Gründer 14.12.2007, 19:32 Uhr

Ohne Mut zum Risiko bleibt der Erfolg aus  

VDI nachrichten, Wiesbaden, 14. 12. 07, Fr – Immer mehr Ingenieure machen sich selbstständig – obwohl sie ohne Probleme einen neuen Arbeitsvertrag bekommen könnten. Manche lockt die Entscheidungsfreiheit, viele wollen abseits eingetretener Pfade arbeiten, und wieder andere hoffen auf das große Geld. Doch nicht jeder ist für die Arbeit auf eigene Rechnung geeignet.

Die einen denken zu lange nach und ärgern sich Jahre später über die verpasste Chance, die anderen kündigen und legen einfach los. „Ingenieure tun sich vergleichsweise schwer mit dem Sprung in die Selbstständigkeit“, weiß Wolfgang Schrader, Maschinenbauingenieur und seit 13 Jahren als Einzelkämpfer unterwegs. „Ingenieure zweifeln erst mal: Kann ich das überhaupt? Kaufleute haben da viel weniger Bedenken.“ Er folgert daraus: „Kritisches Denken ist im Beruf sehr förderlich, kann aber im Leben sehr hinderlich sein.“

Wie der gebürtige Sauerländer arbeiten viele Ingenieure auf eigene Rechnung. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil sie sowohl als Freiberufler wie als Gewerbetreibende firmieren können und sich damit jeder Statistik entziehen. Sicher ist nur: Es werden immer mehr. Manch einer hat schon nach zwei, drei Jahren Angestelltendasein genug von der Lohnsteuerkarte, andere schieben den Wunsch nach unternehmerischer Freiheit jahrelang vor sich her und dann, eines Tages, sind sie so weit: Sie kündigen und fragen bei ihrer Bank nach einem Existenzgründerdarlehen.

Und wenn der Business Plan plausibel klingt, die Rentabilitäts- und die Liquiditätsplanung Hand und Fuß haben sowie die Geschäftsidee überzeugt, dann bekommen sie auch ihren Kredit. Die Banken werben wieder um neue Firmenkunden, und auch die Taschen staatlicher Spendierhosen stehen derzeit erfreulich offen.

Weil erfahrene Ingenieure Mangelware geworden sind, eröffnen sich für freiberufliche Berater ausgezeichnete Chancen auf eine Win-Win-Situation: Die Unternehmen bekommen zumindest für eine bestimmte Zeit das benötigte Know-how, und die Ein-Mann-Unternehmer können mit festen Einnahmen kalkulieren. Insbesondere Angehörige der Ingenieurgeneration 50 plus sind mit der Selbstständigkeit in der Regel hochzufrieden. „Man glaubt gar nicht“, versichert Maschinenbauer Jochen Schmid aus Offenburg, „wie oft man von den Kunden hört, wie froh die sind, dass man da ist. Beim Angestellten wird vieles für selbstverständlich gehalten.“

Der 41-Jährige hat sich vor zweieinhalb Jahren als Interimsmanager auf den selbstbestimmten Weg gemacht und bereut seine Entscheidung keine Sekunde lang. Mut, Selbstbewusstsein und kein Statusdenken sind nach seiner Überzeugung die Bausteine des Freelancer-Erfolgs. „Ohne den Mut zum ständigen Risiko gelingt der Sprung nicht“, glaubt er fest, „obwohl man als Angestellter ja auch nur eine scheinbare Sicherheit hat.“

Der Preis dafür ist die oft auch nur scheinbar große Entscheidungsfreiheit. In früheren Jobs war der Offenburger Ingenieur viel im Ausland unterwegs gewesen zuletzt hatte er die große weite Welt ziemlich vermisst. Heute führt ihn wieder so manches Projekt über die Grenzen, auch wenn er sich den Auftrag dafür mitunter mühevoll erobern muss. „Man muss selbst akquirieren, man muss selbst die Klinken putzen, man schreibt selbst seine Rechnungen, das ist für den Ingenieur als Freiberufler alles neu.“ Wer immer nur als Teil eines Teams gearbeitet hat, erlebt als Freelancer erst einmal einen Schreck. Wenn er nämlich merkt, dass er nicht nur leisten, sondern sich auch präsentieren, darstellen und verkaufen muss und am Wochenende dazu noch die Buchhaltung wartet.

