Gründer 04.05.2001, 17:29 Uhr

Internet global – Standort egal?

Nur etwa jeder zehnte Gründer analysiert systematisch, wo der für ihn optimale Standort liegt. Die meisten lassen sich nieder, wo sie studiert haben oder das Eigenheim steht. Lokale Förderprogramme locken weniger als der Speckgürtel der Old Economy.

Das Internet ist global – der Standort also egal», meint ein Gründer. Denkste. Die meisten dot.com-Start-ups finden sich in Deutschland in einem Band, das von der Region Rhein-Ruhr über Frankfurt und Stuttgart bis nach München reicht. Daneben klumpen sich Jungunternehmen in Berlin und Hamburg. Gemeinsam mit dem Magazin Focus hat der Lehrstuhl für Entrepreneurship an der „European Business School“ in Oestrich-Winkel die Standortwahl der jungen Internet- und Multimediabranche analysiert. Dafür wurden fast 9000 Firmen mit dem Schwerpunkt Internet und E-Commerce befragt, die seit 1993 in Deutschland gegründet worden sind.
Mehrere Faktoren führen zum Konzentrationseffekt, so Projektleiter Lutz Krafft. Die Internet-Gründer siedeln zum einen im Speckgürtel der traditionellen Wirtschaft, da sie für diese Dienstleistungen anbieten. Andererseits bescheren Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungsinstituten Städten wie Bonn, Karlsruhe oder Darmstadt mehrere Softwareschmieden.
In Ballungszentren haben die Start-ups außerdem einen leichteren Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern. Nur serviceorientierte Firmen, die die Nähe zu Kunden suchen und den starken Wettbewerbsdruck der Ballungszentren meiden wollen, sehen ihre Chancen auch in strukturschwachen Regionen. „Wir sind der einzige Anbieter vor Ort“, so ein Gründer aus Oststeinbeck.
Die Metropole der New Economy ist zur Zeit München. Hier finden sich die meisten Unternehmen und das beste Marktumfeld. Auszusetzen haben die Gründer hier aber die horrenden Personal- und Mietkosten. Auf den Plätzen 2 und 3 landen Berlin und Hamburg. Fachkräfte und freie Büro- und Gewerbeflächen gibt es an der Spree noch im Überfluss. Die Gründer schätzen besonders die „Szene“ und den internationalen Flair der Stadt. „Berlin ist immer und wird nie, d.h. der Wandel ist allgegenwärtig. Das passt hervorragend zur net-economy!“, so ein Liebesbekenntnis im Fragebogen. Hamburgs lokales Marktpotential erreicht jedoch bessere Werte.
Köln, Frankfurt und Stuttgart besitzen den Vorteil, gewichtige Medien-, Finanz- und Industrie-Standorte zu sein. Frankfurt (Platz 4) und Stuttgart (6) bezeichnen die Forscher als Geheimtipps. Das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen verzeichnet mit 2106 die meisten Jungunternehmer von allen Ländern. Mit Köln, Düsseldorf, Bonn, Dortmund, Bielefeld, Wuppertal und Duisburg befinden sich sieben der insgesamt 20 Top Standorte in NRW.
Ausschlaggebend für das Ranking sind vier Faktoren: die Zahl aktiver Gründungen unabhängig von deren Geschäftsmodell, die Zahl der Mitarbeiter je Unternehmen, die Attraktivität der Region aus der Sicht der Gründer und die Einschätzung des lokalen Marktpotentials. Letzteres trifft nur eingeschränkt auf Firmen zu, die bundesweit oder international agieren.
Dabei entscheidet sich kaum ein Firmengründer bewusst für einen Standort. Nur etwa 12 % haben eine systematische Analyse durchgeführt. Bei den meisten Gründern hat sich das halt so ergeben – sie haben ihren Firmensitz im Ort, wo sie arbeiten, studieren, wo ihre Familie lebt und das Eigenheim steht. Ein Jungunternehmer ging noch zur Schule, ein anderer betrieb die Firma in den ersten Jahren lediglich als Nebenjob, ein dritter konnte sich die Büroräume zu Hause einrichten. Das persönliche Netzwerk ist wichtig, denn die ersten Kunden und Geschäftspartner werden im Bekanntenkreis akquiriert. Die realen Bindungen halten die kleinen, häufig virtuellen Unternehmen davon ab, ihren theoretisch hohen Freiheitsgrad auszunutzen. Mit dem Wachstum der Firma wechseln jedoch fast ein Viertel die Stadt. Zu den mobilsten zählen die VC-Finanzierten.
Eine hohe Lebensqualität und ein gutes Klima wirken als Gründermagnet. Am liebsten lassen sich Existenzgründer in attraktiven Innenstadtlagen mit kurzen Wegen und einer aktiven Szene nieder. Die städtischen und regionalen Förderprogramme und die gemeinsame Ansiedlung in Zentren werden in den Überlegungen der Gründer eher vernachlässigt.
Dennoch können Städte bzw. Bundesländer etwas tun, sagt Lutz Krafft. Da wäre erstens der bezahlbare Büroraum. Die einzige Stadt, die sich in dieser Hinsicht positiv hervortue, sei Berlin. Des weiteren sollte man sich um das Standort-Marketing kümmern. Die Politik könne das viel zitierte Networking nach Kräften fördern, indem sie Begegnungsmöglichkeiten schaffe: etwa durch Gründerwettbewerbe, Veranstaltungen, vermittelte Kontakte zu Business Angels. Und zuletzt: „Zig Mal haben wir auch von der Entbürokratisierung gehört: Wie schnell kann ich die Firma registrieren und Fördergeld bekommen? Das ist zwar nichts Internet-Spezifisches, aber gilt für alle Gründer“.
Ein Teil der Untersuchung ist den neuen Bundesländern gewidmet, obwohl dort nur 5 % der jungen Internet-Firmen anzutreffen sind. Trotzdem geben sie ihrem Standort generell bessere Noten als ihre Kollegen im Westen. Als Vorteile werden der bessere Zugang zu Mitarbeitern und Büroraum, die niedrigeren Personalkosten sowie größere Förderung und Unterstützung aufgezählt. Es hapert am Image der ostdeutschen Städte und deren Lebensqualität. Die Gründerszene ist unterentwickelt, und nur wenige Großunternehmen locken mit hohen Internet-Budgets. Ansonsten verfolgen die Gründungen im Osten die gleichen Geschäftsmodelle, sind im gleichen Maße innovativ, technologieorientiert und ortsgebunden wie die westdeutschen. MATILDA JORDANOVA-DUDA

Von Matilda Jordanova-Duda

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