Gründer 15.03.2002, 17:33 Uhr

„Ich wollte richtig Action“

Legastheniker, Trödler, Bar­keeper, Gründer, Entrepreneur des Jah­res, Business Angel, Politikberater – mit seinen 33 Jahren blickt Cornelius Boersch bereits auf ein bewegtes Leben zurück. Seine ACG AG, entstan­den aus einer Laune heraus, ist heute ein weltweit agierender Komponenten- und Technolo­gie­­lieferant in den Märkten für Smart Cards und Halbleiter.

Auf Schule hatte ich keinen Bock“, gibt er unverblümt zu. „Außer Mädchen hatte ich nur noch Fußball im Kopf.“ Selbst aus seiner damaligen Legasthenie macht Dr. Cornelius Boersch kein Geheimnis: „Lesen gelernt habe ich erst dank Burg Schreckenstein.“ Immer wieder hat er sich durch die Jugendbuchreihe geackert. „Trotzdem haben immer alle gelacht, wenn ich vorlesen musste. Das war starker Tobak.“ Sein Vater studiert derweil das Buch „Diktat 6 – was nun?“, Klassenlehrer Ruppert empfiehlt: „Bestenfalls Hauptschule“ – zu Höherem sei der Junge nicht berufen. „Dieses Schreiben hängt heute bei mir im Büro“, schmunzelt der an der Uni Essen habilitierende Wirtschaftsexperte mit einer Spur Genugtuung.

Den Ehrgeiz, sich wider alle Erwartungen auf dem Gymnasium durchzubeißen, bringt der heute 33-Jährige vom Fußball mit. „Am Leder war ich wohl ziemlich gut.“ So gut, dass es für ein Stipendium an einer amerikanischen Highschool reichte. „Da habe ich mir bewusst mal wieder ein lockeres Jahr gegönnt: Auf dem Stundenplan standen Kurse wie ,Kochen I“ oder ,Photographie“. Und immer wenn ich Hausaufgaben vergessen hatte, klopfte mir der Lehrer nur auf die Schulter und sagte: ,Don“t worry, Conny, you play soccer for us…“

„Irgendwann habe ich mir dann aber gedacht: Du musst auch mal was Richtiges lernen.“ Kurzerhand überspringt er die 11. Klasse, macht Abitur und strebt eine wissenschaftliche Ausbildung an der renommierten European Business School in Oestrich Winkel an. „Um den Sprachanforderungen zu genügen, ging ich nach Frankreich. Offiziell habe ich da studiert. Tatsächlich aber habe ich vor allem als Barkeeper gearbeitet. Das ist immer noch mein Traumjob – so ehrlich, so direkt.“

Den Kaufmann in sich entdeckt der später von Ernst & Young zum Entrepreneur des Jahres 2000 gewählte Boersch schon früh: „Auf Trödelmärkten habe ich morgens die Waren vom Nachbarstand gekauft und tagsüber mit Aufschlag wieder verkauft.“ Auf ähnliche Weise finanziert er die Zeit in Frankreich – nur im für ihn typischen, großen Stil: „Ich verkaufte zusammen mit einer Agentur Schlösser an deutsche Investoren. Die Objekte waren für einen Appel und ein Ei zu haben – der Franzose an sich will halt entweder in Paris oder an der Côte d“Azur wohnen. Die erzielten Provisionen waren für einen Studenten schon ganz ordentlich.“

Den Grundstein für den richtig großen Coup legt Boersch aber während eines Auslandssemesters in Colorado Springs. „Eine lustige Geschichte.“ Lächelnd greift er zu Stift und Papier und erklärt: „Das ist die Straße Richtung Uni. Hier ist eine Abfahrt zu Onkel Jay, meinem Gastonkel. Und das hier, an der Kreuzung, das bin ich – im Schneetreiben, in meinem alten Subaru, überlegend, ob ich Onkel Jay noch besuche.“ Er hat den Umweg genommen. „Und das war der Ursprung dafür, dass 600 Leute heute einen Job haben!“ Denn: „Onkel Jay erzählte mir von seiner Erfindung, der Notfallkarte.“ Notiert waren darauf alle medizinisch wichtigen Daten des Inhabers. „Ich dachte mir, dafür gibt es auch in Deutschland einen Markt – und gründete eine GmbH.“ Namensgebend waren die Freunde aus der Wohngemeinschaft: „Aus Sabine, Bernie und Conny – das bin ich – wurde SaBeCo“.

