Gründer 06.10.2000, 17:26 Uhr

Hightech für trockene Fundamente

Wer nicht Zellen unter dem Mikroskop klont oder das Handy in ein mobiles Auktionshaus verwandelt, der gilt im öffentlichen Ansehen kaum als echter Innovator. Doch es gibt sie auch in der Baubranche, die als eingefahren und kaum gründerfreundlich gilt.

Mit Elan und schnellen Schritten stapft Bauingenieur Gerd Pleyers über das matschige Gelände einer Aachener Baustelle. Dass seine schwarzen Straßenschuhe dabei langsam die Farbe von Lehm annehmen, scheint ihn nicht zu stören. Pleyers ist ein Mann mit einer Mission.
An dem Bürokomplex-Rohbau hat er einen Wasserschaden entdeckt, handbreit steht das Wasser auf dem Beton-Fundament. Als er ein Stück durchtränkten Dämmstoff von der Betonwand zieht, um darunter zu schauen, taucht der technische Leiter der Baustelle auf. Fremde haben auf einer Baustelle nichts verloren. Aber Pleyers lächelt den Mann freundlich an, fährt sich kurz durch seine dunklen Haare und beginnt, seine Mission, seine Produktidee zu erklären. Denn Pleyers ist ein Erfinder – und einer, der von seiner Sache überzeugt ist.
„Der Wasserschaden hier“ erklärt er, ist ein „Parade-Beispiel“ für den Einsatz seiner Erfindung, einem Polyurethan-Harz, namens „Base-impreg“, das als Grundierung außen auf die Beton-Kellerwände oder das Fundament aufgetragen wird und bis zu 10 mm tief in den Baustoff eindringt. Anders als übliche Grundierungen ist es lösungsmittelfrei, druckwasserdicht und durch äußere Einwirkungen nicht zu zerstören. „Eine Art Tiefenversiegelung“, so Pleyers, „vergleichbares gibt es in der Bauchemie bislang nicht.“ Und mit „Base-impreg“, da ist er sich ganz sicher, „würde jetzt hier kein Wasser stehen.“
Der technische Leiter zeigt sich interessiert. „Small talk ist wichtig – und auch Produktnamen, die sich jeder auf dem Bau merken kann“, sagt der Erfinder hinterher und rückt sich seine Brille zurecht.
Immer wieder macht Pleyers- solche Ausflüge auf Baustellen der Umgebung, sammelt Beispiele, macht Fotos von den Schäden.
Denn er hat eine ganze Produktpalette entwickelt – „base-impreg“, „bridge-impreg“ und „canal-impreg“ – die Rohbauten, aber auch Brücken und Kanäle vor Wasserschäden und Korrosion schützen soll.
Seine rastlose Suche nach Fallbeispielen in der Umgebung von Aachen hat einen handfesten Grund: Pleyers will endlich ins Geschäft kommen, will seine Produkte auf den Markt bringen. „Anfang nächsten Jahres bekomme ich die europaweiten Patente für die neuen Kunststoffe“, erzählt er. Die Patentanmeldungen haben den 35-Jährigen bisher soviel gekostet „wie eine Mercedes-Limousine“, erzählt er, an seinem roten Volkswagen angekommen und schüttelt den Baustellensand von den Schuhen. Finanziert hat er das Ganze mit Hilfe seiner Frau, einer Lehrerin.
Denn noch fließt kein Geld aus seinen Erfindungen, und der Ingenieur lebt von Gutachten über Bauschäden, die er für private Bauherren und Unternehmen erstellt. „Pleyers Innovative Bauwerksabdichtungen“ heißt seine Firma in Würselen bei Aachen.
Bis vor kurzem hat er am Institut für Bauforschung der RWTH Aachen über seiner Doktorarbeit „Abdichtung von porösen Baustoffen durch Injektion“ gesessen. „In Aachen ist man als wissenschaftlicher Mitarbeiter freier Erfinder“, lobt Pleyers das Klima an seinem Institut. Das half, denn eins war ihm immer klar: Eines Tages würde er sich selbstständig machen.
Fünf Jahre hat er mit einem Kollegen an den Imprägnierungen geforscht. „Der Clou daran ist“, Pleyers reibt sich die Hände, „dass wir die neue Imprägnierung weitgehend aus handelsüblichen Stoffen gemischt haben.“
Selbst im Handschuhfach hat er immer eine Probe dabei, einen mit „base-impreg“ getränkten Betonstreifen, ein Miniatur-Fundament, auf das im Einsatz auf dem Bau noch eine Dickbeschichtung und dann eine Dämmbahn aufgetragen wird. „Unser Produkt ist ein Add-On“, erklärt er, dann folgt die Marketing-Strategie: Weil das Produkt teurer sein wird als herkömmliche Grundierungen, soll es im Paket mit einem Marken-Dämmstoff als „Abdichtungssystem für Keller“ vertrieben werden. Schließlich ließen sich damit laut Schätzung in Deutschland Wasser- und Bauschäden in Höhe von bis zu 1 Mrd. DM vermeiden. Den maximalen Umsatz für sein Produkt schätzt Pleyers auf 150 Mio. DM im Jahr.
Trockenübungen in Sachen Marketing hat der gebürtige Niederländer beim Business-Plan-Wettbewerb der Gründerinitiative „Neues Unternehmertum Köln (NUK)“ gemacht, der jedes Jahr im November startet. Mit der „impreg“-Idee hat Gerd Pleyers gemeinsam mit seinem Bruder Peter, einem Betriebswirt, im vergangenen Jahr den zweiten Platz belegt. „Da musste ich mir zum ersten Mal Gedanken über genaue Geschäftsziele, Chancen und Risiken und einen Finanzierungsplan machen.“ Professionelle Berater, Anwälte und Unternehmer halfen bei der Entwicklung des Geschäftsplans.
Die NUK-Sponsoren haben mit ihrer Arbeit schon 190 potenziellen Gründern geholfen: Davon haben 111 in den letzten drei Jahren ein Unternehmen aufgezogen. Den Business-Plan-Wettbewerb gewinnt nur, wer eine marktfähige Idee hat – „die muss technisch und finanziell herausragend sein“, sagt Peter Hamacher, NUK-Betreuer.
Von Pleyers hält der Ideen-Geburtshelfer große Stücke: „Pleyers ist ein Unternehmer-Typ, und seine Idee ist ohne Zweifel außergewöhnlich.“ Deshalb lächelte Pleyers auch für die letzte NUK-Werbekampagne von vielen Plakatwänden im Rheinland, mit hochgekrempeltem Ärmeln und Cordhose an den Rohbau seines eigenen Hauses gelehnt.
Der Rohbau in Würselen bei Aachen ist mittlerweile fertig geworden, in Pleyers kleinem Büro im Erdgeschoss hängt die Trophäe einer zweiten Gründer-Initiative: die Siegerurkunde des bundesweiten „Start Up“-Wettbewerbs. Pleyers Geschäftsplan kam immerhin unter die ersten 40 von einigen hundert Teilnehmern.
Ansonsten stapeln sich in dem kleinen Büro die Symbole eines ehrgeizigen Jung-Unternehmers in spe. Eine große Weltkarte hängt über dem riesigen schwarzen Schreibtisch, im Zeitschriftenständer Wirtschaftsmagazine und im Bücherregal steht eine Ausgabe von Bill Gates“ „Der Weg nach vorn“.
Im Vergleich damit nimmt Pleyers erst noch Anlauf. In seinem Ledersessel vor dem großen Computer-Bildschirm zerbricht er sich zur Zeit den Kopf darüber, ob seine Pläne, ein eigenes Vertriebsnetz für seine Produkte aufzuziehen, nicht doch ein wenig zu weit gehen.
Denn bei allem Elan und trotz Patenten in der Tasche fehlt ihm dazu noch das nötige Geld. Nicht zuletzt, weil Pleyers bisweilen dickköpfig sein kann. Der Vertragsabschluss mit einer Kölner Venture-Capital-Gesellschaft scheiterte in letzter Sekunde, weil Pleyers letztlich die „unternehmerische Entscheidungsfreiheit“ in dem Vertrag fehlte. „Ich möchte Lizenzverträge alleine abschließen können, und mich nicht jedes mal mit der Gesellschaft darüber abstimmen müssen.“

