Standpunkt 04.11.2013, 12:00 Uhr

Hoffen auf den Dot.com-Crash 2.0

Martin Weigert, etablierter Blog-Autor bei netzwertig.com, wünscht sich, dass die derzeit verstärkt diskutierte Dot.com-Blase 2.0 endlich platzen möge. Seine Argumente sind interessant.

Laut Weigert haben Blasensichtungen gerade wieder Hochkonjunktur. „Wen wundert’s, wenn keine Umsätze generierende Social-Web-Dienste wie Pinterest oder Snapchat Bewertungen von fast vier Milliarden Dollar erreichen? Wenn Startups ganz bewusst auf eine Monetarisierung verzichten, um ihre Bewertungen auf Basis von Fiktionen und Träumereien in die Höhe zu katapultieren? Wenn ein in der Entwicklung befindlicher Payment-Dienst namens Clinkle 25 Mio. Dollar einsammeln kann? Wenn eine unprofitable Firma wie Twitter einen Milliardenbörsengang wagt? Wenn die Immobilienpreise im Silicon Valley in nicht gekannte Dimensionen vorstoßen?“

Der Eindruck, dass sich Teile der vorrangig US-amerikanischen Webbranche derzeit vor allem aus der Hoffnung ernähren, Startups mit dem Argument massiver Ertragspotenziale in der Zukunft rechtzeitig (an Yahoo) verkaufen oder an den Aktienmarkt bringen zu können, lässt sich laut Weigert sich nur schwer von der Hand weisen. „Und – tatsächlich typisch für eine Blase – finden sich derzeit genug Leute, die diese Geschichten glauben, ihrerseits Getrieben von der Vorstellung, zu einem späteren Zeitpunkt jemand zu finden, der noch mehr Geld für einen Startup-Anteil zu zahlen bereit ist.“

Weigert resümiert: „Ob die momentanen Ereignisse wirklich auf das baldige Platzen einer Blase hindeuten oder nicht, weiß ich nicht. Ich hoffe es aber. Ich wünsche mir, dass wir momentan tatsächlich Zeuge einer Technologieblase werden, und dass diese mit einem Knall verschwindet. Ich wünsche mir ein Ende der meines Erachtens nach ungesundenen Überhitzung der Webwirtschaft, welche den Fokus von Unternehmern und Investoren in großer Zahl auf Spielereien wie die eigenwillige Foto-App Frontback, auf die unermüdliche Optimierung von Werbung und auf die Verwandlung von Nutzern in gläserne, leicht manipulierbare Konsumenten lenkt. Ich habe nichts Grundsätzliches gegen werbefinanzierte soziale Netzwerke, die perfekt “Personalisierung” und die ein oder andere Selfie-App. Ich denke aber, dass die derzeitige, auf blumigen Spekulationen fußende Marktsituation falsche Anreize setzt und zu viele Leute davon abhält, die beste Technologie jemals – das Internet – für sinnstiftende Innovationen und Geschäftsmodelle mit wirklichem Problemlösungscharakter zu nutzen. Stattdessen konzentrieren sich tausende Gründer auf die Schaffung von Lock-In-Effekten, Suchtzuständen und Instrumenten zur Maximierung der Ablenkungsbereitschaft der Anwendern von wichtigen Dingen, angetrieben von der Aussicht auf millionenschwere Exits, und gefördert von Venture Capital-Firmen, die ihrerseits darauf hoffen, dass sich irgendeiner Dummer findet, der ihnen jede noch so absurde Spekulation abnimmt.“

Weigert hat trotz seiner bösen Wünsche kein schlechtes Gewissen. „Denn im Gegensatz zum Jahr 2000 würde ein solches Ereignis die Internetwirtschaft dieses Mal nicht in ihren Grundfesten erschüttern. Weite Teile des Ökosystems sind gesund, arbeiten profitabel und bedienen den stetig wachsenden Hunger der weltweiten Webbevölkerung nach digitalen Dienstleistungen, Einkaufserlebnissen, Informationen und Inhalten. Eine aktuelle Blase, sofern sie existiert, überlagert nicht die gesamte Onlineindustrie, sondern beschränkt sich auf bestimmte Segmente, wie das soziale Web sowie wackelige Geschäftsmodelle in Frühphasen, bei denen eine Werbevermarktung die vorrangige Einnahmequelle darstellt. Ich hoffe auf das Platzen einer Blase, weil ich glaube, dass dies dem Netz gut täte.“

Von sta

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