Ingenieure in der Raumfahrt 12.03.2018, 07:17 Uhr

Forschen auf den Schultern der ESA

Er würde gerne mehr Start-ups scheitern sehen, hält begrenzte Budgets in der Forschung für sinnvoll und ahnt, wie man Kreativität bei Ingenieuren über die Zeit retten kann. Frank M. Salzgeber, seines Zeichens Leiter für Technologietransfer und Innovationsmanagement bei der Europäischen Weltraumorganisation, im Gespräch.

Frank M. Salzgeber ist Leiter des Technologietransfers bei der ESA, war mal Gründer und begann als Wirtschaftsingenieur.

Frank M. Salzgeber ist Leiter des Technologietransfers bei der ESA, war mal Gründer und begann als Wirtschaftsingenieur.

Foto: ESA

In Deutschland verbindet man Innovationsleistung häufig mit dem Geld, das in Forschung und Entwicklung gesteckt wird. Sind die Start-ups in der Raumfahrt ein Beleg dafür, dass begrenzte Budgets nicht unbedingt der Innovationen Feind sind?

Eine monetäre Begrenzung ist immer gut, weil man dann kreativ wird. Wenn man zu viele Mittel hat, dann gibt man auch unnütz aus. Gezielte Forschung ist gut. James G. March, Emeritus der Stanford University, hat das als Balance zwischen „exploration and exploitation“, also der Forschung an sich und dem Ergebnis daraus, beschrieben. Ich finde: Jedes innovative Unternehmen und jedes Forschungsinstitut muss diese Balance haben.

Das ist meine persönliche Meinung, aber auch meine Erfahrung. Immerhin unterstützen wir jedes Jahr ungefähr 160 Start-ups, in Deutschland werden wir dieses Jahr auf 33 kommen.

Wie hält die Raumfahrt diese Balance zwischen Forschung und Erkenntnisgewinn?

Der wohl kleinste Teil der Raumfahrt ist die Forschung. Der Rest ist wirklich, Unternehmen zu helfen. Wenn Sie die Telekommunikation betrachten: Wenn Sie Ihr TV-Programm über die Satellitenschüssel kriegen, nutzen Sie Raumfahrt. Wenn Sie navigieren oder den Wetterbericht sehen, dann ist das Raumfahrt in einer rein kommerziellen Anwendung.

Wie finden die ESA und die Jungunternehmen zusammen?

Wir haben verschiedene Ideenwettbewerbe, etwa den  European Satellite Navigation Competition zur Navigation. Mit dem DLR zusammen unterstützen wir den Innospace Masters. Der ist für Ideen, die in die Raumfahrt gehen. Dasselbe machen wir für Erdbeobachtung (Copernicus Masters) und Patente – im Programm ActInSpace.

Aus diesen Ideenwettbewerben geht’s in die Inkubationszentren. Dort kriegen die Start-ups technischen Support, Zugang zu unseren Ingenieuren, Zugang zu unseren Partnernetzwerken, unsere ganzen Forschungspartner. Auf der anderen Seite helfen wir denen natürlich auch mit Marketing, mit einem Business-Modell. Üblicherweise geben wir den jungen Gründern auch noch 50.000 € für ein bisschen Prototyping. Wir wollen, dass diese Firmen wachsen, sind aber auch sehr ehrlich und sagen: „Das funktioniert und das funktioniert nicht.“

Was hat die ESA davon?

Die Iren haben so einen schönen Spruch: „Auf den Schultern der Riesen sieht man weiter.“ Und wir sind die Riesen. Wir müssen der Industrie helfen, konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt zu sein. Damit ist nicht nur Airbus gemeint oder OHB, damit sind auch diese Start-ups gemeint. Innovation kann ja in beiden Richtungen laufen.

Die Überlebensrate ihrer Start-ups liegt bei annähernd 90%. Haben Sie den idealen Auswahlprozess gefunden oder die besten Bewerber?

Um ehrlich zu sein: Unsere Überlebensrate ist zu hoch. Sie spricht dafür, dass wir zu wenig Risiko eingehen. Ich könnte durchaus mit einer Überlebensrate von 60 % leben.

Der Auswahlprozess ist derselbe, wie wenn Sie Mitarbeiter auswählen: die Technik ist meistens nicht das Problem bei unseren Leuten und unseren Firmen. Die sind wirklich gut. Deshalb schauen wir zuerst auf das Team, dann auf das Business-Modell und den Markt und dann erst auf die Technologie. Ich persönlich freue mich über jede Hardware-Firma. Denn Hardware dauert länger in der Produktion, bringt aber langfristig viel mehr Erfolg. Diese reinen Software-Start-ups sind schön, aber sehr kurzlebig. Sie verglühen wie eine Sternschnuppe und füllen oft nur den App Store von Apple.

Bei Start-ups innovative und erfolgshungrige Leute zu finden ist noch relativ einfach, weil sie für ihre Idee, für ihr junges Unternehmen brennen. Wie aber ist das in Unternehmen? Wie findet man dort Leute, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie originelle Ideen entwickeln und das auch noch nach längerer Betriebszugehörigkeit?

