Gründer 01.06.2001, 17:29 Uhr

Mit Algen ist nichts unmöglich

Es müssen nicht immer innovative Softwarelösungen oder E-Business-Konzepte sein, mit denen sich die Unternehmer der Zukunft selbstständig machen – es können auch Algen sein. Algen? In Bremerhaven versucht ein Jungunternehmer genau damit sein Glück zu machen.

Grell-blaue Neonlampen tauchen die kleine Fabrikhalle in Bremerhaven in ein überirdisches Licht. In einer Ecke brummt ein Kompressor, der Pressluft in mannshohe Plexiglastanks bläst, in denen eine grünliche Flüssigkeit blubbert. Eine ähnliche „Brühe“ – nur etwas dunkler – schwabbelt in Einliter-Trinkwasserflaschen in einem Wandregal.
Aus einer Tür im Hintergrund der Halle taucht der Hexenmeister all dieser brodelnden Brühen auf, Bernd Kroon. „Algen“, strahlt er und zeigt in die Runde, „alles Algen“.
In der roten Backsteinhalle auf dem Hafengelände von Bremerhaven, wo noch vor kurzem Fische versteigert wurden, hat sich der promovierte Meeresbiologe Kroon mit drei Mitarbeitern selbstständig gemacht – als Algenzüchter im industriellen Maßstab. In den Hallen um ihn herum werden noch immer Fische filetiert. Mit seinem Start-up-Unternehmen „Kroon Aqua“ ist er auf dem Hafengelände ein Exot.
Und das ist er auch unter den Start-ups in Deutschland. Keine Computer, kein E-Business, sondern Algen. Doch der Markt für diese Winzlinge aus dem Meer ist – zumindest potenziell – riesig: Lebensmittel, Tierfutter, Wasserreiniger. Nichts ist unmöglich. „Sogar Dieselöl könnte ich mit Algen produzieren“, so der 38-Jährige.
Dass er so falsch mit seinen Visionen nicht liegen kann, haben ihm die beiden Existenzgründerpreise bewiesen, die ihm in diesem Jahr über 100 000 DM eingebracht haben.
Und die kann er gut brauchen, denn sein Unternehmen finanziert er aus eigener Tasche, über Darlehen und aus Förderprogrammen des Landes Bremen. Auf Venture-Capital hat er verzichtet, um nicht von den Kapitalgebern zum Börsengang veranlasst zu werden. Kroon möchte die Kontrolle über sein Unternehmen behalten. „Dafür gehe ich eben auch das höhere persönliche Risiko ein.“
Kroon bleibt vor einem der Plexiglas-Aquarien stehen, schaut liebevoll in das bräunlich-grüne Geblubbere. Milliarden von Algen tummeln sich dort, bisweilen sind sie so klein, dass in einem Wassertropfen mehr Algen Platz haben als Menschen auf dieser Welt. Doch wenn es auch scheint, als könne sich der gebürtige Niederländer Kroon kaum von seinen kleinen Lieblinge trennen, so ist er doch ein nüchtern denkender Realist und verfolgt zunächst ein ganz profanes Ziel: die industrielle Fischfutter-Produktion.
„Angesichts der Überfischung der Meere werden Fischfarmen immer größere Bedeutung gewinnen“, ist sich der Wissenschaftler Kroon sicher. Und was werden Lachs und Forelle auf der Fisch-Farm fressen? „Algen“, hofft der Unternehmer Kroon.
Die aber gibt es in abgepackter Form bislang nirgendwo auf der Welt. So ist das, was da in der ehemaligen Bremerhavener Fischhalle blubbert, eine echte Innovation. Und das ist nur der Anfang. Denn Mikroalgen gelten auch als wertvolle Lieferanten von Proteinen und Vitaminen, enthalten außerdem natürliche Abwehrstoffe (sogar gegen Sonnenbrand) und ungesättigte Fettsäuren, die für den Menschen lebenswichtig sind.
Nannochloropsis, Tetraselmis, Isochrysis und wie sie alle heißen sind allerdings Sensibelchen, die, je nach Gemütslage, wenige Sekunden oder viele Wochen leben, sich explosionsartig vermehren oder das Wachstum einstellen.
Kroon schreckt das nicht: „Ich habe schließlich zwölf Jahre lang Tag und Nacht mit den kleinen Viechern verbracht“, lacht er und zieht sich in sein spartanisches Büro zurück. Eine magere Sitzgruppe, Schreibtisch, eine Pflanze, die eindeutig weniger Zuneigung erfährt als seine Algen, ein paar alte Tassen fürs Nötigste.
