Unternehmensfinanzierung 13.11.2009, 19:43 Uhr

Immer mehr Mittelständler entdecken den Schuldschein  

Mit Schuldscheinen finanzieren sich traditionell vor allem Kommunen und Bundesländer, aber auch Sparkassen und Landesbanken. Jetzt entscheiden sich auch viele Unternehmen für das klassische Finanzinstrument, um von Bankkrediten weniger abhängig zu sein. Zusätzlicher Vorteil: Emissionskosten und -aufwand sind deutlich geringer als bei Anleihen. VDI nachrichten, Düsseldorf, 13. 11. 09, ps

Seit Ausbruch der Finanzkrise haben Konzerne wie BMW, Bosch und Daimler Schuldscheine begeben, deren Nominalbetrag zum Teil deutlich über 1 Mrd. € lag. Nun kommen auch große Mittelständler auf den Geschmack.

Anfang Oktober lancierte die Darmstädter Software AG zwei Schuldscheine über insgesamt 220 Mio. €. Zur gleichen Zeit begab der Pumpenhersteller KSB aus Frankenthal ein Schuldschein-Darlehen über 100 Mio. €. Auch der Mannheimer Schmierstoff-Lieferant Fuchs Petrolub, das hessische Versorgungsunternehmen HEAG und viele andere klassische deutsche Mittelständler sind dabei.

Ein Schuldschein-Darlehen ist oft die erste Wahl, wenn die Hausbank keinen Kredit mehr geben kann, weil ihre finanziellen Spielräume erschöpft sind. Ebenso wie bei Anleihen muss der Emittent keinerlei Sicherheiten stellen. Unter Umständen sind Schuldscheine aber deutlich günstiger als Bonds. Obendrein ist der bürokratische Aufwand erheblich geringer.

Die Zahlen zeigen, wie kräftig die Nachfrage zunimmt. „Bis 2006 haben die Unternehmen pro Jahr Schuldscheine mit einem Nominalwert von etwa 4 Mrd. € bis 5 Mrd. € begeben. Im vergangenen Jahr stiegen die Emissionen sprunghaft auf etwa 20 Mrd. € an“, sagt Christoph Zender, Experte für Unternehmensfinanzierung bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Dieses Jahr erwartet die LBBW ein ähnlich hohes Volumen wie 2008. Doch jetzt wird die Nachfrage vor allem von Mittelständlern statt von Konzernen angetrieben. „Die Zahl der Transaktionen beträgt dieses Jahr bereits 65. Sie hat sich damit gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Zugleich sank das durchschnittliche Volumen der Emissionen auf die Hälfte“, resümiert Zender.

Der Schuldschein ist eine Besonderheit des deutschen Rechts. Er ähnelt zwar der Anleihe, ist aber kein Wertpapier, sondern eher ein bilateraler Darlehensvertrag. Im Prinzip können die Emittenten die Papiere unmittelbar bei den Investoren platzieren. In der Praxis treten jedoch Banken als Mittler zwischen Gläubiger und Schuldner, damit die Konditionen eines Schuldscheins im Interesse aller Beteiligten festgelegt werden.

Dieses Geschäft teilen sich eine Handvoll großer Banken. Als Marktführer gilt die LBBW, die an rund der Hälfte aller Transaktionen beteiligt ist. Zu den führenden Anbietern gehören ferner BayernLB, Commerzbank, Deutsche Bank, DZ Bank, Helaba und WestLB. „Seit kurzem drängen auch ausländische Anbieter wie die britische Großbank HSBC auf den Markt“, sagt Andreas Petrie, Leiter der Abteilung für Kapitalmarktfinanzierungen bei der Helaba.

Banken sind gleichzeitig auch die wichtigsten Halter von Schuldscheinen. „Rund 30 % bis 50 % des Investitionsvolumens entfällt auf Sparkassen und Genossenschaftsinstitute“, schätzt Petrie. Einen etwa gleich hohen Anteil halten Landesbanken und andere Großbanken. Auch Versicherer und Pensionskassen nehmen gerne Schuldscheine von Firmen mit guter Bonität.

