Start-up-Porträts 21.12.2012, 18:28 Uhr

my45.de setzt wieder auf Vinyl

Die digitale Revolution hat die Musikindustrie komplett verändert. Erst verdrängte die Compact Disc analoge Tonträger auf Vinyl. Nun sorgen MP3-Downloads für Umsatzschwund bei CDs. Andreas Bauer pfeift auf diese Trends. Vor fünf Jahren kaufte der Gründer die Maschinen eines insolventen Schallplattenherstellers und presst nun in seiner Manufaktur My45.de kleine Auflagen von Vinyl-Singles für Bands und Musikverlage aus aller Welt – ein Werkstattbericht.

Es gab Momente, in denen sich Andreas Bauer fragte, was er da eigentlich gerade machte. Es war Anfang 2008 und der Gründer saß daheim im niederbayerischen Tiefenbach auf der Insolvenzmasse eines Frankfurter Schallplattenherstellers.

Um seine damalige Lage zu verstehen, hilf ein Blick in die Statistiken des Bundesverbands Musikindustrie: 2007 überstieg die Zahl der Musikdownloads erstmals die 50-Mio.-Grenze. Binnen eines Jahrzehnts war die Zahl der verkauften CDs von 197 Mio. auf 107 Mio. und die der Singles von 52 Mio. auf 9,5 Mio. Stück eingebrochen.

my45.de: Freizeit-DJ-Bauer investiert in Maschinen zur Herstellung von Vinyl-Tonträgern

Obwohl ringsherum alles zusammenbrach, hatte Freizeit-DJ Bauer seine gesamten Ersparnisse und ein bisschen mehr in Maschinen zur Herstellung von Vinyl-Tonträgern investiert. „Zuerst war es nur eine Spinnerei“, berichtet er. Sein Kumpel betrieb einen Vertrieb von Reggae-Platten. Beide waren sie Kunden des Frankfurter Plattenherstellers. Als sie in dessen verwaister Halle mit all ihren Maschinen standen, kam ihnen die Idee, selbst Platten zu pressen.

Bauer ließ der Gedanke nicht mehr los. Er setzte sich mit dem Insolvenzverwalter in Verbindung, der die Maschinen nur en bloc veräußern wollte. „Ich selbst wollte nur Singles pressen“, erzählt er. Doch er hörte sich um und fand einen Käufer in Frankreich, der die Technik zur Herstellung von LPs übernehmen wollte.

Der Kaufvertrag beim Insolvenzverwalter war just unterschrieben, als beim Franzosen die Finanzierung platzte. „Da saßen wir nun auf 40 Maschinen und hatten nicht im geringsten die Mittel, sie zu bezahlen“, lacht Bauer.

Heute kann er Lachen. Damals verbrachte er schlaflose Nächte. Es gab nur eine Chance: schnell neue Käufer finden. Wider Erwarten gelang ihnen das innerhalb von acht Wochen. Zwar erzielten sie nicht die erhofften Preise. Doch mit Hängen und Würgen reichte es, um die offene Rechnung zu begleichen.

Der gelernte Radio- und Fernsehtechniker wird Experte in Sachen Vinyl

Damit war eine Hürde genommen, andere folgten. Etwa die Bedienung der Maschine. Der gelernte Radio- und Fernsehtechniker Bauer fuchste sich nach und nach in die Materie ein, holte Rat bei früheren Bedienern und Wartungstechnikern seiner „Toolex Alpha 702 7″ automatic press“ – und machte sich mit dem hydraulischen und pneumatischen Drumherum vertraut.

„Es gab ja keinen offiziellen Support mehr“, erklärt er. Auch das Mastern der Aufnahmen für die Vinyl-Pressungen, bei denen Höhen und Bässen engere Grenzen gesetzt sind als bei CD, MP3 & Co. brachte er sich selbst bei. Und schließlich lernte er auch das Anfertigen der Matrizen.

Für jede Single-Seite stellt der Gründer in Kooperation mit einem Zulieferer eine Pressmatrize aus Nickel her. Ein mehrstufiger Prozess, der damit beginnt, dass seine Kunden ihre Musikstücke als Dateien beim Cloud-Dienst sendspace.com ablegen. Meist sind es Bands und Musikverlage, die im Schnitt 300 bis 400 Tonträger bestellen.

Bauer bearbeitet und mastert die Aufnahmen und zieht das Audiosignal mit einer Spezialmaschine als Rille in Lackfolie auf einer Aluminiumscheibe, die er von einem US-Hersteller bezieht . Die gerillte „Lack-Single“ geht zum Galvanisator, der sie hauchdünn versilbert und anschließend die Nickelschicht aufbringt, in der sich die Rillen als Negativ abdrücken.

Zwei solcher Pressmatrizen spannt Bauer dann in die Maschine ein. Für jede Pressung formt sie Vinyl-Granulat zu einem Rohling, der bei 180 °C zur Single samt Label gepresst wird. „Die fertige Single wird noch in der Maschine abgekühlt“, erläutert er.

Vinyl-Pressen bei my45.de: Eine Auflage von 500 Singles kostet bis zu 1500 €

Allein die Herstellung der Pressmatrizen kostet 240 €. Energie- und Materialkosten kommen hinzu. Außerdem druckt und trocknet der Gründer die Labels und bietet gedruckte Cover an. Je nach Aufwand der Gestaltung, Farb- oder Schwarzweiß-Druck, Farbe des Vinyls kommen für eine Auflage von 500 Singles 1000 € bis 1500 € zusammen.

Seine Kunden sind bereit, diese Preise zu zahlen. „Die Aufträge kommen kontinuierlich, obwohl ich eigentlich nie Werbung mache“, freut sich Bauer, der nie einen Businessplan geschrieben oder Fremdkapital aufgenommen hat.

Obwohl der Single-Markt im Zeitraum seiner Gründung abermals von 9,5 Mio. auf 2,9 Mio. Stück eingebrochen ist und auch DJs inzwischen fast nur noch mit Laptop arbeiten, hat sich Bauer im Markt behauptet. Mittlerweile gibt es andere Anbieter, die für kleines Geld Einzelexemplare in Vinyl anfertigen. Sie ziehen die Rillen per Diamant direkt in Vinyl-Rohlinge. Bauer weiß darum, fürchtet aber keine Konkurrenz. „Für größere Auflagen ist das ungeeignet, weil die Fertigung einer solchen Platte so lange wie die Abspielzeit dauert und die Diamanten doch recht schnell abnutzen“, sagt er. Zudem wüssten gerade Klassik- und Jazz-Liebhaber den weicheren Sound der gepressten Scheiben zu schätzen. Trotz aller Übersichtlichkeit sei im Vinyl-Markt für beide Konzepte Platz.

Seine Gründungsidee ist aufgegangen. Weil er die Arbeit allein nicht schafft, arbeitet inzwischen seine Freundin mit. Die Umsätze der Manufaktur reichen beiden zum Leben.

 

Ein Beitrag von:

  • Peter Trechow

    Peter Trechow ist Journalist für Umwelt- und Technikthemen. Er schreibt für überregionale Medien unter anderem über neue Entwicklungen in Forschung und Lehre und Unternehmen in der Technikbranche.

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