Gründer 20.04.2001, 17:29 Uhr

„Mausmodelle“ gegen Krebs

Ein eigenes Unternehmen gründen und Geld verdienen wollte Christine Schulze-Garg schon als junges Mädchen. Heute handelt sie mit Mäusen.

Mäuse werden in der Forschung als Modellorganismen für den Menschen eingesetzt. Sie stehen bei der Erforschung der Funktion menschlicher Gene hoch im Kurs. Ihr genetische Bauplan stimmt in großen Teilen mit dem des Menschen überein. 15 000 DM bis 100 000 DM bringt so ein kleiner Nager aus dem Biotechnologie Start-up Mice & more GmbH & Co. KG, das Christine Schulze-Garg 1999 gegründet hat. Hier werden einzelne Gene der Maus gezielt verändert und auf diese Weise „Mausmodelle“ für menschliche Erkrankungen erzeugt. An ihnen werden die Entstehung und Entwicklung von Krankheiten erforscht, die Wirkung neuer Therapien und bislang unerprobter Medikamente beobachtet.
Mice & more hat sich einen solchen Modellorganismus für ein Frühstadium des Brustkrebs patentieren lassen – das DCIS-Mausmodell (Ductales Carcinoma In Situ). Daran werden diagnostische Verfahren entwickelt, mit denen sich die genaue Stufe der Tumorentwicklung bestimmen lässt. Daraus wiederum können eine individuelle Risikoabschätzung und eine Therapieempfehlung für betroffene Patientinnen abgeleitet werden. „Neben Tiermodellen für die eigene Forschung werden bei Mice & more im Auftrag auch andere Mausmodelle generiert“, erläutert Christine Schulze-Garg einen zweiten Geschäftsbereich ihres Unternehmens. „Wir stellen zum Beispiel auch Modelle für Erkrankungen des zentralen Nervensystems oder für Herz-Kreislauf-Erkrankungen her.“
Die Nachfrage nach dem DCIS-Mausmodell ist groß. Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr 45 000 Frauen an Brustkrebs, weltweit etwa 800 000. Brustkrebs ist bei Frauen die häufigste unter den etwa fünfzig Krebsarten, die heute bekannt sind. Rund 100 Kunden aus Universitäten der internationalen Biotech- und Pharmabranche lassen bei Mice & more forschen. Validierte Mausmodelle kosten etwa 1 Mio. DM, klinische Studien sind schon für 200 000 DM bis 300 000 DM zu haben. Etwa zwei Jahre Laufzeit werden für einzelne Projekte angesetzt. „Im Februar hatten wir einen Auftragsbestand von einer Million“, so die Geschäftsführerin stolz. Angesichts der hohen Investitionskosten rechnet sie ab Ende 2003 mit den ersten Gewinnen. Bis dahin soll das Unternehmen von heute 15 auf 40 Mitarbeiter wachsen, der Umsatz auf etwa 9 Mio. DM steigen. Die Geldgeber – die Nordholding, BTG (Beteiligungsgesellschaft Hamburg) sowie Business Angels – haben sich auf langfristige Investitionen eingestellt. „Wir lassen uns nicht an die Börse hetzen“, hat die heute 34-jährige Christine Schulze-Garg von Anfang an erklärt.
Der Anfang: Nach Studium und Promotion in Göttingen arbeitete die Wissenschaftlerin zunächst im Heinrich-Pette-Institut für Virologie und Immunologie an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf. „Nach der Auflösung meiner Arbeitsgruppe, die sich mit der Rolle des Immunsystems bei der Krebsentstehung beschäftigte, war für mich die Entscheidung fällig, in der Wissenschaft zu bleiben oder mich selbständig zu machen.“ Die Unternehmensidee lag angesichts der vorangegangenen Forschungsprojekte auf der Hand, „aber bei der Umsetzung war ich ganz realistisch. Mir fehlte schlicht die betriebswirtschaftliche Erfahrung, ohne die ein Unternehmer einfach nicht auskommt“, sagt Christine Schulze-Garg. Den Gedanken an ein zusätzliches MBA-Studium verwarf sie schnell, die Forscherin zog es zum Lernen in die Praxis. Deshalb bewarb sie sich zunächst bei der renommierten Unternehmensberatung McKinsey & Company. Noch in der Phase des gegenseitigen Kennenlernens traf sie dort auf Dr. Ingo König. Der Senior Projektleiter war fasziniert von dem Gedanken, ein Life-Science-Unternehmen um genetisch veränderte Mäuse herum aufzubauen. Und so landete die Wissenschaftlerin nicht im Consulting, sondern der Unternehmensberater in der Forschung.
Im April 1999 entwickelte das Duo den Businessplan für ihr Unternehmen, im Juni fanden die ersten Gespräche mit den Geldgebern statt, im September startete Mice & more als Spin-off des Heinrich-Pette-Instituts. Obwohl sie sich die Geschäftsführung mit Ingo König teilt, ist Christine Schulze-Garg mehr mit der unternehmerischen Leitung von Mice & more als mit der Forschung beschäftigt. Eine Entwicklung, die sie nicht bedauert. „Meine Arbeit ist genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe, und sie macht mir großen Spaß.“ Deshalb ist auch nicht geplant, Mice & more zu verkaufen oder in eine andere Firma einzugliedern. Die Verbindung zu den Partnerunternehmen wie Visgenyx Animal Models in Tartu, Estland, oder zur Hamburger Artus GmbH ist eher als Netzwerk zu verstehen. „Ich möchte gern für jeden Tumor einen speziellen Chip entwickeln. Dort wird dann die Patientenprobe aufgebracht und computergestützt ausgewertet“, so Christine Schulze-Garg über ihre Vision von der Mäuseforschung. Am Ende solle eine individuelle Therapie für die Tumorerkrankung jedes Patienten stehen.

Ein Beitrag von:

  • Sabine Wiermann

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