Start-up 17.09.2010, 19:49 Uhr

Schulversager wird „Aufsteiger des Jahres“

Willi Bruckbauer stellt das Prinzip Dunstabzugshaube auf den Kopf. René Marius Köhler baut Vaters Fahrradladen zum Internet-Imperium aus. Und Ludwig Georg Braun entwickelt die Apotheke seiner Ahnen zum globalen Marktführer der Medizintechnik, ohne dabei seine soziale Ader zu verleugnen. Seit Dienstag haben die drei eines gemein: den Deutschen Gründerpreis 2010.

„Der Dunst steigt einen Meter pro Sekunde auf. Gegen unseren Dunstabzug hat er keine Chance, denn der saugt ihn mit vier Metern pro Sekunde nach unten“, erklärt Willi Bruckbauer. Für diese Erfindung, die er mit der Bora Lüftungstechnik GmbH vermarktet, erhielt der Tischlermeister den Deutschen Gründerpreis 2010 in der Kategorie „Start-up“.

Als Inhaber eines eigenen Küchenstudios hat Bruckbauer sich oft über hängende Dunstabzüge geärgert. Regelmäßig seien sie im Weg – etwa bei frei stehenden Kochinseln oder wenn der Herd vor einem Fenster steht. Seine Lösung ist eine 11 cm breite und 54 cm tiefe Edelstahlblende, unter der sich ein Rohr befindet. Installiert wird sie direkt neben der Kochstelle. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Teppanyaki-Grill, ein Induktions-, Ceran- oder Gaskochfeld handelt. Im Rohr befinden sich Luftleitbleche, die die Strömung in Richtung Lüftermodul optimieren. Außerdem ist ein Schalldämpfer installiert. Das System kann sowohl im Abluft- als auch im Umluftbetrieb genutzt werden. „Der Stromverbrauch liegt zwischen 160 W und 200 W, also auf dem Niveau herkömmlicher Abzugshauben“, so das Unternehmen.

Die elegante Lösung stößt im Küchenmarkt auf große Resonanz. Das Start-up hat bereits über 2000 Kunden beliefert. Erste Verträge mit großen Küchenzulieferern sind schon unter Dach und Fach. Dabei ist die Innovation nicht billig: Allein Rohr, Lüfter und Schalldämpfer schlagen mit 2500 € zu Buche. Dieser Tage will Bruckmann aber ein preisgünstigeres Modell für Hobbyköche auf den Markt bringen – und den Schritt ins europäische Ausland wagen. „Wenn es gelingt, ein Promille Marktanteil zu gewinnen, liefe das auf 25 Mio. € Umsatz hinaus“, rechnet er vor. Dabei ist ihm anzumerken, dass er damit noch nicht zufrieden wäre.

Den Ehrgeiz mehr als Andere zu leisten, teilt Bruckmann mit René Marius Köhler. Der 27-Jährige hat den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „Aufsteiger“ gewonnen. Er erklärt seinen Erfolg mit Kreativität, Vision und „sehr viel Fleiß“. Oft hätten seine Arbeitstage 14 bis 16 Stunden, in der Woche wie an Wochenenden. Mit diesem Einsatz hat er den väterlichen Fahrradladen zu einem kleinen Internet-Imperium ausgebaut, das unter anderem eine enge Kooperation mit dem Otto Versand und Neckermann unterhält.

Begonnen hat der Schulabbrecher, der lieber mit seinem Konfirmationsgeld an der Börse spekulierte, als zur Schule zu gehen, mit Fahrradverkäufen per Ebay. Die Fahrräder nahm er aus dem Laden des Vaters, der am Anfang gar nicht begeistert war. Heute hat der findige Unternehmer 100 Mitarbeiter und macht fast 25 Mio. € Umsatz. Seine Verkäufe wickelt er unter der Adresse fahrrad.de ab. Das dabei gewonnene E-Commerce Know-how nutzt er inzwischen auch auf anderen Märkten. Seine Internetstores AG betreibt beispielsweise auch fitness.de, eine Plattform zum Vertrieb von Sportgeräten. Weitere Shops sind in Planung.

Diese Eroberungsphase hat Ludwig Georg Braun hinter sich. Er hat das Pharma- und Medtech-Unternehmen seiner Familie, die B. Braun Melsungen AG, in den 40 Jahren seines Wirkens zum Global Player mit 4 Mrd. € Umsatz und fast 40 000 Mitarbeitern aufgebaut. Dafür erhielt er den Gründerpreis in der Kategorie „Lebenswerk“. Die Jury hob die soziale Unternehmensführung und das gesellschaftliche Engagement des früheren DIHK-Präsidenten hervor. Er gilt nicht nur als Vater des Ausbildungspaktes, sondern bemüht sich in seinem Unternehmen auch um die Integration von Langzeitarbeitslosen und von Jugendlichen ohne Schulabschluss. „Auch Spätstarter haben eine Chance verdient“, sagt er. Und dass es nicht immer auf den Schulabschluss ankommt, hat René Marius Köhler eindrucksvoll gezeigt.

PETER TRECHOW

www.fahrrad.de

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