Auch in der Person des 49-jährigen Wolfgang Schrader vereinen sich Boss, Finanzchef, Marketingleiter, Pressesprecher, Einkäufer und die komplette Belegschaft von hs consulting in Krummesse, einem Dorf bei Lübeck. Seine beruflichen Wurzeln liegen in der Automobilwirtschaft und in der Logistik, inzwischen ist er auf vielen Feldern firm. Von Null auf Hundert ging das bei Schrader freilich auch nicht. „Erforderlich ist eine gewisse Risikobereitschaft und die Fähigkeit, die Dinge nicht nur nach Länge, Höhe und Breite zu beurteilen“, schreibt das Wahl-Nordlicht Freelancern in spe ins Stammbuch. „Wir Ingenieure tendieren ja dazu, gewissermaßen alles ¿rechtwinklig“ zu sehen. Alles sollte für uns eine logische Ordnung haben. Aber als Unternehmer in eigener Sache hat man es zuallererst mit Menschen und Prozessen zu tun, und die kann man nicht immer allein mit Logik erfassen.“

Einfacher als das Überwinden der inneren Hürde und viel leichter, als sich das häufig zum Perfektionismus neigende Techniker vorstellen, ist der Umgang mit der Steuer, mit der Verwaltung, mit der Abschreibung und der Finanzplanung. „Ingenieuren fällt es weniger schwer, kaufmännische Dinge zu lernen, als Kaufleuten, die Technik zu verstehen“, beteuert Wolfgang Schrader. Aber er kennt seine Pappenheimer: „Leider glauben die meisten nicht daran.“ Dabei genüge doch das Grundwissen eines guten Kaufmanns: „Wie kalkuliere ich meine Leistung? Welche Kosten kommen auf mich zu? Wie plane ich meinen Umsatz? Wie verkaufe ich?“

Und wo bitte lernt man das, wenn man nicht gerade Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat? „Ins Internet schauen und einen Unternehmer-Grundkurs belegen“, kommt wie aus der Pistole geschossen. Existenzgründungsseminare bieten staatliche Stellen, IHKs und Handwerkskammern, die Gründungsberatung der staatlichen KfW-Mittelstandsbank, Ingenieurvereine und Berufsverbände. Dazu noch ein persönlicher Tipp des Profis aus Krummesse: „Aus den Erfahrungen anderer lernen: Kenne ich jemanden, der das vor mir gemacht hat?“

Gar nicht hoch genug geschätzt werden sollte das berufliche Netzwerk. Man braucht es zur Generierung neuer Aufträge, als Back-up bei Krankheit und zur Gewinnung zusätzlicher Kompetenzen für ein Projekt. „Wer alleine unterwegs ist, läuft Gefahr, immer wieder eine Sinuskurve zu durchlaufen: von Vollauslastung bis Leerlauf.“ Entweder steckt der Selbstständige bis zum Hals in Arbeit, oder er dreht Däumchen und sortiert aus lauter Langeweile die Ablage um. Eine mittlere Auslastung zu erreichen, so Schrader, bliebe für die meisten nur ein schöner Traum.

Viele Selbstständige haben am Anfang große Probleme damit, auf die in langer Angestelltentätigkeit erworbenen Statussymbole zu verzichten. Das eigene Geschäftsauto soll möglichst eine Nummer größer sein als der vertraglich zugesicherte Firmenwagen, fürs Telefon und den Papierkram wird vom Start weg eine Halbtagskraft angeheuert, das Arbeitszimmer im Souterrain scheint untauglich für Kundenbesuche. Erfahrene Freelancer können darüber nur schmunzeln. Sie wissen längst, dass die Kunden ihren Dienstleister viel lieber bei sich sehen wollen. „Ein repräsentatives Büro ist keine wesentliche Voraussetzung für das freiberufliche Geschäft“, beteuert Wolfgang Schrader. „Ausschlaggebend bei der Auftragsgewinnung sind persönliche Kompetenz, ein authentisches Auftreten und der Sympathiefaktor.“ Wenn zudem ein für beide Seiten angemessener Tagessatz vereinbart werden könne, stehe dem Projekterfolg eigentlich nichts mehr im Wege.

CHRISTINE DEMMER

Bei Selbstständigen wartet am Wochenende die Buchhaltung

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