Finanzierung 06.11.2009, 19:43 Uhr

„Oft setzt sich nicht das beste Produkt durch, sondern die bessere Finanzierung“  

In vielen mittelständischen Unternehmen fehlt es an finanztechnischem Know-how. Kein Wunder, dass Konjunktureinbruch und Bankenkrise die Existenz mancher Firmen bedroht. Wie lassen sich die Schwachstellen beseitigen? Fragen an den Unternehmer und Headhunter Nikolaus Pohlschröder, der darauf spezialisiert ist, für Mittelständler Finanzprofis aufzuspüren. VDI nachrichten, Düsseldorf, 6. 11. 09, ps

Pohlschröder: Das größte Problem ist die schwache Liquidität. Selbst Unternehmen, deren operatives Geschäft gut läuft, können heute daran zerbrechen. Denken Sie nur an den aktuellen Fall Karmann. Da fehlte es nicht an Aufträgen, sondern an Kunden, die ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Wenn sie jede Menge Forderungen haben, die sie nicht eintreiben können, ist die Insolvenz oft unvermeidlich.

Aber weist ein akuter Liquiditätsmangel nicht auf grundlegende Schwächen im Finanzmanagement hin?

Oft ist das leider der Fall. Das Finanzmanagement war früher geprägt von Routineaufgaben. Häufig ist ein tüchtiger Buchhalter im Laufe der Jahre mit seiner Firma gewachsen und schließlich zum Finanzchef avanciert…

…und jetzt in der Finanzwelt des 21. Jahrhunderts überfordert?

Ja, die Gefahr besteht. Zumindest, wenn er sich nicht ständig weitergebildet hat. Sie brauchen heute einen bestens bestückten Werkzeugkasten, wenn sie ein Unternehmen finanztechnisch krisenfest machen und Wachstum ermöglichen wollen.

Auf welche Herausforderungen müssen sich Mittelständler vorbereiten?

Das Finanzmanagement muss mit der Internationalisierung Schritt halten. Es muss strenge regulatorische Auflagen erfüllen, etwa bei der Bilanzierung. Und es muss lernen, den Transparenzvorgaben von Investoren zu genügen. Diese Herausforderungen überfordern meist das gewachsene Finanzwesen mittelgroßer Unternehmen. Dafür wird Expertise von außen benötigt.

Auch weil sich das Spektrum der Finanzierungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren rasant verbreitert hat.

Richtig, die Möglichkeiten haben sich vervielfacht. Es gibt zahlreiche Alternativen zur klassischen Finanzierung über Bankkredite. Diese neuen Chancen sollten Mittelständler nutzen. Deshalb brauchen sie Finanzprofis, die noch was im Köcher haben, wenn die Bank kein Darlehen mehr gibt. Dann muss vielleicht über Schuldscheindarlehen oder Genussrechte nachgedacht werden.

Der Finanzchef sollte die komplette Klaviatur beherrschen – und zwar nicht nur in der Theorie. Konkrete Erfahrung mit diesen Finanzinstrumenten ist gerade für kleinere Wachstumsunternehmen äußerst wertvoll.

Wie erklären Sie sich, dass man vor allem im industriellen Mittelstand Fragen der Finanzierung traditionell wenig Aufmerksamkeit schenkt?

In Industrieunternehmen stehen vor allem technische Innovationen im Mittelpunkt, weniger finanztechnisches Know-how. In diesem Bereich verfügen sie meist nur über eingeschränkte Erfahrung. Auch bei jungen Firmen, etwa aus dem Bereich der regenerativen Energien oder der Umwelttechnik, merken wir das immer wieder. Dabei ist die Finanzierung gerade bei schnell wachsenden Firmen der entscheidende Parameter.

Oft setzt sich nämlich nicht das beste Produkt durch, sondern die bessere Finanzierung. Wenn sie einen Solar-Park verkaufen wollen, sollten sie in der Lage sein, ein internationales Bankenkonsortium für ein strukturiertes Darlehen von bis zu 50 Mio. € zusammenzustellen. Das Finanzprodukt kann dann beispielsweise verbrieft und erfolgreich am Kapitalmarkt platziert werden. Solches Know-how brauchen sie unter Umständen schon bei einer Firma von 100 Leuten.

Verbessert sich damit auch das Standing von Finanzchefs im Vorstand?

Unbedingt. Auch weil sie wichtige Impulse geben können. Wenn beispielsweise die Margen für bestimmte Produkte zu gering sind, wird der Finanzchef darauf drängen, das zu überprüfen. Er kann den Finger in die Wunde legen, auch wenn er selber nicht die Lösung kennt. Finanzleute haben deshalb heute viel größeres Gewicht. Es wird ihnen mehr zugetraut. Denken Sie an Karl-Gerhard Eick, der als Finanzvorstand der Telekom zum Chef eines reinen Handelskonzerns wie Arcandor berufen wurde. Früher undenkbar…

…aber auch heute nicht recht erfolgreich.

Ja, nur spricht das nicht gegen Finanzspezialisten oder Herrn Eick im speziellen Fall. Als er kam, war im Grunde schon alles zu spät. Das konnte er nicht wissen, als er sich darauf einließ.

Eick ist ein gutes Beispiel. Bei ihm spürt man auch Lust an der Selbstdarstellung. Wird das heute erwartet von einem Finanzchef, dass er nicht mehr als blasser Zahlenmensch im Hintergrund agiert?

Es geht weniger um Selbstdarstellung als um die Fähigkeit, die eigene fachliche Botschaft rüberzubringen. Rhetorisches Talent ist wichtig, damit die Kollegen aus der Führungsriege auch verstehen, worum es geht. Er muss die eigenen Themen intern verkaufen können, sonst hat er keinen durchschlagenden Erfolg.

Top-Leute, wie Sie sie beschreiben, sind meist in Konzernen beschäftigt. Was müssen Sie denen denn bieten, damit sie bereit sind, zu einem Mittelständler wechseln?

Also zunächst mal: Materielle Anreize helfen da wenig, auch wenn das in den Medien gerne anders dargestellt wird. Wegen des Geldes wechselt in Wahrheit kaum einer.

Warum dann?

Der entscheidende Beweggrund ist fast immer die persönliche Weiterentwicklung, die Herausforderung, die auch ein kleineres Unternehmen bieten kann. Es ist die Kunst des Headhunters, einem Kandidaten das Unternehmen und die Aufgabe nahe zu bringen, ihn zu begeistern.

Und dann spielt natürlich die Chemie zwischen dem Finanzmann und dem Unternehmer und seiner Führungsmannschaft eine zentrale Rolle. Wenn es da nicht passt, ist es aussichtslos.

PETER SCHWARZ

Ein Beitrag von:

  • Peter Schwarz

    Ressortleiter Wirtschaft bei VDI nachrichten. Fachthemen: Wirtschaftspolitik, Konjunktur, Unternehmen.

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