„Ich habe 30 Publikationen über Algen geschrieben 1000 Menschen haben sie gelesen, 100 haben sie verstanden, zehn waren begeistert. Und mit drei Leuten konnte ich mich darüber unterhalten“, erzählt Kroon. Irgendwann war ihm das zu wenig und er tauschte seinen sicheren Wissenschaftler-Sessel am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung gegen den wackeligen Unternehmerstuhl.
Dass er vor Jahren sein Biologie-Studium für einen Ausflug in die Prozesstechnik unterbrach, zahlt sich heute aus. „Denn die Herausforderung der Algenzucht steckt im scheinbar Unmöglichen“, sinniert Kroon und schwenkt einen kleinen Kolben mit einer grünen Flüssigkeit: „Wie mache ich aus einem zufälligen, dynamischen Bio-Vorgang einen berechenbaren Prozess, an dessen Ende ein Produkt von gleichbleibender Menge und Qualität steht?“
Ein bestimmtes Quantum Licht als Energiequelle für das Wachstum Nährlösung in einer definierten chemischen Zusammensetzung, die passende Temperatur, die richtige Strömungsgeschwindigkeit, ein exakter Sauerstoffgehalt – aus den Labor-Parametern formulierte Kroon ein Standard-Rezept „mit einem kleinen Kicks dazu“ als Betriebsgeheimnis.
Schon hält es ihn nicht mehr in seinem Bürostuhl, und er verschwindet wieder in der Halle. Hier sieht es aus wie in einem Hobbykeller. Zwei Mitarbeiterinnen befestigen Stromkabel an Neonröhren, die als Lichtquelle auf die Wassertanks gesetzt werden. Denn die Tanks für seine Zucht hat er selbst entwickelt und baut sie auch selbst, zusammen mit seinen Mitarbeitern.
Diese Tanks haben etwas von einer dicken Thermopane-Scheibe: Zwei gut 160 cm mal 160 cm große, innen stark profilierte Plexiglas-Scheiben, – damit die Algen Halt finden – werden im Abstand von einigen Zentimetern zu einem schmalen Tank verklebt.
Ein knappes Dutzend dieser Tanks zieht sich an den Wänden der kleinen Halle entlang, voller brodelnder grüner Algenbrühe. Freundlich aber bestimmt achtet Kroon darauf, dass Fremde den Tanks nicht zu nahe kommen: Betriebsgeheimnisse. „Wir haben hier einiges zum Patent angemeldet.“
Über anderes redet er dagegen freimütig. Den Rohstoff, Algenkonzentrat, kauft er in den USA ein, zehn Dollar für einen Milliliter. Innerhalb von vier Wochen werden daraus 6 m3 Fischfutter „Aquatim“, das Kroon zurzeit halbliterweise für 47,50 DM an Hobby-Fischzüchter, Zoos und Aquarienbetreiber verkauft.
Doch das ist nur der erste Schritt in Richtung großes Geld. „Von irgendwas muss man ja leben“. Wirtschaftlich interessant wird das Unternehmen erst in einigen Monaten, wenn Kroon tatsächlich die für Fisch-Farmen erforderlichen Algen-Mengen produzieren kann. Dann werden in der kleinen Halle an die 36 Tanks vor sich hin brodeln.
Damit will es der fröhliche Jungunternehmer aber nicht bewenden lassen. Wie Algen zur Gülle-Beseitigung und Abwasserreinigung eingesetzt werden können, hat er bereits während seiner Studentenzeit untersucht. Auch die Dieselöl-Produktion aus Algen scheitert nur an den billigen Ölpreisen. Vielleicht klappt es ja mit der Algenproduktion im Weltall. Im Labor hat er das lebende Lunchpaket für Marsastronauten bereits zusammengestellt. Kroon ist nicht zu bremsen. Doch jetzt geht es erst einmal darum, dass aus den roten Zahlen nicht nur im Business-Plan eine schwarze Null wird. Schlaflose Nächte bereitet ihm das keine: „Man hat im Leben nur zwei oder drei richtige Chancen. Das Gefühl, sie verpasst zu haben, würde mir mehr schlaflose Nächte bereiten.“
So wird die grüne Brühe weiter im grellen Neonlicht blubbern. Und während nebenan die Fisch-Filetierer nach Hause gehen, bastelt Kroon schon wieder an einem neuen Tank. WOLFGANG HEUMER

Von Wolfgang Heumer
Von Wolfgang Heumer

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