Gründer 12.07.2002, 18:20 Uhr

Mit Tarnanzug aus Barthaar auf Kapital- und Kundensuche

Aus feinen Härchen von roten Blutkörperchen „strickt“ ein Aachener Start-up Verkleidungen für künstliche Organe. Implantationen werden dadurch weniger riskant.

Der Fortschritt kommt unscheinbar daher: Als weiße Flocken im Plastikröhrchen. „Das sind feine Härchen, die wir von roten Blutkörperchen quasi abrasiert haben“, erklärt Roland Horres (40), CSO und Gründer der Hemoteq GmbH in Würselen bei Aachen. Zweck der Rasur: Andere Blutkörperchen sollen getäuscht werden. Normalerweise gerinnen sie, wenn sie mit Oberflächen ohne diese Härchen in Berührung kommen. Träger von Implantaten müssen deshalb ein Leben lang Medikamente schlucken. „Der Patient wird künstlich zum Bluter gemacht und trägt ein erhöhtes Risiko, innere Blutungen zu erleiden“, erklärt Horres. Geht es nach ihm und seinem Mitgründer Michael Hoffmann (32) ist das bald Vergangenheit. Denn die beiden Chemiker wollen die „Bartstoppeln“ nutzen, um etwa Herzklappen oder Bypässe blutverträglich zu beschichten. „Wir ziehen dem künstlichen Objekt einfach einen Tarnanzug an“, sagt Hoffmann.
Die Geschäftsidee kam den beiden Gründern während ihrer Promotion an der FH Aachen. „Aber niemand kauft eine Idee“, sagt Hoffmann, inzwischen CEO. Also legten beide die Doktorarbeit auf Eis und gründeten 2000 Hemoteq Nanocoating Design. Auch wenn derzeit kein marktreifes Produkt existiert, erwirtschaften die 15 Mitarbeiter bereits Umsatz. „Wir erstellen Machbarkeitsstudien für andere Unternehmen“, erklärt Hoffmann. 2001 kamen so rund 100 000 @ zusammen. Dieses Jahr sollen es 1 Mio. @ werden.
Für den Herbst erwartet das Team die Zulassung für ein erstes Beschichtungssystem. Zunächst ist an medizintechnische Anwendungen gedacht, später auch an bio- und elektrotechnische. Kaufen sollen das Produkt die Hersteller. In deren Werken soll auch beschichtet werden. In Ausnahmefällen wollen die Gründer aber auch in Aachen lackieren. „Wenn es sich um sehr kleine Stückzahlen handelt und sich der Aufwand für unseren Kunden sonst nicht lohnen würde.“
Bisher steckte das Duo nur wenig Energie in Kundenwerbung. „Die meisten Geschäftspartner haben wir auf Messen getroffen.“ In Zukunft will Hemoteq aber aktiver werden. „Dafür haben wir gerade jemanden eingestellt.“ Wie die Produkte vermarktet werden sollen, steht noch nicht fest. Wahrscheinlich ist ein Mix aus Lizenzvergabe und Abgabe pro Stück.
Um ein Haar wäre auch Hemoteq der New Economy Krise zum Opfer gefallen. Mitte 2001 drohte die zweite Finanzierungsrunde zu scheitern. „Anfangs waren wir noch davon ausgegangen, sehr schnell viel Kapital zu guten Bedingungen zu bekommen“, erinnert sich Hoffmann. „Aber es wurde von Tag zu Tag schwerer.“
Dabei hatten die Investoren dem Unternehmen bei der ersten Finanzierungsrunde vor drei Jahren das Geld hinterher geworfen. „Wir hatten einen Business-Plan-Wettbewerb gewonnen und konnten uns den VC sozusagen aussuchen“, erinnert sich Horres.
Doch mittlerweile hat sich der Markt um 180 Grad gedreht. „Es herrscht ein unglaubliches Sicherheitsdenken“, klagt Hoffmann. Bei rund 35 VCs fragten er und Horres an. „Viele waren interessiert an einem Co-Investment, aber keiner wollte den Lead übernehmen. Andere haben mit komischen Begründungen abgesagt. Später stellte sich dann raus, dass sie selber Probleme hatten.“ Hinzu kam: Damals konnten die Gründer noch nicht beweisen, dass ihr Vorhaben funktioniert. „Jetzt können wir das“, unterstreicht Horres.
Nach acht Monaten Geldsuche beteiligte sich High Tech Private Equity aus Düsseldorf an Hemoteq. Details des Deals mag das Gründer-Duo nicht preisgeben. „Logisch, dass wir vergleichsweise mehr Anteile für das Geld hergeben mussten als früher“, sagt Hoffmann. Clever: Gründer und VC heckten eine Art umgekehrte Meilenstein-Regelung aus. „Wir haben die einseitige Option auf zwei weitere Finanzspritzen. Die wollen wir aber nur einlösen, wenn die Firma nicht mit eigenen Umsätzen über die Runden kommt.“ Der Preis für die Extrawurst: „Der VC hat die ersten Anteile relativ billig bekommen“, so Hoffmann. Geht die Rechnung auf, ist Hemoteq bis 2005 mit Kapital versorgt. Wie es dann weitergeht, ist offen. An einen Börsengang scheint die Geschäftsführung nicht recht zu glauben. Sie hält einen Trade Sale für realistischer. „Wenn man sich mal anschaut, wie sich Biotech-Unternehmen entwickeln, sieht man, dass die meisten früher oder später aufgekauft werden“, meint Horres. „Wichtig ist, dass am Ende die Kasse stimmt.“
Sein Rat an Gründer in spe: Nicht alles glauben, was Berater erzählen. Er und Hoffmann erstellten anfangs nämlich auch mal die eine oder andere Studie ohne Gegenleistung. Weil man ihnen sagte, das sei nötig, um einen Fuß in die Tür zu kriegen. „Heute würden wir nicht mehr so anfangen“, sagt Hoffmann. „Man soll sich nicht zu billig verkaufen.“ SILKE LINNEWEBER
www.hemoteq.com

Von Silke Linneweber
Von Silke Linneweber

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