Der Jungunternehmer setzt jetzt auf Business-Angels

So hat er sich als Minimum an Startkapital für seine GmbH zinsverbilligte Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau und Zuschüsse aus der Landeskasse Nordrhein-Westfalen gesichert. Üppiger hätte der Gründer allerdings mit der Beteiligung einer Wagniskapitalgesellschaft dagestanden.
Bei anderen professionellen Wagniskapitalgebern stößt Pleyers Selbstbestimmtheit auf Kopfschütteln. „Es gibt immer wieder Gründer, die es furchtbar finden, sich mit anderen zusammentun zu müssen“, konstatiert Gert Köhler, Verwalter des neuen Wagniskapitalfonds des Landes Nordrhein-Westfalen „NRW-Fonds“ in Frankfurt.
Dabei sieht sich Pleyers überhaupt nicht als halsstarrig: „Natürlich ist mir klar, wenn andere Finanziers mit ins Boot kommen, muss ich Einschränkungen hinnehmen.“
Statt auf Beteiligungsgesellschaften, hofft der selbstbestimmte Bauingenieur nun auf Hilfe von oben: auf einen „Business-Angel“, einen erfahrenen Unternehmer aus der Bau- oder Bauchemiebranche, der bei Pleyers einsteigt. „Am besten wäre ein Partner, der auch im Ausland aktiv ist“, sagt Pleyers und rückt dabei mit seinem Sessel ein wenig näher an die Weltkarte heran. Denn auf den Märkten Südamerikas und Asiens wartet ein riesiger neuer Markt: Statt nasser Fundamente gilt es, dort Millionen undichter Flachdächer zu versorgen. Die Anmeldungen für weltweite Patente hat Pleyers schon in der Schublade. Nur eine Besichtigungstour zu den exotischen Baustellen steht noch aus. PETRA WENZEL

Business-Plan-Wettbewerb

Starthilfe für junge Unternehmer

Der Schritt von der guten Idee zum Unternehmer ist nicht einfach. Der Verband „Neues Unternehmertum Köln-Bonn-Aachen“ will ab November mit einer neuen Runde von Businessplan-Wettbewerben potenziellen Gründern helfen, tragfähige Konzepte zu entwickeln und erfahrene Ratgeber kennen zu lernen. Voraussetzung zum Mitmachen ist eine Idee für ein innovatives Produkt oder eine neue Dienstleistung, egal aus welcher Branche. Information unter: www.n-u-k.de oder das NUK-Büro Köln, Schaafenstr. 7, 50676 Köln, 0221/ 262222. pw

Von Petra Wenzel
Von Petra Wenzel

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