Das kommt wirklich auf das Management an. Ob Sie einen Chief Innovation Officer haben oder ein Chief Information Officer, sagt relativ viel über Ihre Unternehmung aus. Kümmert er sich um die IT oder kümmert er sich um die Innovationen? Wie viel Querdenken ist erlaubt? Wird auch Misserfolg und Scheitern belohnt? Das ist eine Frage der Unternehmenskultur.

Schauen sie sich Sixt an: Warum hat diese Firma eine bessere Webseite als jeder andere Autovermieter in Deutschland? Weil es ein familiengeführtes Unternehmen ist, kurze Wege, Innovation ist da erlaubt. Und damit kann man Leute begeistern. Aber vor allem der jüngeren Generation sei gesagt: das dauert. Innovation dauert. Und Veränderung dauert auch. Man muss also ein bisschen Geduld mitbringen, sonst sieht man den Erflog nicht.

Nun will nicht jeder Ingenieur selbst gründen, die Raumfahrt zieht aber dennoch viele an. Wie kann der Einstieg gelingen?

Weil es für die ESA als multistaatliche Organisation gar nicht so leicht ist, Ingenieure aus Deutschland zu bekommen, gibt es ein eigenes Programm, das nennt sich „Young Graduate Trainees“. Es richtet sich an Masterabsolventen. Die offenen Stellen werden jährlich Mitte November bekanntgegeben.

Tatsächlich haben wir viel mehr Ingenieure als etwa Wissenschaftler – jedoch nicht unbedingt direkt bei der ESA. Immerhin geht von den 5,3 Milliarden Euro Budget, das die ESA im Jahr hat, ungefähr 90% zur Industrie. Das heißt, wir sind wie der Architekt, der die Planung und das Quality Controlling macht. Die Spezialisierung der Ingenieure bei der ESA, beziehungsweise den Industriepartnern ist sehr hoch.

Welche Mitarbeiter suchen Sie?

Natürlich sind wir immer offen für Absolventen aus dem Raumfahrtbereich. Zusätzlich gibt es aber die Spezialisten für „Advanced Manufacturing“ und Materialwissenschaftler, die für die Raumfahrt enorm interessant sind. Denn bei uns geht es immer darum, Gramm einzusparen. Die Automobilindustrie rechnet in Kilowatt und wir rechnen in Milliwatt. Ein Telekommunikationssatellit, der ein Jahr länger fliegt, bringt einen zweistelligen Millionenbetrag Extraprofit. Also überlegen wir alle, wo wir Gewicht einsparen können: kleinere Batterie, kleinere Solarzellen? Weil einfach jedes Kilogramm, das Sie in den Weltraum hochbewegen, min. 20.000 € kostet. Deswegen sind bei uns die Gramm und die Redundanzen der Systeme extrem wichtig. Und auch Simulationen. Bei uns wird extrem viel simuliert. Sie müssen ein extrem guter Ingenieur sein, um da Leichtbau, Widerstandsfähigkeit und Leistung in einem Produkt zu kombinieren.

Wer das mitbringt, den erwarten in der Raumfahrt allerdings spannende Projekte. Auf welche Technologie, an der ihre Mitarbeiter heute forschen, dürfen wir uns in Zukunft freuen?

Der ganze Bereich Robotik ist natürlich hoch spannend. Direkt hinter meinem Office haben wir ein Labor, da ziehen Sie eine 3-D-Brille an, steigen mit Ihrem rechten Arm in ein Exoskelett, sehen etwas, fassen es an und fühlen es, es ist aber 300 km weit weg.

Ein anderes heißes Thema ist die Quantenkryptographie: Man übertrat eines von zwei verschränkten Fotonen, und Überträgt seinen Kryproschlpüssen!  Der ganze Bereich der Erdbeobachtung: Wenn Sie heute schwimmen gehen, kann ich Ihnen sagen, wie die Wassertemperatur ist und wie die Wasserqualität, dazu noch die Windgeschwindigkeit. Ich raten Ihnen, was für eine Sonnencreme Sie brauchen. Wir können sogar feststellen, ob das Gras, auf dem Sie liegen, mehr Dünger braucht oder nicht. Das wird irgendwann alles in Echtzeit gehen.

Und dann gibt es natürlich strategische Projekte. Mein oberster Chef Prof. Dr. Jan Wörner hat Idee des Moon Village. Aber wir müssen es vielleicht eher wie eine Stadt denken. Warum überlassen wir es nicht ABB und Siemens, dort Strom herzustellen? Und Linde und Gasprom, Sauerstoff und Wasser zu produzieren? Also ein Betreibermodell. Wenn Sie heutzutage eine Stadt bauen – egal, wo auf der Welt –, machen Sie das auch nicht selber, sondern das lassen Sie machen. Warum sollten wir nicht Land auf dem Mond  für 99 Jahre verleasen? Wir brauchen ein anderes Business-Modell für den Mond. Denn wir müssen unsere Technik auch verkaufen und daran scheitert es oft.

Von Lisa Schneider und Wolfgang Schmitz

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