Politik 16.06.2015, 12:00 Uhr

Migration belebt Unternehmertum in Deutschland

Einwanderer kommen nach Deutschland, um ihre Perspektiven zu verbessern. Das hohe Maß an Eigeninitiative spiegelt sich in den Gründungsstatistiken: Jeder fünfte Gründer, der Rat bei den Industrie- und Handelskammern (IHK) im Lande sucht, hat einen Migrationshintergrund.

Ein kleines Rätsel: 182.000 waren es 2013. Tipp: Die Zahl hat etwas mit Migration zu tun. Es geht aber nicht um Asylanträge. Deren Zahl lag im betreffenden Jahr bei 109.580. Und auch wenn Bilder von vollen Flüchtlingsunterkünften anderes suggerieren, waren es auch 2014 nur 173.000 Erstanträge auf Asyl. Des Rätsels Lösung: 182.000 Einwanderer wagten hierzulande 2013 den Schritt in die Selbstständigkeit.

Seit Jahren sind Migranten stark am Gründergeschehen beteiligt. Vor zehn Jahren lag ihr Anteil bei 15%. Aktuelle Erhebungen von KfW und DIHK zeigen, dass inzwischen jedes fünfte deutsche Unternehmen von ihnen ins Leben gerufen wird. Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) meldete jüngst gar, dass aktuell die Hälfte aller Firmen in Deutschland von Menschen „mit ausländischen Wurzeln“ gegründet wird. Trotz aller statistischen Unschärfen bleibt die überraschende Erkenntnis: Die Zahl der gründenden Migranten liegt deutlich über der Zahl der ankommenden Flüchtlinge.

Überraschend ist diese Erkenntnis allerdings nur auf den ersten Blick. Denn es ist das Wesen der Migration, dass Menschen aufbrechen, um ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie wechseln den Standort, um ihre Perspektiven zu verbessern. Und als Unternehmer in eigener Sache sehen und ergreifen sie Chancen, von denen sie sich ein besseres Leben versprechen. Dieser Geist spiegelt sich im hohen Gründeranteil.

Ein Viertel der Gründer mit ausländischen Wurzeln startet im Handel. Andere suchen in Gastronomie und mit Dienstleistungen ihr Glück. Doch auch der viel beachtete Start-up-Boom in Berlin lebt von Zuwanderern aus allen Teilen der Welt. Und in Technologieparks sind ebenfalls viele Gründer anzutreffen, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben.

Einer von ihnen ist Assi Rutzki. Aufgewachsen in einem Kibbuz kam der Israeli vor knapp 20 Jahren nach Berlin und baute hier mit Freunden einen Online-Shop für Akkus auf. Er lernte dabei viel über die Qualität verschiedener Anbieter aus Fernost, tauschte sich darüber regelmäßig mit Batterieexperten aus Israel aus – und erwarb so das Know-how für seine nächste Gründung. Seit 2011 ist er Geschäftsführer der Enerdan, die im Berliner Technologiepark Adlershof Batteriesysteme für Kunden in aller Welt entwickelt. „Zu uns kann jeder kommen, ob auf der Suche nach einer Batterielösung für Prototypen, Klein- oder Großserien“, sagt er. Zur Kundschaft zählen Start-ups, etablierte Hersteller von mobilen Systemen und Forschungsinstitute.

Rutzki sieht zwei Erklärungsansätze dafür, dass es unter Deutschlands Gründern so viele Migranten gibt. „Es gibt bei Deutschen so eine Arbeitnehmermentalität. Sie sind eher risikoscheu und sehr auf Sicherheit bedacht“, sagt er. Umgekehrt kennt er einige Beispiele, in denen sich hoch qualifizierte Migranten selbstständig gemacht haben, um es sich und anderen zu beweisen. „Teils sind sie in Deutschland geboren und haben sogar einen deutschen Elternteil. Doch haben sie sich am Arbeitsplatz im Vergleich zu deutschen Kollegen unterbewertet gefühlt“, berichtet er. Im eigenen Betrieb gebe es solche Gedanken nicht.

Rutzki selbst ist vom Gründerstandort Deutschland überzeugt. Die gute Infrastruktur, die Mentalität, die industrielle und wissenschaftliche Basis – all das kompensiere Sprachprobleme und die zuweilen erlebte Hochnäsigkeit mancher Einheimischer. Der Gründer plant deshalb mit Investoren aus seiner früheren Heimat einen Inkubator in Berlin, der Technologie-Start-ups aus Israel den Sprung nach Deutschland erleichtern will und auch für andere Gründer offen sein soll.

In Berlin wimmelt es von Technologiegründern, deren familiäre Wurzeln in alle Welt reichen. Sei es Seriengründer Corné van Puijenbroek mit seiner TraceWave, die Chips und Funktechnik zur relativen Ortung entwickelt. Ijad Madisch, Kopf des globalen Wissenschaftsnetzwerks ResearchGate. Ramin Mokhtari, der mit seiner ICE Gateway antritt, um Straßenlampen in Netzwerkknoten intelligenter urbaner Infrastrukturen zu verwandeln. Oder der US-Amerikaner Anton Nagy, der einst zum Studieren in die Niederlande ging, als Ingenieur bei Chemiekonzernen arbeitete und dann in Berlin die Integrated Lab Solutions (ILS) zum Bau von Reaktoren für Labors und Pilotanlagen gründete. „Ich hätte überall gründen können. Und vielerorts hätte ich wahrscheinlich weniger Steuern zahlen müssen“, sagt er. Doch das Lebensgefühl sprach für Berlin. Super Spielplätze, Familien auf Fahrrädern, Kultur satt und nicht zuletzt: Wohnviertel ohne bewaffnete Sicherheitsleute.

Auch was die Steuern betrifft, klagt Nagy nicht. „Der Return stimmt“, sagt er. Positiv hervor hebt er unter anderem die gute Hochschullandschaft. Profitiert habe er aber vor allem auch von staatlichen Förderprogrammen. So seien ihm Neueinstellungen durch die teil- und phasenweise Übernahme von Lohnkosten erleichtert worden. Solches „De-Risking“ sei für junge Firmen eine große Hilfe.

In Berlins babylonischer Gründer-Szene sind das oft gehörte Argumente. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus ihrer Heimat loben Gründer die niedrigen Kosten, das hohe Ausbildungsniveau und den liberalen Geist. David Knight ist Teil dieser Szene und als Mitgründer von Silicon Allee (siliconallee.com) zugleich ihr Chronist. Das Portal versteht sich als Stimme der Start-ups und Technologiegründer aus der Hauptstadt und als ihre Verbindung zum Rest der Welt. Seit gut acht Jahren lebt der Londoner Knight in Berlin und erlebt Wandel pur. Unter anderem durch die Niederlassungsfreiheit in der EU kämen immer mehr Leute in die Stadt, die sich mit ihren Unternehmen auf eigene Beine stellten. „Mittlerweile wird in Berliner Start-ups ganz selbstverständlich Englisch gesprochen, weil Leute aus allen Teilen der Welt zusammenarbeiten“, sagt er.

Knight ist überzeugt, dass diese bunte Mischung der Kulturen die zentrale Erfolgsformel für den Gründerboom in der Hauptstadt ist. Sie entwickele eine Schubkraft, die neben geografischen inzwischen auch mentale Grenzen überwinde. „Heute treffen wir in der deutschen Gründerszene Absolventen von Business Schools, die vor ein paar Jahren noch sicher bei Siemens, Daimler oder der Telekom gelandet wären. Es wächst das Bewusstsein, dass eine eigene Firma durchaus eine Karriereoption ist.“

Von P. Trechow

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