Start-up-Porträt 02.07.2010, 19:47 Uhr

Navigationssystem für Nadel und Skalpell

Die Bochumer Amedo Smart Tracking Solutions GmbH entwickelt ein Navigationssystem für den menschlichen Körper. Ärzte, die mit Hilfe von bildgebenden Verfahren minimalinvasiv operieren, wissen mit dessen Hilfe künftig haargenau, wo sie schneiden und stechen müssen.

Das Navi des Start-ups arbeitet mit RFID (Radio Frequenzy Identification). Die winzigen, passiven Funkchips werden an der Spitze der chirurgischen Instrumente angebracht. Sie empfangen Signale von Antennen im Behandlungsraum. Die Position der Instrumente erscheint auf der „3D-Landschaftskarte“, die mit einem Computer- oder Kernspintomograph bzw. mit einem MR- oder Ultraschallgerät erstellt wird. Wie beim Auto auch: Das Navi zeigt die Route an, fahren muss man selbst.

Amedo wurde im April 2008 gegründet. Die Gründer – drei Ingenieure, ein Arzt und ein Betriebswirt – arbeiteten früher in der Medizintechnikbranche. „Deshalb sind wir davon überzeugt, dass der derzeitige Stand suboptimal und unsere Idee vielversprechend ist“, sagt Geschäftsführer und Chef-Entwickler Volker Trösken. Bisher gebe es zwei Mittel, den Arzt bei der OP zu unterstützen: eingebaute Infrarotkameras oder elektromagnetische Spulen. Beide Methoden seien störungsanfällig, die Instrumente verdeckten teils das Sichtfeld des Chirurgen oder behinderten ihn durch ihre Kabel. Außerdem seien sie teuer. „Eine elektromagnetische Tracking-Nadel kostet etwa zehnmal soviel wie eine gewöhnliche Punktionsnadel“, so Trösken. Bei den Sparzwängen im Gesundheitswesens kämen die Verfahren entsprechend selten zum Einsatz.

RFID-Transponder dagegen sind robust und kosten nur Cents. Sie lassen sich auf Stahl und Kunststoff, auf flexible und harte Materialien kleben. Vorhandene Instrumente können technisch nachgerüstet werden. Amedo nutzt verschiedene handelsübliche Chips. „Die Kunst besteht in der Art der Anbringung und in der Messtechnik“, so Trösken. „Darauf haben wir Patente.“

„Ohne die Zusammenarbeit mit den Ärzten wären wir auf manche Idee gar nicht gekommen“, sagt er. So betrachtete er die RFID-Technik anfangs ausschließlich als Wegweiser für Geräte. Doch mit Hilfe der Funketiketten lässt sich mehr erreichen. Dank ihres Einsatzes erhält medizinisches Besteck Identität und Status. „Man weiss nun: Nadel Nr. 123 ist schon zehnmal sterilisiert worden und hat gerade das Lager XY verlassen“. Die Chips können außerdem auf die Haut des Patienten geklebt werden, um die Bewegungen des Patienten bei der Positionierung mitzuberechnen.

Als Prototyp gibt es bereits per Funk zu ortende Katheter, Endoskope und Nadeln. Geschäftsführer Marc Böhme erwartet, Ende 2010 die Zulassung dafür zu bekommen. Zurzeit führt er Gespräche mit großen Medizintechnik-Herstellern und Betreibern von Visualisierungsplattformen. Denn Amedo will die Tracking-Instrumente nicht selbst produzieren. „Wir haben ein typisches B2B-Konzept“, so Böhme.

Das zweite Produkt, das im Sommer auf den Markt kommt, will das Start-up dagegen in eigener Regie vertreiben. Mitte Mai hat Amedo ein Laser-Navigationssystem vorgestellt. Anders als beim RFID ist der Einsatz des Laser-Navis eng umrissen. Es ist für mikrochirurgische Eingriffe im Computertomographen (CT) gedacht. Die Laservorrichtung wird dabei über der Röhre befestigt.

Der Operateur, so die Idee, plant zunächst mit Hilfe der CT-Bilder seine Vorgehensweise. Der Laserstrahl markiert dann den gewählten Einstichpunkt auf der Haut. Und der Handgriff des Instruments leuchtet, wenn es im richtigen Winkel eindringt. „Man sticht praktisch in den Lichtkanal“, so Böhme. Das Laser-Navi wurde bereits im renommierten Bochumer Grönemeyer Institut für Mikrotherapie bei Punktionen der Wirbelsäule getestet. Es machte nach Amedo-Angaben die Eingriffe schneller und präziser. Die Strahlenbelastung für Patienten und Mediziner sank dabei fast um die Hälfte.

Mit seinen Tracking-Technologien hatte Amedo den 2. Platz im Medizintechnik-Businesswettbewerb „Startbahn Ruhr“ geholt und Risikokapitalgeber gewonnen. Die erste Finanzierungsrunde über 800 000 € wurde mit Hilfe des Hightech-Gründerfonds gestemmt. Der Fonds ist auf Frühfinanzierung spezialisiert – in Deutschland sonst kaum zu finden. Auf öffentliche Förderprogramme sind die Gründer nicht gut zu sprechen: Bereits bewilligte Mittel würden nur schleppend – wenn überhaupt – ausgezahlt. „Eine kleine Firma kann das schnell in Liquiditätsengpässe bringen.“

Jetzt hat Amedo schon die zweite Runde hinter sich. Ende 2009 haben die KfW, der ELS Fonds, sowie zwei weitere Investoren eine einstellige Millionensumme zusammengetragen. Amedo nutzte sie, um fünf Mitarbeiter einzustellen und die Navi-Systeme durch die Zulassung zu bringen. „Wir werden auch eine dritte Runde in ähnlicher Höhe brauchen“, sagt Böhme.

Der internationale Markt für medizinisches Tracking wurde 2008 auf 180 Mio. € geschätzt – da kannte man Laser- und RFID-Navigation aber noch nicht.

MATILDA JORDANOVA-DUDA

www.amedo-gmbh.com

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