Begehrt sind derzeit vor allem Papiere aus Branchen mit stabiler Geschäftsentwicklung wie Einzelhandel und Pharmazie. Doch auch im krisengeschüttelten Maschinenbau gibt es erfolgreiche Platzierungen. So hat der ostwestfälische Landmaschinenhersteller Claas im Juni 2009 zwei Schuldscheine über insgesamt 250 Mio. € begeben. Der Maschinenbauer Voith aus Heidenheim nutzt dieses Finanzinstrument ebenfalls.

Zuweilen ist das Interesse der Investoren unerwartet hoch. Der Pumpenhersteller KSB, der mit seiner Emission Anfang Oktober ursprünglich 75 Mio. € aufnehmen wollte, hat den Betrag wegen hoher Nachfrage auf 100 Mio. aufgestockt. „Wenn die Unternehmen eine starke Stellung auf dem Markt haben und die Perspektiven stimmen, sind derzeit auch in zyklisch geprägten Branchen erfolgreiche Emissionen möglich“, bilanziert LBBW-Fachmann Zender.

Unternehmen wie Claas, KSB oder Voith gehören mit ihren Milliarden-Umsätzen sicherlich zu den ganz großen Vertretern des Mittelstands. Aber auch kleinere Firmen können Schuldschein-Darlehen begeben. Die Helaba sieht die Untergrenze bei einem Umsatz von etwa 250 Mio. € und einem Emissionsvolumen von 20 bis 30 Mio. Die LBBW zieht die Grenze bei einem Darlehensbetrag von 15 bis 20 Mio. €.

Schuldscheine haben gegenüber Anleihen den Vorteil, dass sie relativ billig sind. Es müssen keine Emissionsprospekte für Investoren, Börse und Finanzaufsicht aufgelegt werden – damit entfallen viele Ausgaben für Anwälte und Wirtschaftsprüfer. Heleba-Experte Petrie beziffert die Kosten eines Schuldscheins auf 0,3 % bis 1 % des Nominalbetrags. Bei Anleihen können dies schon mal 3 % und mehr sein.

„Externe Ratings sind nicht erforderlich“, sagt Michael Legeland, Leiter der Abteilung für syndizierte Kredite bei der Commerzbank. Allerdings sollten die Emittenten beachten, dass die Banken, die die Schuldscheine übernehmen, eine normale Kreditprüfung machen.

Auch wenn die Emittenten nicht geratet werden, muss ihre Bonität über jeden Zweifel erhaben sein. „Schuldschein-Darlehen eignen sich nicht für Unternehmen, die sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden oder gerade eine Restrukturierung durchlaufen“, warnt LBBW-Experte Zender.

Laufzeiten von drei bis fünf Jahren sind im Augenblick die Regel

Neben der Laufzeit ist die Bonität entscheidend dafür, wie hoch die Rendite ist, die der Emittent den Investoren bieten muss. In den Jahren vor der Lehman-Pleite lagen die Risikoaufschläge gegenüber ausfallsicheren Staatsanleihen bei etwa 100 bis 120 Basispunkten, also bei 1 % bis 1,2 %. „Heute sind, abhängig von der Bonität, bei einer Laufzeit von drei bis fünf Jahren Risikoprämien von 250 bis 400 Basispunkten üblich“, sagt Commerzbank-Experte Legeland.

Herkömmlicherweise beträgt die Laufzeit von Schuldschein-Darlehen zwei bis zehn Jahre. In der Krise haben die Investoren jedoch häufig nicht so viel Geduld. „Die Banken bevorzugen derzeit Laufzeiten von drei bis fünf Jahren“, sagt Legeland. Nur in Ausnahmefällen werden längere Fristen akzeptiert, etwa bei Versorgern. GÜNTER HEISMANN

Ein Beitrag von:

  • Günter Heismann

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