Das Geschäft läuft anfangs schlecht. Auch die Ergänzung der Karte um einen Chip führt nicht zum erhofften Erfolg. Erst ein Griff in die Trickkiste lässt die Kundenzahl zaghaft steigen: „Rund um meinen Schwager haben wir einen Ärzteverein gegründet – den ,Heidelberger Ärzteverein“. Dieser hat die Karte natürlich empfohlen…“ Eingehende Anträge werden von Boersch und seinem Partner Friedrich von Diest per Hand abgearbeitet: „Beim Einschweißen der Datenbögen habe ich mir laufend die Finger verbrannt. So hatte ich mir Selbstständigkeit eigentlich nicht vorgestellt. Zumal das Geschäft nicht sonderlich lukrativ war.“

Erst die Konzentration auf Brokerage bringt die Wende. „Wir hatten im Laufe der Zeit jede Menge Wissen über Chips und den Kartenmarkt angesammelt.“ Selbst technische Details sind den beiden Ökonomen inzwischen nicht mehr fremd. „Das ist kein Hexenwerk. Ich kann jeden Fachmann fünf Minuten darüber im Dunkeln lassen, dass ich nicht wirklich ein Experte bin. Außerdem hatten wir ziemlich früh Ingenieure eingestellt.“ Immer öfter fragen nun Halbleiter- und Kartenhersteller nach geeigneten Chips für ihre Produkte. „Da haben wir uns überlegt: Wenn wir ihnen schon sagen, was sie kaufen sollen, dann können wir es ihnen doch auch verkaufen.“ Es entsteht ein Netzwerk aus Lieferanten und Abnehmern, die Basis der 1995 gegründeten ACG AG.

Doch das Geld ist noch immer knapp. „In Spitzenzeiten hatte ich 120 000 DM Miese auf meinem Girokonto, welches als Firmenkonto diente.“ Der Vater, ein Bankvorstand, bürgt. „Ich wollte aber richtig Action.“ Langsames Wachstum kommt für den Bayern-Fan nicht in Frage. Den finanziellen Treibstoff zum Durchstarten liefert schließlich Business Angel Theodor Prümm. Ein Investment, dass sich lohnen sollte. Der Kurs von ACG, im Juli 1999 mit 17,5 Euro erstmals notiert, verachtfachte sich in weniger als einem Jahr. Doch der folgende Börsencrash hinterlässt auch beim Broker für Chipkartensysteme Spuren: Seit Monaten dümpelt das Papier im einstelligen Bereich. „Trotzdem sind viele unsere Mitarbeiter, die wir einst mit großzügigen Anteilen ans Unternehmen gebunden haben, längst von Multimopps, also ,Multimillionaires on paper“, zu echten Millionären geworden. Und das freut mich. Ich freue mich mehr, wenn meine Leute Geld haben, als wenn ich es selbst habe.“ Das Unternehmen ist wie eine Familie – wer nach „Dr. Boersch“ fragt, wird mit „Conny“ verbunden…

Boersch ist Mitte 2000 aus dem operativen Geschäft der im Nemax 50 notierten AG ausgeschieden und sitzt seither im Aufsichtsrat. Außerdem wirkt er als Business Angel. „Ich möchte dabei sein, wenn etwas Neues entsteht. Ich möchte das Leuchten in den Augen des Gründers sehen, der von seiner Idee überzeugt ist.“ Inzwischen betreut er über 20 Betriebe, unterstützt von angestellten Experten. Investitionsfokus? „Ich bin opportunistischer Schnäppchenjäger. Bei günstigen Firmen und starken Teams kann ich nicht nein sagen, unabhängig von der Branche.“

Boersch gibt sein Geld aber nicht nur Mitarbeitern und Jungunternehmern. Eine von ihm eingerichtete Stiftung hilft z.B. beim Aufbau von Kinderheimen in Rumänien oder kauft Geräte für Kinderkliniken. „Ich möchte was tun für die Allgemeinheit.“ Deshalb mischt er sich auch in die Politik ein. Er berät den FDP-Parteivorsitzenden Guido Westerwelle in Wirtschaftsfragen. „Das fällt übrigens auch irgendwie in die Rubrik Stiftung. Wenn wir nach vier wirtschaftpolitisch nutzlosen Jahren weiter solch eine Politik praktizieren, gehen bald nicht nur in der New Economy die Lichter aus.“ STEFAN ASCHE

Ein Beitrag von:

  • Stefan Asche

    Stefan Asche

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: 3-D-Druck/Additive Fertigung, Konstruktion/Engineering, Logistik, Werkzeugmaschinen, Laser

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