Start-up 24.09.2010, 19:49 Uhr

„Ständig mit dem Markt atmen“

Wolfgang Rücker weiß, wie man als Unternehmer dauerhaft erfolgreich ist. Vor genau 40 Jahren startete er mit einem kleinen Ingenieurbüro in Wiesbaden. Heute ist er Vorstandschef der Rücker AG, einem internationalen Entwicklungsdienstleister für die Automobil- und Luftfahrtindustrie. Im Interview verrät der inzwischen 65-Jährige, wie er das geschafft hat.

VDI nachrichten: Herr Rücker, Sie haben 1970 als Einzelunternehmer ein Ingenieurbüro gegründet, ohne einen Studienabschluss in der Tasche zu haben. Woher kam der Mut?

Rücker: Ich habe es damals keineswegs als Risiko empfunden, mich selbstständig zu machen. Die Angst zu scheitern war nicht vorhanden. Die muss auch heute kein Gründer haben. Ich halte das Risiko, arbeitslos zu werden, im Angestelltenverhältnis für größer.

Nach meiner Ausbildung zum technischen Zeichner habe ich als freiberuflicher Konstrukteur mein Geld verdient . Ich habe mir Projekte gesucht und Konstruktionsaufträge durchgeführt. Ich wollte nicht als Angestellter und damit weitgehend fremdbestimmt arbeiten. Die größte Herausforderung war es, das Unternehmen dauerhaft und erfolgreich am Markt zu platzieren. Das ist auch heute noch für Gründer eine schwierige Aufgabe. Die Marktdurchdringung zu erreichen, ständig zu wachsen und die Finanzierungen zu schaffen, das darf man nie aus den Augen verlieren. Die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Etablierung – das ist heute nicht anders als damals – ist die persönliche Einstellung des Unternehmers. Er muss mutig sein, vor allem aber beharrlich, kostenbewusst und fleißig.

Wie haben Sie damals die Finanzierung gestemmt?

Ich hatte kein Startkapital. Ich habe so expandiert, wie Kapital verfügbar war. Das Wachstum muss aus der Liquidität heraus möglich sein. Unternehmer müssen darauf achten, dass sie so schnell wie möglich offene Positionen einziehen und liquide sind.

Wann kam damals der erste Mitarbeiter?

Direkt nach der Gründung. Den ersten Auftrag habe ich damals von Klöckner Mannstedt, Troisdorf, bekommen. Um ihn abzuarbeiten, beschäftigte ich drei Ingenieure. Für diesen Auftrag bin ich sogar mit meiner Familie von Wiesbaden nach Troisdorf umgezogen. Diese Flexibilität braucht man als Gründer.

Wie sind Sie an Kunden gekommen?

Ich habe Stellenanzeigen studiert. Denn wer Leute sucht, der hat auch Arbeit. Ich habe die Firmen angerufen, mich dort vorgestellt und versucht, Aufträge zu erhalten.

1976 haben Sie den Firmensitz nach Wiesbaden verlegt. Warum der Umzug?

Ich bin in Wiesbaden geboren und Wiesbaden ist für uns der bessere Standort. Das Rhein-Main-Gebiet ist mit seiner Infrastruktur für uns die optimale Adresse. Man kann von Frankfurt aus in die ganze Welt fliegen und es gibt gut ausgebaute Bahn- und Straßennetze. Schon damals war für mich die Infrastruktur ausschlaggebend.

Rücker feiert dieses Jahr zehnjähriges Börsenjubiläum. Warum der Börsengang?

Der Börsengang war nicht von Anfang an geplant. Aber unsere Ziele haben sich im Laufe der Jahre insofern geändert, als dass sie anspruchsvoller geworden sind. Die Änderung von Zielen macht oft die Anpassung von Unternehmensstrukturen notwendig. Ich wollte den Bekanntheitsgrad steigern und gegenüber unseren Kunden Signale setzen. Und ich wollte die Finanzierung des Unternehmens sichern. Ein wichtiges Argument für den Börsengang war es, Transparenz zu schaffen. Früher wollten die Kunden unsere Bilanz sehen. Als börsennotierte Aktiengesellschaft ist man transparent. Das schafft besonderes Vertrauen – bei Kunden und Mitarbeitern gleichermaßen. Sie wissen, wenn der Gründer und Hauptaktionär an der Unternehmensspitze Fehler macht, schlägt er sich gewissermaßen seinen eigenen Kopf ab. Wenn ein angestellter Vorstand Schaden anrichtet, geht er nicht selten mit einer Abfindung nach Hause.

Das Jahr 2009 war auch für Rücker ein hartes. Welchen Rat geben Sie Gründern, wie können sie Krisen überwinden?

Wir haben ein Krisenjahr hinter uns, aber die Kurzarbeit hat uns geholfen. Es wäre ein großer Fehler gewesen, vorschnell Mitarbeiter zu entlassen. Denn wenn man später wieder Fachkräfte benötigt, findet man oft keine. Auch weil man sich sein Image auf dem Personalmarkt zerstört hat. Außerdem haben wir die Kurzarbeit genutzt und betroffene Mitarbeiter fortgebildet.

Wichtig ist auch, passende Strukturen zu schaffen. Wir haben in unserem Unternehmen eine flache Hierarchie. Das schafft kurze Entscheidungswege. Außerdem muss man bereit sein, Verantwortung zu delegieren. Verantwortung zu delegieren heißt übrigens nicht, Aufgaben zu delegieren.

Der größte Fehler ist aber, sich nicht den Marktbedingungen anzupassen. Wer im Wettbewerb bestehen will, muss flexibel und frühzeitig auf mögliche Marktveränderungen reagieren. Dann muss man eben auch mal eine Niederlassung zurückfahren, so wie wir derzeit in Mexiko. Wenn wieder mehr entwickelt wird, werden wir dort wieder Kapazitäten aufbauen. Wer an der Konkurrenz vorbeiziehen will, muss ständig mit dem Markt atmen.

Sie haben dieses Jahr Ihren 65. Geburtstag gefeiert. Was treibt Sie noch an?

Dass das Unternehmen wirtschaftlich stabil ist und weiter wächst, dass die Arbeitsplätze gesichert bleiben, dass die Marktdurchdringung erhöht wird, dass wir profitabel bleiben. Expansion ist wichtig. Wer nicht expandiert, verliert Marktanteile und wird von der Konkurrenz überholt.

Für Angestellte ist spätestens mit fünfundsechzig Schluss. Haben Sie schon über Ihre Nachfolge entschieden?

Über meine Nachfolge wird der Aufsichtsrat zur gegebenen Zeit entscheiden – und das wird noch lange dauern. Wenn dies irgendwann einmal so weit sein sollte, vielleicht in zehn Jahren, dann wird der Aufsichtsrat sicherlich einen geeigneten Nachfolger finden.

SILVIA M. BERGMANN

Von Silvia M. Bergmann

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