Start-up-Porträts 10.01.2013, 14:30 Uhr

Start-up-Portrait: Movisens nimmt Stress ins Visier

Das Start-up Movisens erfasst mit einem Brustgurt mehrere Stress-Parameter gleichzeitig und wertet die Daten aus. Noch steht die Entwicklung alleine im Dienste der Forschung, doch das Anwendungsfeld ist viel größer.

Der Brustgurt verschwindet dezent unter der Kleidung. Mindestens 24 Stunden soll er auf der Haut bleiben. Sensoren erfassen u.a. Herzströme und Pulsschlag. Der wichtigste Parameter ist die sogenannte Herzrate-Variabilität (HRV): Ein gesundes Herz schlägt nämlich entgegen der landläufigen Meinung nicht gleichmäßig. Mal pumpt es schnell, mal pumpt es langsam. Ist die HRV zu gering, ist das ein Zeichen von Belastung: durch schwere körperliche Arbeit, Krankheit, Depression oder Stress. „Deshalb ist es wichtig, die Aktivität einzubeziehen“, sagt Jörg Ottenbacher, Mitgründer von Movisens. Die Beschleunigungs- und Luftdrucksensoren im StressGuard zeigen, ob der Proband z. B. gerade Sport treibt, eine Treppe steigt oder vor dem Computer sitzt. Und eben auch, ob er sich zumindest im Schlaf entspannen kann – oder auch das nicht mehr. Das Foto zeigt Ottenbacher mit dem Chip, der am Brustgurt befestigt wird. Der Elektroingenieur promovierte am Institut für Technik der Informationsverarbeitung und arbeitete in der Forschungsgruppe „hiper.campus“ am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die unter anderem den Zusammenhang zwischen persönlicher Fitness und mentaler Leistungsfähigkeit untersucht. Mit vier weiteren KIT-Kollegen, allesamt Ingenieure, gründete Ottenbacher Movisens Ende 2009. Den Weg in die Selbstständigkeit hat ihnen das BMWi-Programm Exist-Forschungstransfer geebnet. Alle reden von Stress. Kein Wunder, dass man das Phänomen zurzeit mit den verschiedensten Verfahren dingfest machen will. Alle erfassen einen bestimmten Stressindikator: meist den Hautleitwert oder die HRV. Die gängigen Geräte erfassen jedoch nur kurze Zeitspannen. Schon eine Tasse Kaffee könnte die Werte beeinflussen, sagt Ottenbacher: „Wir messen längere Intervalle und mehrere Parameter, um eine genauere Aussage treffen zu können. Zum Schluss bekommt man einen Stress-Index, der sich aus verschiedenen Einzelwerten zusammensetzt, wie z. B. die Erholungsfähigkeit während des Schlafs.“ Aus dem patentierten Verfahren leiteten die Jungunternehmer eine ganze Linie Hard- und Software für die Messung und Auswertung physiologischer Parameter ab. Nicht alle dienen der Stressmessung: Ein Monitoring der körperlichen Aktivität und des Kalorienverbrauchs etwa ist auch möglich. Bisher nutzen Forschungseinrichtungen an Hochschulen und Unternehmen die Produktpalette. Sport- und Ernährungswissenschaft, Psychologie, Medizin, Pharmaforschung sind an den Daten interessiert – sogar exotische Gebiete wie die Physioeconomics, um die Entscheidungen der Teilnehmer an einem Börsenspiel untersuchen zu können. Kliniken, Coaches, Arbeitsmediziner oder Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr sind aber auch mögliche Anwender. Movisens präsentiert seine Produkte auf Konferenzen und Messen und arbeitet in einigen Forschungsprojekten mit. „Inzwischen haben wir einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht und die Leute kommen selbst auf uns zu“, so der Geschäftsführer. „Da wir früh mehrere Produkte von unserer Hauptentwicklung ableiteten, tragen uns die Umsätze schon.“ Das Ziel ist, Geräte künftig nicht nur für die Forschung, sondern auch für den privaten Gebrauch zu entwickeln. „Wir werden die Sensoren an die Kunden verleihen“, sagt Ottenbacher. „Sie können sehr einfach selbst die Messung durchführen, und wir liefern die Auswertung. Diese Dienstleistung kann einzeln oder mehrmals in regelmäßigen Abständen genutzt werden.“ Der Preis steht noch nicht fest, aber der Kunde, der seinen persönlichen Stress-Level überwachen will, erhielte keine technisch abgespeckte Version des Brustgurtes. „Der wesentliche Unterschied ist, dass die Forscher gern die komplette Analysekette von den tatsächlich gemessenen Sensordaten bis zur schlussendlichen statistischen Aussage von uns haben wollen“, erklärt Ottenbacher. Otto Normalverbraucher braucht dagegen nur den Bericht. Dementsprechend müssen keine Rohdaten gespeichert werden. Um im Fachanwender- und Endkundenmarkt Fuß zu fassen und zu wachsen, suchen die Gründer aktuell nach Geldgebern. „Vermutlich wird es Risikokapital“, so Ottenbacher. (mjd/sta)
http://www.movisens.com

Von Matilda Jordanova-Duda/Stefan Asche
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