustrie, Haushaltsgerätebranche und Medizintechnik wissen sie, dass sich viele Unternehmen für die Technologie interessieren, aber dafür nicht eigenes Know-how aufbauen wollen. Hier will das Gründerteam ansetzen und die Nachfrage nach einsatzbereiten Formgedächtnisaktoren von der Stange und Halbzeugen mit definierten Eigenschaften stillen. „Wir haben den Markt genau analysiert“, so Kortmann. Die bisher noch raren Hersteller von Formgedächtnislegierungen würden beständig wachsen, obwohl kaum einer von ihnen die vollständige Fertigungstiefe von der Schmelze bis zur Komponente anbiete und das mit Beratung und Entwicklungsdienstleistung verbinde.

Bei Kunden hat sich das Angebot schon herumgesprochen. „Eigentlich beschränken wir unser Marketing bisher auf die Hannover Messe“, so Kortmann. Doch selbst Autohersteller klopfen regelmäßig bei dem Start-up an. Gerade stehen Angebote im Raum, die auf eine Jahresproduktion von 5t Formgedächtnislegierung hinauslaufen – was über 10% der aktuellen Weltjahresproduktion entspricht.

Um solche Angebote annehmen zu können, wollen die Gründer ihr Geschäftsmodell zügig ändern. Sie brauchen Anlagen zum Schmelzen, Walzen, Drahtziehen und Federwickeln sowie vielerlei Test- und Prüfstände. Technik von der Stange, die sie mit internem Werkzeugbau an die spezifischen Bedürfnisse ihrer Legierungen anpassen wollen. „Es wird auf eine siebenstellige Investition hinauslaufen“, sagt Kortmann. Allein aus dem Cashflow ist das nicht zu stemmen. Dem Trio schwebt eine Mischfinanzierung aus Bankkrediten und Beteiligungskapital eines strategischen Investors vor, der möglichst ein langfristiges Interesse an der Zusammenarbeit mitbringen sollte. Was sie selbst in die Waagschale zu werfen haben? „Aufträge, Kunden, ein eingespieltes Team und natürlich unser Know-how“, zählt Maaß auf. Die Zeit sei reif, um von Sparflamme auf Vollgas umzuschwenken. (pt)

  • Peter Trechow

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